Blackout

Facebook und Co.: Ausfall deckt Risiken der Netzwerke auf

| Lesedauer: 14 Minuten
Facebook unter Druck - Großbaustellen beim Online-Riesen

Facebook unter Druck - Großbaustellen beim Online-Riesen

Technische Pannen, Enthüllungen zu fragwürdigen Geschäftspraktiken und Pläne für eine Zerschlagung des Internet-Riesen: Facebook steht derzeit massiv unter Druck.

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Berlin.  Kein WhatsApp, kein Instagram: Facebooks Ausfall hat gezeigt, wie abhängig viele von dem Konzern sind. Warum das problematisch ist.

Über Macht spricht Mark Zuckerberg äußerst ungern – zumindest öffentlich. Vor rund einem Jahr bleibt dem Chef und Gründer von Facebook allerdings nichts anderes übrig, als über Macht und Abhängigkeiten zu reden. Zusammen mit dem damaligen Amazon-Chef Jeff Bezos, Apple-Chef Steve Cook und Google-Chef Sundar Pichai stemmt sich Zuckerberg gegen den Vorwurf, dass sein Konzern zu mächtig geworden sei und seine Marktmacht missbrauche.

„In vielen Bereichen stehen wir hinter unseren Wettbewerbern zurück“, erzählte der per Video zugeschaltete Zuckerberg den Abgeordneten. Apples Kommunikationsdienst iMessage etwa sei der populärste Messengerdienst in den USA, die chinesische Plattform Tiktok wachse am schnellsten und die größte Werbeplattform sei Google.

Von zu viel Macht keine Spur. Im Gegenteil. Zuckerberg verkauft seinen Konzern als einen Weltverbesserer. „Ich bin stolz darauf, dass wir Menschen, die vorher nie eine Stimme hatten, die Möglichkeit geben, gehört zu werden“, sagt er.

Facebook-Dienste waren stundenlang ausgefallen

Am Montag waren diese Stimmen weltweit stumm. Rund sechs Stunden lang fielen Facebook, Whatsapp und Instagram aus. Wer in Deutschland zwischen 18 Uhr und Mitternacht mit Familien oder Freunden über Whatsapp schreiben oder telefonieren wollte, die jüngsten Facebook-Einträge der Bekannten sichten oder sich auf unterhaltsame Fotos und Videos auf Instagram gefreut hatte, schaute ins digitale Nirwana. Nachrichten wurden nicht zugestellt, auf Facebook wurde lediglich eine Fehlermeldung ausgespielt.

Ausgerechnet beim Konkurrenten und Kurznachrichtendienst Twitter musste Facebook für die Störung um Entschuldigung bitten. Es war kein Hackerangriff, keine Attacke auf Facebook-Server. Ein Fehler bei einer neuen Einstellung im internen Datennetzwerk des Tech-Giganten sei schuld an der Panne gewesen, so das Unternehmen. Der Datenverkehr zwischen den Rechenzen­tren sei dadurch zusammengebrochen.

Facebook-Beschäftigte konnten nicht in ihre Büros

Nicht nur die 3,5 Milliarden Nutzerinnen und Nutzer weltweit, die mindestens einen Dienst aus dem Facebook-Universum nutzen, blieben durch den Ausfall abgeschaltet. Nicht einmal die eigenen Facebook-Beschäftigten konnten noch in ihre Büros. Denn die Zugänge funktionieren digital über eine Internetverbindung – von der Facebook aber abgeschnitten war.

Digital war das Problem offenbar nicht zu beheben. Laut „New York Times“ musste Facebook ein Team in sein Rechenzentrum schicken, dass bildlich gesprochen den Ein/Aus-Schalter betätigte – also einen manuellen Neustart der Server versuchte.

Facebook-Ausfall zeigt die Abhängigkeit

Im Netz ergossen sich Häme und Spott über den Konzern. „Hallo buchstäblich alle“, twitterte der Account des Kurznachrichtendienstes Twitter. Und Satiriker Jan Böhmermann schrieb: „Hoffentlich gehen Facebook, Instagram und WhatsApp nie wieder an.“

Bei aller Häme wurde aber vor allem eines deutlich: wie mächtig Facebook entgegen den Beteuerungen seines Chefs tatsächlich ist. Allein zwei Milliarden Menschen kommunizieren weltweit über Whatsapp. In Deutschland sollen es rund 58 Millionen sein.

Andere Seiten hatten ebenfalls Probleme

Doch selbst, wer sich andere Kommunikationskanäle außerhalb der Facebook-Firmen suchte, musste mit Widrigkeiten rechnen. „Es gibt kaum Seiten, die ohne Links zu facebook.com laufen“, sagte Cybersicherheitsexperte Rüdiger Trost vom finnischen Informationssicherheitsunternehmen F-Secure unserer Redaktion.

Wenn die Seite facebook.com aber nicht erreichbar ist, dauere auch das Laden auf anderen Seiten länger. Zudem seien viele Nutzerinnen und Nutzer auf andere Dienste ausgewichen – und hätten diese ebenfalls an den Rand des Leistbaren gebracht. „Das kann man sich vorstellen wie einen Fluss, der plötzlich aufgestaut wird. Wie das Wasser sich einen anderen Weg sucht, so sucht sich auch die Kommunikation andere Wege“, sagt Trost. Als Folge habe es etwa beim Kommunikationsdienst Telegram zeitweise Probleme bei der Anmeldung gegeben.

Alternative Dienste können Whatsapps Marktmacht nicht brechen

An Alternativen zu Whatsapp mangelt es nicht. Das wurde bereits zu Beginn des Jahres sichtbar, als Whatsapp seine Allgemeinen Geschäftsbedingungen aktualisierte und viele Nutzerinnen und Nutzer damit nicht einverstanden waren. Mit Signal und Threema erlebten damals zwei Plattformen einen regen Zuwachs, die mit hoher Datensicherheit werben.

Am Ende aber ist Whatsapps Macht ungebrochen. Im Gegensatz zu Threema ist die App kostenfrei. Und Datenschutz ist vielen offenbar auf dem Papier wichtiger als in der Praxis. Facebooks Liste an Datenskandalen ist lang. Einer der bekanntesten ist der große Datenmissbrauch von Cambridge Analytica. Die US-Firma hatte Millionen Datensätze von Facebook-Nutzern illegal abgeschöpft, um damit unter anderem Einfluss auf die Brexit-Abstimmung und die US-Wahl von Donald Trump zu nehmen. Wieder musste Mark Zuckerberg beim US-Kongress aussagen, dieses Mal entschuldigte er sich.

Facebooks Umgang mit Daten ist umstritten

Der Fall Cambridge Analytica macht deutlich, welche Macht Facebook mittlerweile errungen hat. „Du weißt nicht mehr, wo du am 5. Januar 2020 gesurft bist? Facebook weiß das. Und auch von welcher Seite du kamst und wo du danach warst“, sagt Cybersicherheitsexperte Rüdiger Trost.

Im Zweifel wisse Facebook mehr über einen als man selbst. Das mache den Konzern interessant für Cyberkriminelle. „Die Frage, wie sicher unsere Daten bei Facebook sind, ist so allgemein schwer zu beantworten. Aber ich würde sagen: eher unsicher als sicher“, sagt Trost.

Je mehr Menschen einen Dienst nutzen, desto schwerer wird der Umstieg

Warum aber kehren dem Konzern nicht mehr Nutzerinnen und Nutzer den Rücken? Selbst Zuckerberg hat vor dem US-Kongress auf Alternativen verwiesen – wohl wissend, dass sie für viele nicht infrage kommen.

Whatsapp hat früh den Grundstein für seinen Erfolg gelegt. Eine App, die so einfach zu bedienen ist, dass sie von Jung und Alt genutzt werden kann. Und die seit 2016 kostenlos ist, nachdem Nutzer zuvor noch 89 Cent für ein Jahresabo zahlen mussten.

Je mehr Menschen sich bei dem Messengerdienst anmeldeten, desto schwerer wird es, ihn wieder zu verlassen. Immerhin muss man sich mit seinem Umfeld erst auf einen neuen Dienst einigen. Sozialwissenschaftlich lässt sich dieser Effekt mit dem späten Stadium der sogenannten Pfadabhängigkeit erklären: Einen einmal eingeschlagenen Pfad geht man eher nicht wieder zurück, um einen neuen Pfad einzuschlagen. Man verfolgt ihn weiter – und nimmt negative Effekte zur Not in Kauf.

Oberster Verbraucherschützer kritisiert Marktmacht der Tech-Konzerne

„Tech-Giganten wie Google, Apple oder Amazon kontrollieren aus ihrer starken Marktposition heraus den Zugang zu Handelsplätzen und digitalen Ökosystemen. Sie können ihre eigene Marktstellung stärken, indem sie ihre Konkurrenz behindern und die Wahlfreiheit der Verbraucher/-innen einschränken“, sagte Deutschlands oberster Verbraucherschützer Klaus Müller unserer Redaktion.

Verbraucherinnen und Verbraucher seien oft von den Diensten abhängig, kritisiert der Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbandes (vzbv).

Auch viele Unternehmen nutzen Whatsapp

Whatsapp ist nicht nur ein beliebtes Freizeit-Kommunikationsmittel. Auch für viele Unternehmen ist der Dienst mittlerweile unerlässlich geworden. Laut einer repräsentativen Umfrage des Digital-Branchenverbandes Bitkom nutzt in Deutschland fast jedes dritte Unternehmen Social-Media-Kanäle für die interne und externe Kommunikation – zwei Drittel von ihnen nutzen Messengerdienste.

„Während viele Menschen für ihre private Kommunikation und den Austausch mit Freundeskreis oder Familie auf andere Kanäle ausgewichen sind, waren Unternehmen zum Teil an ihrer Arbeit gehindert“, sagte Bitkom-Präsident Achim Berg.

Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder betonte gegenüber unserer Redaktion, dass es wichtig sei, dass Unternehmen, Behörden und Betreiber systemrelevanter Infrastrukturen ihre Kommunikation auf verschiedene Kanäle verteilen, um bei Ausfällen Alternativen zu haben. Viele Plattformen würden als Schutz vor Angriffen zudem mehrere Rechenzentren nutzen. „Totalausfälle sind und bleiben damit extrem selten“, sagt Rohleder.

Abhängigkeit von digitalen Angeboten nimmt zu

Aber sie passieren immer wieder – und haben bisweilen gravierende Folgen, wie nicht zuletzt durch Hackerangriffe deutlich wurde. Im Frühjahr etwa legten Hacker den Pipeline-Betreiber Colonial lahm – und lösten damit in den USA Engpässe bei der Benzinversorgung aus.

Anfang des Jahres hatte es einen weltweiten Angriff auf Microsofts Exchange-Server gegeben – 250.000 Systeme waren betroffen. „Die heutige digitale Welt wird zusehends verletzlicher“, sagt Rüdiger Trost. Das Beispiel Microsoft zeige diese Verletzlichkeit. Wochenlang hätten bedeutende Teile der Wirtschaft ohne Schutz ihrer digitalen Infrastruktur dagestanden. „So etwas gab es in der analogen Welt einfach nicht“, sagt Trost.

Whistleblowerin erhebt schwere Vorwürfe

Der Totalausfall von Facebook zeigt nun eindrucksvoll, wie verletzlich auch die tägliche Kommunikation ist. Auch wenn Zuckerberg eine dominierende Marktmacht abstreitet, lässt sich Facebooks Einfluss auf das tägliche Leben kaum leugnen. „Facebook ist so weit vorn, dass neue Player kaum mitspielen können. Selbst Riesen wie Apple oder Google haben es nicht geschafft, eine Facebook-Alternative zu bauen“, sagt Sicherheitsexperte Rüdiger Trost. „Solche Monopole wie Facebook sind uneinholbar vorn. Das wird eher extremer werden.“

Welche negativen Folgen die Macht der Konzerne haben kann, macht Frances Haugen deutlich. Die 37-Jährige arbeitete als Produktmanagerin bei Facebook. Berühmt wurde sie aber am Sonntag, als sie sich als Whistleblowerin zu erkennen gab. Haugen hatte unter anderem interne Untersuchungen von Facebook öffentlich gemacht, wonach der Einfluss von Instagram sich negativ auf die Psyche von zahlreichen Teenagern auswirke.

Facebook verdiene sein Geld mit Hass und Wut, sagte Haugen in einem Interview mit dem Fernsehsender CBS. „Die heutige Version von Facebook reißt unsere Gesellschaften auseinander und führt zu ethnischer Gewalt auf der ganzen Welt.“

Whistleblowerin: Algorithmus fördere Hass

Denn der Algorithmus, der festlegt, welche Inhalte Nutzern angezeigt werden, sei darauf ausgelegt, Reaktionen hervorzurufen, führte Haugen aus. „Es ist einfacher, Menschen zu Wut zu inspirieren als zu anderen Emotionen.“

Für Facebook bedeute dies: Gehe man stärker gegen Hass vor, habe man weniger Leute auf der Seite und könne weniger an Werbung verdienen. Mit einem Jahresumsatz von rund 84,17 Milliarden Dollar (rund 72,54 Milliarden Euro) stellt Werbung die wichtigste Einnahmequelle für Facebook dar – andere Konzernbereiche spielten lediglich zusammen rund 1,79 Milliarden Dollar ein.

Hass auf Facebook hat tödliche Folgen

Es ist für große Tech-Konzerne, die auf Werbung setzen, ein schmaler Grat. Ungefiltert können sie den Hass nicht zulassen. Denn die Folgen sind mitunter tödlich. Als der CDU-Politiker Walter Lübcke noch am Leben war, geriet er ins Visier: auf Facebook, auf Youtube, auf Twitter. In den sozialen Netzwerken wurde er in der Hochphase der Asylkrise 2015 zur Hassfigur der radikalen Rechten, weil er sich für Flüchtlinge einsetzte.

Die AfD postete ein Video von ihm auf Facebook, skandalisierte seine Äußerungen. Über Monate, ja Jahre, blieb diese Hetze online, immer wieder wiederholten Akteure der Szene ihren Hass. In einer Sommernacht 2019 schlug ein Rechtsextremist zu, tötete den CDU-Politiker auf seiner Terrasse per Kopfschuss. Nach der Tat feierten etliche Hetzer die Tat – eben dort, wo schon zuvor gegen ihn mobil gemacht wurde.

Politik geht stärker gegen Hetze im Netz vor

Der Fall zeigt, welche Folgen Hetze im Netz hat. Die Bundesregierung hat 2017 das Netzwerkdurchsetzungsgesetz beschlossen, kurz NetzDG. Es verpflichtet Firmen wie Facebook, Beschwerden von Nutzerinnen und Nutzern schneller zu bearbeiten und hetzerische Beträge innerhalb einer Frist zu löschen. Sonst drohen Bußgelder.

Im Kampf gegen Hetze im Netz konnte die Politik Erfolge erzielen. Ab Februar müssen die Konzerne schwere Straftaten wie etwa Mordaufrufe an die Polizei melden. Erst vor wenigen Wochen löschte Facebook 150 Konten der extremen rechten Querdenker-Bewegung.

Doch Fachleute kritisieren, dass noch immer zu viel von der Willkür der Tech-Konzerne abhängt, ob sie Inhalte sperren oder löschen – und auch die Kriterien für Löschaktionen nicht transparent sind. Oft bleibt unklar, wann und warum Facebook Inhalte löscht.

Verbraucherschützer Müller fordert mehr Schnittstellen zwischen Messenger-Diensten

Die Europäische Union will nun die EU-Staaten zu noch stärkerem Handeln gegen Hass-Posts treiben und plant ein Digitale-Dienste-Gesetz – sowie das Digitale-Märkte-Gesetz, um einen faireren Wettbewerb mit den Tech-Giganten wie Amazon, Facebook und Google möglich zu machen.

Verbraucherschützer Müller hält das für einen guten Ansatz, mahnt aber: „Echte Wahlfreiheit zwischen Produkten haben Nutzer/-innen, wenn etwa Plattformen sie nicht mehr daran hindern dürfen, vorinstallierte Apps zu löschen oder alternative App-Stores zu nutzen.“ Anbieter von Messengerdiensten müssten zudem dazu verpflichtet werden, Schnittstellen zu anderen Diensten zur Verfügung zu stellen, sodass Nutzerinnen und Nutzer datensparsamer kommunizieren könnten.

Andere Plattformen werden noch weniger kontrolliert

Das neue Gesetz aber ist nicht nur für Verbraucherinnen und Verbraucher gedacht. So sollen Firmen etwa den Zugriff auf die Daten der Nutzer erlauben und bei Missbrauch stärker mit nationalen Behörden zusammenarbeiten.

Das Problem: Selbst wenn Facebook und Co. schärfer gegen Hassrede im Netz vorgehen müssen – etliche Extremisten wandern ab, in soziale Netzwerke wie Telegram, Gab oder Steam. Und die sind noch viel weniger kontrolliert.

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