Thyssenkrupp

Guido Kerkhoff ein Jahr Chef – wohin steuert Thyssenkrupp?

Guido Kerkhoff – hier bei der Hauptversammlung in Bochum – ist seit einem Jahr Thyssenkrupp-Vorstandschef.

Guido Kerkhoff – hier bei der Hauptversammlung in Bochum – ist seit einem Jahr Thyssenkrupp-Vorstandschef.

Foto: Ralf Rottmann / FUNKE Foto Services

Essen.  Seit einem Jahr ist Guido Kerkhoff Thyssenkrupp-Chef. Der Konzern hat turbulente Monate hinter sich – und steht vor tiefgreifenden Veränderungen.

Thyssenkrupp-Chef Guido Kerkhoff hat sich einen glänzend-orangefarbenen Schutzhelm mit Konzernlogo aufgesetzt – und seine Krawatte ist heute grün. Neben Kerkhoff steht Forschungsministerin Anja Karliczek, die nach Duisburg gereist ist, um sich die Labore des Vorzeigeprojekts Carbon2Chem anzuschauen. Im Foyer gibt es Imagebroschüren, die grüne Bäume und tiefblaues Wasser zeigen. Über den hübschen Fotos steht: „Gute Nachrichten für Optimisten. Intelligente Technologien für Klimaschutz.“ Kerkhoff verbreitet Aufbruchsstimmung. Turbulente Monate liegen hinter ihm. Doch heute spricht er nicht über die Vergangenheit, er blickt nach vorn. Im Jahr 2050 soll das Unternehmen „klimaneutral“ sein. Die Ministerin lobt die „wirklich ehrgeizigen Ziele“ von Thyssenkrupp. Endlich einmal positive Nachrichten.

Brüssel – Schicksalsort für die Stahlfusion

Rückblick: Ein Jahr ist vergangenen seit den Feierlichkeiten zur lang ersehnten Stahlfusion mit dem indischen Konzern Tata. Es ist ein warmer, sonniger Juli-Tag. Tata-Chef Natarajan Chandrasekaran ist von Mumbai nach Brüssel gereist. Für seinen ersten gemeinsamen Auftritt mit Thyssenkrupp-Chef Heinrich Hiesinger haben die Unternehmen bewusst einen neutralen Ort gewählt, nicht etwa eine der Firmenzentralen. Europas Hauptstadt soll als Ortsmarke zum Auftakt des deutsch-britisch-niederländischen Stahlkonzerns dienen. Die Gebäude der EU-Kommission befinden sich in Sichtweite der historischen Bibliothek Solvay, in der „Chandra“ und Hiesinger öffentlichkeitswirksam den Schulterschluss üben.

Durch die Ausgliederung des Stahlgeschäfts in das Joint Venture mit Tata sollte sich Thyssenkrupp grundlegend verändern. Das Geschäft der Hochöfen wäre aus der Bilanz der Revierfirma verschwunden. Thyssenkrupp hätte die Transformation zum Technologiekonzern geschafft. Chandrasekaran spricht von einem „historischen Moment“. Dass die Stahlfusion nicht einmal ein Jahr später an einem Veto der EU-Kartellwächter scheitern würde, ist nicht absehbar. Den Weg durch den Brüsseler Leopoldpark zu einem nahegelegenen Hotel, in dem ein Raum für Interviews bereitsteht, gehen die Firmenchefs zu Fuß. Hiesinger wirkt wie befreit. Wenige Tage später wird er seinen Rücktritt verkünden.

Nach Hiesingers Rücktritt ändert sich die Konzernstrategie

Er gehe diesen Schritt bewusst, „um eine grundsätzliche Diskussion über die weitere Entwicklung“ von Thyssenkrupp in der Zukunft zu ermöglichen, schreibt Hiesinger in einem Brief an die Mitarbeiter. Er endet mit den Worten: „Es war mir eine Ehre, dieses Unternehmen zu führen.“ Von mangelndem Rückhalt durch die traditionsreiche Essener Krupp-Stiftung und Kuratoriumschefin Ursula Gather als Rücktrittsgrund ist später die Rede. Zumindest habe der größte Einzelaktionär des Konzerns nicht die Unterstützung signalisiert, die Hiesinger wohl erwartet habe, berichten Insider. Zudem sickert durch, dass es Gegenstimmen im Thyssenkrupp-Aufsichtsrat bei der Entscheidung zum Bündnis mit Tata gegeben hat. Wenige Tage nach Hiesinger legt auch Aufsichtsratschef Ulrich Lehner sein Amt nieder und lässt Thyssenkrupp in ein Führungschaos taumeln.

Investoren, darunter der Großaktionär Cevian und zwischenzeitlich der Hedgefonds Elliott, kritisieren vehement die komplexe Struktur des Industriekonzerns: Stahl, Aufzüge, Autoteile, U-Boote, Zement- und Düngemittelfabriken – das Portfolio von Thyssenkrupp ist breit gefächert. Hiesinger hält den Laden in seiner siebeneinhalbjährigen Amtszeit zusammen. Doch der Druck wird immer größer.

Kerkhoff setzt auf „flexibles Portfolio-Management“

Ein Jahr nach Hiesingers Rückzug ist klar, dass sich das Bild von Thyssenkrupp voraussichtlich bald schon tiefgreifend verändern wird. Der Stahl bleibt als Kerngeschäft, für die lukrative Aufzugsparte plant Konzernchef Kerkhoff einen Börsengang, auch ein Verkauf an Finanzinvestoren oder einen Industriekonzern scheint möglich zu sein. Die Geschäfte mit Autoteilen oder Großanlagen öffnet der Thyssenkrupp-Chef für unternehmerische Partnerschaften – Firmenverkäufe sind möglich.

Kerkhoff – seit dem 13. Juli 2018 als Vorstandschef im Amt – nennt es „flexibles Portfolio-Management“. Verstand sich Thyssenkrupp bislang als breit aufgestellter Industrie- und Technologiekonzern mit Aktivitäten, die im Kern zusammengehören, setzt Kerkhoff nun auf eine klassische Holding-Struktur. Unter dem Dach einer vergleichsweise kleinen Zentrale sollen die Geschäftsbereiche wie Firmenbeteiligungen geführt werden.

„Wir bauen ein vollkommen neues Thyssenkrupp“

Als Kerkhoff antritt, hat er noch einen anderen Plan für Thyssenkrupp. Anfang Oktober 2018 verkündet er die Teilung der Firma in einen Werkstoff- und einen Industriegüterkonzern. Noch bei der Hauptversammlung Anfang Februar wirbt Kerkhoff eindringlich für das Vorhaben. „Getrennt sind wir stärker“, sagt er. Auf dem Essener Firmengelände hat Kerkhoff eine Kneipe eröffnet, um dort mit den Beschäftigten über die Zweiteilung diskutieren zu können.

Doch im Mai gerät das Unternehmen an der Börse zunehmend unter Druck. Die Aktie fällt auf den tiefsten Stand seit 15 Jahren. „Der Aktienkursverfall ist besorgniserregend“, sagt Thomas Hechtfischer von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Investoren melden sich mit Kritik zu Wort.

Wenige Tage später drückt Kerkhoff den „Reset-Knopf“, wie er es selbst nennt: Am Morgen des 10. Mai kommt Hektik auf im Essener Konzern-Quartier. Während Kerkhoff noch mit EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager zum Thema Stahlfusion telefoniert, flattern erste Anfragen von Journalisten ins Haus. Platzt wirklich das seit Jahren angestrebte Bündnis mit dem indischen Konzern Tata? Wird auch die geplante historische Teilung von Thyssenkrupp in zwei neue, eigenständige Firmen plötzlich wieder abgesagt? Tatsächlich. Entsprechende Gerüchte bestätigen sich schnell. Noch am späten Vormittag lässt Kerkhoff aus dem Essener Firmen-Quartier eine sogenannte Ad-hoc-Mitteilung verschicken. Um 13 Uhr folgt eine Telefonkonferenz, in der er seinen radikalen Kursschwenk erläutert. Nun heißt es nicht mehr, es gehe um zwei starke neue Unternehmen, Kerkhoff sagt: „Wir bauen ein vollkommen neues Thyssenkrupp.“

Kerkhoff will Aufzugsparte zu Geld machen

Auf den ersten Blick scheint sich zwar zunächst weniger zu ändern als bei der im vergangenen Jahr auf den Weg gebrachten Konzern-Aufspaltung. Doch mit der nun vorgesehenen Holding-Struktur ist ein tiefgreifender Wandel von Thyssenkrupp verbunden. In der Essener Zentrale stehen Einschnitte bevor, die Kosten in der Verwaltung sollen massiv sinken. Eine harte Sanierung kommt auch auf die Beschäftigten in der Auto- und der Anlagenbausparte zu. Galt bislang die lukrative Aufzugsparte als Kernbereich von Thyssenkrupp als unantastbar, ändert sich dies mit dem nun geplanten Börsengang. Investoren spekulieren auch auf eine mögliche Fusion mit dem Konkurrenten Kone. Finanzinvestoren könnten ebenfalls bei Thyssenkrupp zugreifen. Klar ist: Es muss Geld in die klammen Kassen des Revierkonzerns kommen.

Stahl – der alte und neue Kern von Thyssenkrupp

Ironie der Geschichte: Hieß es zuletzt jahrelang, Thyssenkrupp wolle nicht mehr Stahlkonzern sein, dürfte nun der Stahl als Kern im Konzern bleiben. Von den 27.000 Beschäftigten in diesem Bereich arbeitet ein Großteil in NRW – an Standorten wie Duisburg, Bochum und Dortmund. Wohlgemerkt: Auch die Pläne für eine neue Stahlkonzern-Zentrale in Amsterdam sind Geschichte. „Vor acht Monaten hat Herr Kerkhoff die Teilung vorgeschlagen, die jetzt nicht mehr machbar sein soll. Erklären muss er uns das schon“, sagt Markus Grolms, der die IG Metall als Vizeaufsichtsratschef vertritt, kurz nach dem Kurswechsel. „Es ist schon enttäuschend, wenn von der Strategie des Vorstands am Ende nur die Kneipe in der Konzernzentrale überbleibt.“

Cevian-Gründungspartner Lars Förberg erklärt die bisherige Strategie von Thyssenkrupp für gescheitert und fordert eine Neuausrichtung „ohne Tabus“. Weitere Konflikte sind absehbar. „Wir werden nicht zulassen, dass nun die wertvollen Teile von Thyssenkrupp verwertet und der Rest sich selbst überlassen wird“, sagt der frühere IG Metall-Chef Detlef Wetzel, der Vizechef im Aufsichtsrat der Stahlsparte ist. „Wir brauchen eine Lösung mit Perspektiven für alle Geschäfte.“ Mit dem „Reset“ von Kerkhoff beginnen viele Diskussionen neu. Am 8. August – bei der Präsentation der Quartalszahlen – soll klarer werden, wie es weitergeht.

Hoffen auf den CO2-freien Stahl

Beim Besuch der Duisburger Carbon2Chem-Labore nimmt sich Thyssenkrupp-Chef Kerkhoff viel Zeit, ein Bild von der Zukunft der Stahlindustrie zu zeichnen. Grüner Wasserstoff soll die Kohle ersetzen, die seit Jahrzehnten in den Hochöfen zum Einsatz kommt. CO2-freier Stahl ist das Ziel. Das Treibhausgas Kohlendioxid könnte auch als Rohstoff für die Treibstoff- und Düngemittelproduktion dienen. „Die Bedrohungen durch den Klimawandel gehen uns alle an“, sagt Kerkhoff. Doch für neue, klimaschonende Anlagen zur Stahlherstellung sind gewaltige Investitionen erforderlich. Gut möglich, dass es aus Firmen- oder Anteilsverkäufen der Aufzug- oder Anlagensparten kommt. Der Stahl bleibt – und doch wird vieles anders bei Thyssenkrupp.

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