Mit der neuen Seidenstraße zu alter Größe

Hagen/Peking.   900 Milliarden Dollar. Oder gar 1000. Also eine Billion. Die Zahlen sind gewaltig. Die „neue Seidenstraße“, die gerade bei einem internationalen Gipfel in Peking vorgestellt wird, ist das größte Entwicklungsprogramm seit dem Marshall-Plan, mit dem die USA nach dem Zweiten Weltkrieg Westeuropa wieder auf die Beine halfen. Und nun bescheren die Chinesen der Welt mehr Wohlstand?

900 Milliarden Dollar. Oder gar 1000. Also eine Billion. Die Zahlen sind gewaltig. Die „neue Seidenstraße“, die gerade bei einem internationalen Gipfel in Peking vorgestellt wird, ist das größte Entwicklungsprogramm seit dem Marshall-Plan, mit dem die USA nach dem Zweiten Weltkrieg Westeuropa wieder auf die Beine halfen. Und nun bescheren die Chinesen der Welt mehr Wohlstand?

Helmut Wagner, Professor für Makroökonomik an der Fernuniversität Hagen und Präsident des Zentrums für ostasiatische makroökonomische Studien, beschäftigt sich seit 2013, als es zuerst verkündet wurde, mit dem „Wunschprojekt von Staatschef Xi Jinping, dem alles andere untergeordnet wird“. Er kann die Interessen hinter dem In­frastrukturprojekt, das Straßen, Hochgeschwindigkeitszugtrassen, Häfen, Flughäfen, Pipelines und Kraftwerke umfasst, benennen: „Politisch geht es darum, die chinesische Einflusssphäre auszudehnen und ökonomisch sollen neue Märkte für chinesische Firmen geschaffen werden.“

Chinesische Überkapazitäten

Die chinesische Wirtschaft habe nämlich ein Problem, so Wagner: „Es gibt große Überkapazitäten im Bau- und Infrastrukturbereich. Zu Hause ist das meiste, was sich lohnt, schon gebaut.“ Funktionieren soll das über Kredite chinesischer Banken an die wirtschaftlich schwachen Anrainerstaaten zwischen China und Europa. „Und der Anspruch ist dann, dass die Aufträge selbst wieder zurück nach China gehen“, erklärt der Hagener China-Spezialist. Doch die Chinesen könnten das nicht alleine leisten: „Das ist die Chance für deutsche Firmen, als Partner mit zum Zuge zu kommen.“ Das könnten international aufgestellte Konzerne wie Siemens sein, aber auch Mittelständler aus Südwestfalen.

Also wäre die neue Seidenstraße eine gute Sache für Deutschland? Wagner ist gespalten: „Rein wirtschaftlich betrachtet schon. Es hat aber seinen Grund, dass 29 Staats- und Regierungschefs in Peking sind, Angela Merkel und Theresa May aber nicht, obwohl man sich um beide bemüht hat.“ Es gebe zum einen die Sorge, dass China seinen Einfluss auf Staaten wie die Türkei, Griechenland oder nach Osteuropa ausdehne. Und zum anderen mache Peking keine Zugeständnisse bei den westlichen Forderungen nach der Einhaltung von Umwelt- und Sozialstandards sowie nach mehr Transparenz. Russlands Präsident Putin sei zwar in Peking, aber auch er mache sich Gedanken darüber, dass die früheren Sowjetrepubliken zu abhängig von China werden könnten. „Kredite machen immer abhängig“, betont Wagner.

Dennoch sei die Begeisterung speziell in den zentralasiatischen Staaten entlang der Seidenstraße groß. Helmut Wagner ist sich aber nicht sicher, ob alles so funktioniert wie erhofft: „In vielen der Länder gibt es organisatorische Probleme, und auch innerhalb Chinas ist die Koordination zwischen den politischen Ebenen und den Großunternehmen nicht optimal.“

Ein Langzeitprojekt

Das wird also nichts? So weit will der Wirtschaftswissenschaftler nicht gehen: „Das Projekt ist sehr ambitiös. Es wird Zeit brauchen. Aber man sollte den Ehrgeiz der Chinesen nie unterschätzen.“ Im staatlichen Auftrag fusionieren derzeit riesige Chemie- und Stahlkonzerne, die chinesischen Banken gehören auch schon zu den größten der Welt. Es geht um Macht und Einfluss. Es geht um die Wiederherstellung alter Größe, wie zu Zeiten der historischen Seidenstraße. Und ganz so einzigartig ist die Methode auch nicht. Wagner: „Mit dem Marshallplan haben die USA ja auch einen Markt für ihre eigenen Produkte geschaffen.“

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