Inflation

Rentner in Inflation: "Ich fühle mich wirklich verarscht"

| Lesedauer: 11 Minuten
Konzertierte Aktion: Scholz kündigt neue Maßnahmen an

Konzertierte Aktion: Scholz kündigt neue Maßnahmen an

Angesichts der galoppierenden Inflation hat Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) sich in einer zweiten Sitzung der Konzertierten Aktion mit Vertretern von Gewerkschaften und Arbeitsverbänden getroffen. Dabei schlug er erneut steuerfreie Zahlungen von Unternehmen für Arbeitnehmer vor.

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München  Jörg ist erwerbsunfähig und lebt unter der Armutsgrenze. Schon vor der Inflation war sein Geld knapp – nun ist seine Existenz bedroht.

  • Die steigenden Preise lassen immer mehr Menschen verzweifeln: Vielen Menschen reicht das Geld nicht mehr zum Leben
  • Besonders Rentner sind von der Inflation schwer getroffen
  • So wie Jörg Mertens. Er gibt dramatische Einblicke und sagt: "Werde mich zwischen Wohnung und Essen entscheiden müssen"

Das mehrstöckige Haus mit der weißen Fassade liegt an einer vierspurigen Straße, über die schon am Morgen ein Auto nach dem anderen brettert. Im zweiten Stock sitzt Jörg Mertens auf dem Balkon und zündet sich eine Zigarette an. "Das Rauchen gehört zu den wenigen Dingen, die mir noch geblieben sind", sagt der 60-Jährige. Draußen ist es warm, einer der letzten Sommertage des Jahres. Von seinem Balkon aus blickt man in den Innenhof. Dort ist es ruhig, der Straßenlärm wird von der Häuserwand abgeschirmt, nur ein paar Kinder spielen.

Jörg ist Erwerbsminderungsrentner und lebt am Existenzminimum. Das bedeutet: Er ist körperlich nicht mehr in der Lage zu arbeiten und bekommt vorzeitig Geld von der Rentenversicherung. 972,70 Euro hat er im Monat zur Verfügung. Abzüglich aller Fixkosten bleiben ihm etwa 65 Euro für Essen und Getränke.

Seit 2015 lebt Jörg in der Einzimmerwohnung im Münchner Stadtteil Hirschgarten. Ein Wohnzimmer, ein Bad, eine Küche: Knappe 38 Quadratmeter enthalten sein ganzes Leben. In der einen Ecke des Wohnzimmers, von dem aus man auch auf den Balkon treten kann, steht ein Bett mit dunkelroten Bezügen; an der gegenüberliegenden Wand ein Regal, bis obenhin voll mit Büchern und Ordnern.

Erst Hartz IV, dann Rente: Seit 2014 ist Jörg arbeitsunfähig

Ein Großteil von Jörgs Leben spielt sich in der Wohnung ab, denn richtig rausgehen kann er nicht mehr. Seit 2014 ist er durch eine Wirbelsäulenerkrankung arbeitsunfähig. Schon zuvor ging es ihm schlecht, da konnte er seinen Arm nicht mehr bewegen. Im Krankenhaus wurde eine massive Einengung des Rückenmarks im Bereich seiner Halswirbelsäule festgestellt. Durch eine Operation gelang es, eine Querschnittslähmung abzuwenden. "Doch dann war klar, dass ich nie wieder arbeiten gehen werde", sagt Jörg.

Zunächst erhielt er Krankengeld. Schließlich, weil es drei Jahre dauerte, bis sein Antrag auf Erwerbsminderungsrente bewilligt wurde, für einige Zeit Hartz IV. Eigentlich war der studierte Betriebswirtschaftler jahrelang im sozialen Dienst tätig, verdiente gut, wie er erzählt, und zahlte in die Rentenkasse ein. Heute lebt er dennoch unterhalb der Armutsgrenze.

1,8 Millionen bekommen Erwerbsminderungsrente

Laut Statistik der Deutschen Rentenversicherung erhielten im Jahr 2021 knapp 1,8 Millionen Menschen in Deutschland Rente aufgrund einer verminderten Erwerbsfähigkeit– viele von ihnen sind von Armut betroffen. Als arm gilt, wer weniger als 60 Prozent des bundesweiten Durchschnitts verdient. Im Jahr 2021 lag die Armutsgrenze für alleinstehende Personen bei 1148 Euro. Betroffene können zusätzlich Grundsicherung erhalten. Diese wird anders als die Erwerbsminderungsrente nicht von der Rentenversicherung, sondern von den Sozialämtern gezahlt.

Laut Armutsforscher Christoph Butterwegge gehören Erwerbsminderungsempfängerinnen und -empfänger zu den "am häufigsten von Armut betroffenen und bedrohten Personengruppen". Das sehe man auch daran, dass die Zahl derjenigen, die zusätzlich Grundsicherung beantragen müssen, kontinuierlich steige, sagt der Experte.

Auch Jörg erhielt zum Sommer Grundsicherung. Knapp 60 Euro kamen bei ihm damit monatlich hinzu. Doch dann wurde im Juli die Rente erhöht – und seine Grundsicherung gestrichen, weil das Amt keinen Bedarf mehr sah. Für Jörg bedeutete das, dass er kaum mehr Geld zur Verfügung hatte als vor der Erhöhung.

Rente: 65 Euro im Monat für Essen und Getränke

Immer zum Monatsanfang geht Jörg einkaufen. "Da versuche ich dann, alles zu besorgen, damit es für den Rest des Monats reicht", sagt er. "Dann ist das Geld aber weg. Und ich muss mit dem auskommen, was ich habe." Das wird allerdings immer schwieriger. Die 65 Euro waren schon bevor die Preise für Lebensmittel so stark stiegen kaum genug für einen Monatseinkauf. Mittlerweile reiche es nicht mehr aus, sagt er: "Man ist darauf angewiesen, dass man ab und zu mal Zuwendungen bekommt. Anders geht es nicht."

Aussuchen, was er essen möchte, kann Jörg nicht. Seinen Besuch im Supermarkt muss er akribisch planen. Dafür hat er eine Prioritätenliste. "Ich weiß zum Beispiel, welche Dinge mir im Monat ausgehen könnten oder was ich sonst unbedingt brauchen werde", erklärt Jörg. "Wenn die Liste mit solchen Dingen voll ist, bleibt meist sowieso nichts mehr übrig für anderes."

Um sich zumindest etwas gesünder ernähren zu können, baut Jörg auf seinem Balkon ein bisschen Gemüse an. Er zeigt auf die Tomatenpflanzen hinter ihm, an denen noch einige rote Früchte hängen. Aber selbst da seien die Erträge dieses Jahr nicht besonders gut gewesen, sagt er.

Jörg hat bisher keine Entlastungszahlung der Bundesregierung bekommen

Nicht nur die Lebensmittel werden durch die Inflation immer teurer, sondern vor allem auch die Energiekosten. Jörg lebt in einer sozial geförderten Wohnung; 447,10 Euro zahlt er für die Miete, weitere 152 Euro für Heiz- und Stromkosten. Sollten diese Beträge steigen, könnte er erneut Grundsicherung beantragen und hoffen, dass das Sozialamt die Erhöhungen damit ausgleicht. Die Stromkosten muss er allerdings zu einem großen Teil selbst tragen. Wenn diese weiter erhöht werden – und davon geht er aus –, muss Jörg den Betrag von seinem Essensgeld abziehen. "Dann muss ich hungern", sagt er resigniert.

Bisher hat Jörg keinerlei Entlastungszahlungen der Bundesregierung erhalten. Die Einmalzahlung von 200 Euro für Empfängerinnen und Empfänger von Sozialleistungen hätten ihm zwar zugestanden – durch die Grundsicherung galt Jörg als Sozialleistungsempfänger –, doch dann wurde die Rente erhöht und seine Grundsicherung gestrichen, weshalb er kein Geld bekam. Ob er die 300 Euro Energiepreispauschale für Rentnerinnen und Rentner aus dem dritten Entlastungspaket erhält, weiß Jörg nicht. Sollte er bis dahin wieder Grundsicherung bekommen, würde er erneut leer ausgehen. "Da fühle ich mich wirklich verarscht", meint Jörg.

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Inflation: 49-Euro-Ticket statt 9-Euro-Ticket keine Option

Und selbst wenn er das Geld erhalten sollte, würde es längst nicht ausreichen. "Mit der Einmalzahlung von 300 Euro kommen die Erwerbsminderungsrentnerinnen und -rentner im Dezember vielleicht über den Monat, aber nicht über den Winter", sagt Armutsforscher Christoph Butterwegge. Auch die Rentenerhöhung im Juli dieses Jahres gleiche die Preissteigerungen nicht aus. "Seit Längerem übertrifft die Inflationsrate die letzte Rentenerhöhung deutlich. Trotzdem wurde so getan, als wäre am 1. Juli ein Füllhorn über den Rentnerinnen und Rentnern ausgeschüttet worden", mahnt der Experte.

Nur das 9-Euro-Ticket, das sei eine Hilfe gewesen, sagt Jörg. "In der Zeit konnte ich zu meinen Arztterminen fahren, ohne draufzuzahlen", erzählt er. In München steht ihm zwar ein Sozialticket für den öffentlichen Nahverkehr zu – das gilt allerdings nicht zwischen sechs und neun Uhr morgens. Da Jörg aufgrund seiner Erkrankung jedoch mehrmals in der Woche vormittags zu Arzt- und Rehaterminen fahren muss, braucht er dann zusätzliche Tickets. Ein 49-Euro-Ticket der Bundesregierung würde ihm nicht helfen, sagt er. "Wer sich kaum ein 9-Euro-Ticket leisten konnte, der wird sich ein 49-Euro-Ticket erst recht nicht leisten können."

Rente in der Inflation: "Armut bedeutet permanenter Stress"

Die finanziellen Sorgen sind Jörgs tägliche Begleiter. Regelmäßig wacht er mitten in der Nacht auf. Wegen seiner Schmerzen. Aber auch, weil ihn die Situation so be­lastet. "Armut bedeutet permanenter Stress", erzählt er. "Du hast 24 Stunden am Tag nur Unsicherheit und weißt, dass es niemanden gibt, der dich auffangen kann. Das ist eine starke psychische Belastung." Wie es für ihn weitergehen soll, wenn die Energie- und Lebenskosten noch stärker ansteigen, weiß er nicht. "Es gab schon mal eine Phase, in der ich gehungert habe, weil ich nicht genug Geld hatte. Ich gehe fest davon aus, dass das im Winter wieder passieren wird", sagt er. "Meine Entscheidung wird dann sein, ob ich noch eine beheizte und beleuchtete Wohnung habe oder aber etwas zu essen."

In Jörgs Wohnzimmer steht ein kleiner Schreibtisch mit einem Computer, daneben hängt ein Fernseher. Diese beiden Geräte sind für ihn wichtig, denn sie ermöglichen es ihm, am sozialen Leben teilzunehmen. Deshalb wäre es besonders tragisch, wenn eines davon kaputtginge. Ersetzen könnte er es nicht.

Jörg wünscht sich einen Tag ohne Sorgen

Ablenkung von seinem Alltag bekommt der 60-Jährige vor allem durch die sozialen Netzwerke. Seit Anfang des Jahres schreibt Jörg auf Twitter unter dem Hashtag #ichbinarmutsbetroffen regelmäßig über seine Situation. Darüber seien schon viele Bekanntschaften entstanden, sagt er. Auch über die Initiative "Eine Sorge weniger", die armutsbetroffenen Menschen unbürokratische Hilfe bietet. Ansonsten hat er nicht mehr viele soziale Kontakte. Nur zu seinem Sohn. Der habe gerade seinen Masterabschluss gemacht, erzählt Jörg stolz.

Ende September wird Jörg 61 Jahre alt. Fragt man ihn, was er sich zu seinem Geburtstag wünsche, antwortet er: "Einfach mal einen einzigen Tag ohne irgendwelche Sorgen leben zu können." Auf die Nachfrage, ob es denn auch etwas Materielles gebe, wird der sonst so gesprächige Mann plötzlich ruhig. Einen Augenblick schaut er in Richtung der Bäume am Ende des Innenhofs. Dann sagt er: "Komisch, mir fällt gar nichts ein." Er lacht kurz. "Ich glaube, ich habe mich daran gewöhnt, gar keine Wünsche mehr haben zu dürfen. Man kann sie ja doch nicht erfüllen." Schließlich kommt ihm dann aber doch eine Idee: "Ein das ganze Jahr über gültiges 9-Euro-Ticket – das wäre toll."

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.

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