DLR-Modellrechnung

Jeden Tag sterben Milliarden Insekten durch Windräder

Windräder drehen sich auf einer Anhöhe während des Sturmtiefes Friederike.

Windräder drehen sich auf einer Anhöhe während des Sturmtiefes Friederike.

Foto: Frank Rumpenhorst / dpa

Hamburg  Eine Studie zeigt, dass Windräder für Insekten gefährlich sind. Bis zu sechs Milliarden Tiere sterben täglich in den Rotorenblättern.

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Windräder sind nicht nur für Vögel und Fledermäuse eine tödliche Gefahr – auch Insekten sterben milliardenfach durch die Rotorblätter der Anlagen. Das hat eine Modellrechnung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) ergeben.

Demnach sterben von April bis Oktober jeden Tag Milliarden der Tiere. Laut der Rechnung des DLR sind das pro Jahr 1200 Tonnen Insekten.

Bis zu sechs Milliarden tote Insekten pro Tag

Die Rechnung der Forscher sieht folgendermaßen aus: Rund neun Kilogramm Insekten leben in einem Kubikkilometer Luft. Insgesamt beanspruchen die rund 31.000 Windräder in Deutschland eine Fläche von rund 158 Millionen Quadratmetern Luft. In der Insektenflugsaison zwischen April und Oktober wehen rund acht Millionen Kubikkilometer Luft durch die Anlagen.

Zum Vergleich: Dieser Wert entspricht dem Zehnfachen an Luft, die sich im deutschen Luftraum bis 2000 Meter Höhe befindet.

Die meisten dieser Insekten würden eine Begegnung mit einer Windkraftanlage überleben, so die Forscher. Fünf Prozent aber sterben durch die Rotorenblätter. Das macht dann rund 1200 Tonnen tote Insekten – oder in absoluten Zahlen: fünf bis sechs Milliarden Heuschrecken, Bienen, Wespen, Zikaden und Käfer, die an jedem Tag der warmen Saison sterben.

Aussagekraft der Studie wird diskutiert

Eine Gefährdung der Insektenpopulation besteht durch die Windkraftanlagen aber offenbar nicht. „Es wäre völlig an den Haaren herbeigezogen, eine nennenswerte Gefährdung von Insektenpopulationen durch Windräder abzuleiten“, sagte Lars Lachmann vom Naturschutzbund (Nabu). Allein in deutschen Wäldern würden jährlich 400.000 Tonnen Insekten von Vögeln gefressen. Die Zahlen der Studie bezweifelt er nicht – wohl aber die Aussagekraft.

Ob und inwiefern Windräder Insektenpopulationen gefährden, können auch die Studienautoren Franz Trieb vom DRL in Stuttgart, Thomas Gerz vom DLR in Oberpfaffenhofen und Matthias Geiger vom Leibniz-Institut für Biodiversität der Tiere in Bonn nicht genau sagen. Auch seien keine Vergleiche zu anderen Ursachen für einen Rückgang der Insektendichte, beispielsweise durch den Einsatz von Pestiziden, die Ausbreitung der Städte, oder den Klimawandel gezogen worden.

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Kritik vom Bundesverband Windenergie

Kritik an der Studie äußert der Bundesverband Windenergie mit Verweis auf die positiven Auswirkungen von Windrädern für Insekten: „Windenergie erzeugt Strom, ohne CO2 und andere Emissionen auszustoßen, welche als essenzielle Gefährdung für die Insektenpopulationen anerkannt sind“, sagte Geschäftsführer Wolfram Axthelm in einer Stellungnahme.

172 Millionen Tonnen CO2-Emissionen seien in Deutschland allein im vergangenen Jahr eingespart worden. „Windenergieanlagen sind im Zusammenhang der Artenentwicklung von Insekten also als Problemlöser zu verstehen, nicht als Problemursache.“

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Vögel und Fledermäuse verenden in den Rotorenblättern

Fest steht, dass die bis zu fast 400 Kilometer pro Stunde schnellen Rotorenblätter für Tiere, die sich in der Luft fortbewegen, eine tödliche Gefahr darstellen. Nicht nur Insekten finden den Tod in den Windrädern, auch Vögel und Fledermäuse verenden häufig in den Rotorenblättern.

Das Landesamt für Umwelt in Brandenburg führt seit 2002 eine Statistik mit toten Vögeln, die aus ganz Deutschland gemeldet werden. In diesem Zeitraum wurden 3900 tote Vögel, darunter viele Möwen, Tauben und Enten, aber auch seltene Greifvögel wie Rotmilane und Wanderfalken, erfasst. Auch rund 158 Seeadler fanden laut der Statistik den Tod in den Windrädern. Insgesamt gibt es in Deutschland aktuell nur rund 800 Brutpaare von Seeadlern.

Spagat der Naturschutz- und Umweltverbände

Wenn Windparks in der Nähe von von Schreiadler-Horsten oder von Rastflächen seltener Küstenvögel errichtet werden sollen, regt sich daher immer häufiger Widerstand gegen die Vorhaben. Für die Naturschutz- und Umweltverbände ist es ein Spagat: Einerseits können sich sich nicht gegen erneuerbare Energien aussprechen, andererseits müssen sie die mit den Windrädern verbunden Sorgen wahrnehmen. „Eine vernünftige Risikoabschätzung im Einzelfall“, fordert daher der Nabu.

Im Gesamtzusammenhang mit dem Rückgang der Vogelpopulation sind die Todesfolgen durch Windräder eher gering. In Europa leben laut Monitoring-Programmen rund eine halbe Milliarde Vögel weniger als vor 40 Jahren. In Deutschland sterben geschätzt rund 100.000 Vögel durch Windräder. Die Hauptursache für den Schwund führen Experten auf die von der intensiven Landwirtschaft verursachten Probleme zurück. (dpa/sdo/tki)

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