Bio-Siegel

Premium-Bio im Discounter – Kritik von Bauern und Bioläden

Käse aus eigener Herstellung und Honig von Imkern aus der Region

Käse aus eigener Herstellung und Honig von Imkern aus der Region

Foto: Julia Tillmann

Voerde.   Demeter bei Kaufland – das schmeckt Bauern und Bioladen-Betreibern nicht. Sind Massenproduktion und nachhaltige Landwirtschaft vereinbar?

Christian Hülsermann liegt das Wohlergehen der 35 Kühe, die auf dem Tinthof im niederrheinischen Voerde-Spellen leben, am Herzen. „Die haben doppelt so viel Platz wie vorgeschrieben und das ist mir noch zu wenig“, sagt der Landwirt. Auch deshalb seien seine Tiere täglich auf der Weide – auch im Winter. Seit einigen Jahren verzichtet der Biobauer außerdem darauf, ihnen die Hörner zu entfernen, wie es in der Rinderhaltung üblich ist. Und obwohl Hülsermann vom Milchverkauf lebt, plant er, ab diesem Jahr die Kälber bei den Müttern zu lassen. Engagement, das seinen Preis hat: Statt der im Supermarkt üblichen 62 Cent kostet der Liter Milch bei ihm einen Euro. Zu kaufen gibt es sie nur im Hofladen und auf dem Wochenmarkt.

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Seit einigen Monaten gibt es Produkte, die wie die vom Tinthof das Siegel das Bioverbands Demeter tragen, auch im Supermarkt. Die SB-Warenhauskette Kaufland hat eigenen Angaben zufolge über 150 Demeterprodukte ins Sortiment aufgenommen, zusätzlich zu den Bioprodukten der Eigenmarke. Überzeugte Anhänger von Deutschlands ältestem Bioverband, der für besonders strenge Standards steht, gefällt das gar nicht. „Das hat mit Demeter nichts zu tun“, empört sich Bert Schulze Poll, Betreiber des Demeterbetriebs Trantenrother Hof in Witten. Die bodenschonende Landwirtschaft, die der Verband anstrebt, lasse sich mit großen Produktionsmengen nicht vereinbaren.

Demeter-Vorstand sieht Chancen für Erzeuger

Der Demeter-Vorstand hält dagegen: „Die Vermarktung über den Lebensmitteleinzelhandel bietet biodynamischen Erzeugern und Verarbeitern große Chancen“, erklärt Vorstandsmitglied Alexander Gerber. Als Beispiel führt er Absatzmöglichkeiten für Bullenkälber an. Sie landeten als Nebenprodukt der Milchviehhaltung oft in konventionellen Mastbetrieben, weil kleinen Bauern die Mittel fehlten, sie aufzuziehen. Johannes Kamps-Bender, ebenfalls im Demeter-Vorstand, betont, dass der Verband als bisher einziger strenge Vertriebsrestriktionen festgelegt habe. Dazu gehöre etwa die Unterstützung von Entwicklungsprojekten und die Schulung der Mitarbeiter. Gleichwohl erklärt der Demeter-Verband auf seiner Internetseite nach wie vor, warum Bio-Produkte im Discounter nicht zu empfehlen seien.

Wenn Christian Hülsermann morgens seine Kühe melkt, kommen etwa 400 Liter Milch zusammen. Noch auf dem Hof wird ein Großteil davon zu Joghurt, Quark und Käse verarbeitet. Der Verkauf wirft kaum genug für seine Familie und die zwei Angestellten ab. Für die Anschaffung neuer Geräte, fehlt oft das Geld. Hülsermann ist trotzdem zufrieden: „Wir wollen nicht ganz Deutschland ernähren“, sagt er. Ihm sei wichtig, seinen Kunden nachhaltige Produkte aus der Region anbieten zu können. Eine Zusammenarbeit mit Discountern schließt er für sich aus. Auch, weil er nicht glaube, dass sein Engagement dort wahrgenommen werde und er seine Ware zu einem für ihn akzeptablen Preis verkaufen könne.

Bioladen-Betreiberin findet günstige Preise „falsch“

Bei Kaufland kostet ein Liter Vollmilch mit Demetersiegel 1,59 Euro. Nach Abzug der handelsüblichen Marge von 30 Prozent, der Mehrwertsteuer von sieben Prozent, Transport- und Molkereikosten dürften davon jedoch weniger als ein Euro für den Landwirt bleiben. Gerade für kleine Betriebe sei das zu wenig, sagen die Erzeuger. „Ich kann bei solchen Preisen nicht mithalten“, so Schulze Poll.

Auch eine Bioladen-Betreiberin kritisiert niedrige Preise für Premiumprodukte. „Den Kunden wird vorgegaukelt, dass Bio günstig ist und das ist falsch“, sagt sie. Denn dass die Erzeuger von der Landwirtschaft leben könnten, sei ein wichtiger Bestandteil der Philosophie. Gerade kleine Betreiber von Bioläden und Reformhäusern leiden unter dem Bioboom in den Supermärkten, sie verlieren seit Jahren viele Kunden an die große, meist günstigere Konkurrenz.

Dabei gibt es Bioprodukte seit vielen Jahren im Supermarkt. Aldi Süd hat das Sortiment der Bio-Eigenmarke seit 2006 auf 330 Produkte ausgeweitet. Sie alle erfüllen die Auflagen der EG-Öko-Verordnung, die nicht so streng sind wie die Demeter-Richtlinien. Auch die Preise liegen deutlich unter denen der von Kaufland vertriebenen Demeter-Marke Campo Verde. 1,05 Euro kostet der Liter Biovollmilch bei Aldi. Vor allem die großen Abnahmemengen machten die Produkte günstig, teilt eine Unternehmenssprecherin mit.

Bioland hat Regeln für Kooperation mit Lidl festgelegt

Lidl führt ebenfalls seit einigen Jahren ein Biosortiment mit verschiedenen Eigenmarken. Seit Herbst vergangenes Jahres kooperiert der Discounter zusätzlich mit einer Premium-Biomarke. „Unser gemeinsames Ziel ist es, den heimischen ökologischen Landbau zu fördern und voranzubringen“, kommentiert Bioland-Präsident Jan Plagge die Zusammenarbeit mit dem Discounter.

Unter anderem Äpfel und verschiedene Kräuter mit dem Bioland-Logo sind dort in den Regalen zu finden. „Uns ist es wichtig, dass auch kleine und mittlere Betriebsstrukturen eine gesicherte Zukunft haben“, sagt Jan Bock, Geschäftsleiter des Einkaufs bei Lidl, zur Kritik an diesem Schritt. Bioland habe strenge Regeln für die Zusammenarbeit festgelegt und eine Ombudsstelle eingerichtet, die bei Diskrepanzen zwischen den Unternehmen vermitteln könne.

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