Diabetes

Blutzucker messen ohne Pieks: Start-up entwickelt neuen Test

Finger drauf: Diamontech-Gründer Thorsten Lubinski hat ein Gerät entwickelt, das Diabetikern den klassischen Stich in den Finger erspart. Nun will er sein Unternehmen an die Börse bringen.

Finger drauf: Diamontech-Gründer Thorsten Lubinski hat ein Gerät entwickelt, das Diabetikern den klassischen Stich in den Finger erspart. Nun will er sein Unternehmen an die Börse bringen.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Berlin.  Das Start-up Diamontech hat einen Blutzuckertest entwickelt, der Diabetikern den Pieks erspart. Nun wollen die Berliner an die Börse.

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Noch vor vier Jahren hätte das Gerät, das Thorsten Lubinski (45) in seiner Hand hält, kaum durch eine Tür gepasst. Lubinski ist Gründer und Geschäftsführer des Berliner Start-ups Diamontech.

Das Unternehmen hat ein minimal-invasives Verfahren zum Messen des Blutzuckerspiegels entwickelt. Gewissermaßen durch Fingerauflegen können Diabetes-Patienten ihren Wert im Blut bestimmen. Doch so komfortabel war es nicht immer.

Das Gerät, das im kommenden Jahr auf den Markt kommen soll, hatte noch 2015 die Größe eines Kühlschranks. Lubinski und der wissenschaftliche Kopf hinter der Erfindung, Hochschullehrer Werner Mäntele aus Frankfurt am Main, verkleinerten die Technik nach und nach.

Neuer Blutzuckertest: Erleichterung für Millionen Menschen

Im vergangenen Jahr gelang es ihnen, den Apparat in der Größe eines Schuhkartons zu bauen. Jetzt ist das Blutzuckermessgerät so groß wie ein handelsübliches Smartphone.

Die Technik des Berliner Unternehmens verspricht Erleichterung für Millionen Diabetiker weltweit. Ein Großteil der Patienten bestimmt derzeit noch ihren Blutzuckerspiegel mithilfe eines vergleichsweise alten Verfahrens.

Dabei stechen sie sich in den Finger, pressen einen Blutstropfen auf einen Teststreifen und legen den Teststreifen in ein Blutzuckermessgerät. Das sei durchaus schmerzhaft und auch umständlich, sagt Thorsten Lubinski.

Ein Lichtstrahl ersetzt den Stich durch die Haut

Die Diamontech-Technologie funktioniert dagegen so: Mithilfe eines optischen Sensors wird ein Lichtstrahl auf die Haut gelenkt, der die Glucosemoleküle unter der Hautschicht erwärmt. Die Patienten selbst bemerken die Erwärmung nicht.

„Unser Gerät aber ist so genau, dass es bereits winzigste Temperatur-Veränderungen wahrnehmen und so den Blutzuckerwert aus der Wärme-Entwicklung berechnen kann“, erklärt Lubinski. Erst kürzlich hatte eine klinische Studie die Wirksamkeit des Verfahrens bestätigt.

So wie die Berliner buhlen derzeit weltweit Wissenschaftler und Unternehmen mit neuen Messverfahren um Diabetes-Patienten. Mediziner schätzen, dass es global rund 450 Millionen Menschen gibt, die an den Folgen der Erkrankung leiden. In Deutschland ist fast jeder zehnte Einwohner Diabetiker. Auch immer mehr Kinder erkranken: So geht man mit Diabetes um.

Investoren gaben rund zwölf Millionen Euro

Nahezu 95 Prozent der Patienten messen allerdings derzeit noch mit herkömmlichen Teststreifen ihren Blutzuckerspiegel. Neuartige Verfahren, wie das Messen mithilfe eines Pflasters oder über eine Kontaktlinse anhand der Tränenflüssigkeit, seien aber längst nicht so genau wie die Diamontech-Methode, behauptet zumindest Gründer Lubinski.

Investoren sehen das offenbar ähnlich. Bislang konnte das Berliner Start-up rund zwölf Millionen Euro einsammeln, um das Produkt weiterzuentwickeln, Studien durchzuführen und Patente einzureichen.

Noch mehr Geld soll nun ein Börsengang in die Kassen des jungen Unternehmens spülen. Diamontech will in den kommenden Wochen auf diese Weise weitere 50 Millionen Euro einsammeln und dafür rund 25 Prozent der Anteile abgeben.

Diamontech hat bereits Vereinbarungen mit Vertriebspartnern

Thorsten Lubinski ist zuversichtlich, dieses Ziel zu erreichen. Schließlich hat Diamontech bereits heute Vereinbarungen mit Vertriebspartnern in China über 100.000 Geräte pro Jahr und in Japan über 10.000 Instrumente pro Jahr getroffen.

In dieser Woche vermeldete das Unternehmen zudem, dass ein Partner aus Südamerika plant, 40.000 weitere Geräte zu erwerben. Allein dieses Geschäft wäre für Diamontech bis zu 100 Millionen Euro schwer.

In Deutschland will das Unternehmen das kompakte Blutzuckermessgerät zunächst selbst vertreiben. Dafür arbeitet Diamontech an einer Art Leasing-System. Dabei sollen Kunden ähnlich wie bei einem Mobilfunkvertrag ein Gerät zur Verfügung gestellt bekommen.

Das Diamontech-Abo soll monatlich 99 Euro kosten. Denkbar sei auch, dass irgendwann Krankenkassen einen Teil der Kosten übernehmen, sagt Lubinski. Mit einigen Versicherern sei das Unternehmen bereits im Gespräch. Zunächst gehe es dabei aber lediglich um die Durchführung eines Pilotprojekts.

Kopf hinter der Erfindung bot die Technik ursprünglich Brauereien an

Für den wissenschaftlichen Leiter von Diamontech, den Biophysiker Werner Mäntele, der jahrzehntelang an der Goethe-Universität Frankfurt am Main forschte, ist die nahende Markteinführung auch eine Genugtuung.

Mäntele hatte die Technologie ursprünglich entwickelt, um Moleküle in Flüssigkeiten bestimmen zu können. Weil das Verfahren auch funktionierte, um Inhaltsstoffe von Bier zu erkennen, bot er die Erfindung Brauereien an. Doch die Unternehmen lehnten ab.

Mäntele verbesserte die Methode weiter und traf irgendwann auf Thorsten Lubinski. Der Serien-Gründer hatte bereits in Berlin – zum Teil auch mithilfe der Samwer-Brüder („Rocket Internet“) – Start-ups aufgebaut. Noch direkt vor Diamontech baute er in San Francisco ein E-Commerce-Unternehmen auf. Das allerdings sei nur so lala gelaufen, gibt er zu.

2023 soll der Blutzuckerspiegel mithilfe eines Armbands überwacht werden

Diamontech will nun das Blutzuckermessen langfristig noch stärker zur Nebensache machen. Das Unternehmen arbeitet bereits daran, die Technik weiter zu verkleinern.

Spätestens 2023 soll dann aus der einst kühlschrankgroßen Technologie ein Armband geworden sein, das die Patienten bequem während des Tragens warnt, wenn der Blutzuckerwert zu hoch oder zu niedrig ist.

Dieser Text ist zuerst auf morgenpost.de erschienen.

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