Technik

Neheimer LED-Technik macht Landwirtschaft ohne Land möglich

Kathrin Fieleitz ist die erste Biologin bei BJB. Im Neheimer Labor zieht sie Kräuter, in der Welt verkauft sie spezielle LED-Leuchten.

Kathrin Fieleitz ist die erste Biologin bei BJB. Im Neheimer Labor zieht sie Kräuter, in der Welt verkauft sie spezielle LED-Leuchten.

Arnsberg.   Der Leuchthersteller BJB setzt auf einen neuen Trend: Urban Farming. Spezial-Licht lässt Salate und Kräuter im Labor wachsen. Ein Zukunftsmodell?

Weinfreunde schwärmen vom Terroir. Auch Spargelliebhaber wissen, wie wichtig der Boden für den Geschmack ist. Und der Rest: Sonne und Regen, Wärme, Kälte, Wind. Natur eben. Die Basis der Landwirtschaft. Aber es geht auch ohne. Ohne draußen. „Urban Farming“ heißt das, Stadtanbau. Oder vertikaler Anbau. In Regalen übereinander. Eventuell in Hochhäusern. In geschlossenen Räumen. Das haben lange nur die Betreiber illegaler Cannabis-Plantagen praktiziert. Jetzt wird ein Trend daraus. In Europa noch gebremst. Aber interessant genug, um den Arnsberger Leuchtenhersteller zu motivieren, ein paar hunderttausend Euro zu investieren und eine Biologin einzustellen, die sich um das Thema kümmert.

Die Städte wachsen

Wenn man ein wenig nachdenkt, leuchtet das ein: Gut die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Städten. 2050 dürften es zwei Drittel sein. Das erschwert es der traditionellen Landwirtschaft, Menschen mit frischer Nahrung zu versorgen. Und das Wasser wird knapp – in Kalifornien, im Nahen Osten, in Südafrika. Dort und in Japan, wo die Flächen begrenzt sind, Sauberkeit und Kontrolle eine große Rolle spielen, ist Dr. Kathrin Fielitz derzeit häufig unterwegs, um die bei BJB entwickelten LED-Beleuchtungsschienen anzubieten. Sie ist die promovierte Biologin, die im September 2016 für das Projekt nach Neheim gekommen ist.

„Die LED-Technik ist die Voraussetzung dafür, dass vertikales Farming in größerem Stil möglich wird“, erklärt Marketing-Chef Thomas Frerich. Nicht nur, weil der Energieaufwand dramatisch geringer ist als bei anderen Beleuchtungsformen. „Wir können auch das Lichtspektrum genau auf die Pflanzenbedürfnisse abstimmen“, sagt Fielitz. In ihrem kleinen Labor wachsen Kräuter und Salate unter roten und blauen Lampen, was den Raum in ein Licht aus Pink und Lila taucht. „Rotes und blaues Licht kurbeln die Photosynthese an“, sagt die Biologin, benennt aber auch den Nachteil: „Man erkennt die Pflanzenfarbe nicht, und die Mitarbeiter fühlen sich nicht ganz so wohl.“ Rote und weiße Leuchten sind deshalb ein Kompromiss.

Wasserverbrauch um 80 Prozent reduziert

Kathrin Fielitz experimentiert mit Thymian, Basilikum und Salbei in kleinen Töpfen mit Erde. Weil sie sich damit auskennt. Die industriellen Nutzer arbeiten mit Hydroponik; dabei wurzeln die Pflanzen in Wasser. „So lässt sich der Wasserverbrauch um 80 Prozent reduzieren“, verspricht Frerich. „Und in einem geschlossenen System braucht man keine Herbizide, Pestizide und Fungizide, nur Dünger“, ergänzt Fielitz. Dafür Energie, die draußen von der Sonne käme, der natürlichen Quelle.

Fehlt das den Produkten nicht, dies Natürliche? Mangelt es nicht am Geschmack, so ohne Terroir? „Im Gegenteil“, gibt sich die Biologin überzeugt. „Licht hat enormen Einfluss auf den Geschmack. Ich habe Basilikum in erstaunlichen Geschmacksrichtungen wachsen lassen.“ Und Thomas Frerich ergänzt: „Ich züchte zu Hause selbst Rucola. Der hat einen wunderbar nussigen Geschmack.“

Aber den BJB-Experten ist klar: In Europa wird das so schnell kein Massenmarkt. „Es könnte etwas für die gehobene Gastronomie sein, ein Mini-Gewächshaus direkt im Restaurant“, meint Frerich. ­Luxus also. Vielleicht auch geeignet für die saisonunabhängige Produktion von heiß begehrten Beeren, die anders als die derzeit erhältlichen spanischen Erdbeeren auch nach etwas schmecken? „Prinzipiell könnte das auch für unsere Region interessant sein“, meint der Marketing-Chef. Aber Früchte sind komplizierter als Salat. Die müssen bestäubt werden. Die brauchen in verschiedenen Wachstumsstadien unterschiedliche Beleuchtung. „Das könnte der zweite Schritt sein.“

Verkaufsstart im November

Der erste hat gerade begonnen. Seit November verkauft BJB die speziell entwickelten, extra flachen und feuchtigkeitsresistenten Leuchten. „Wir sind zufrieden“, sagt Frerich. BJB verspricht sich solides Wachstum auf einem Zukunftsmarkt. Und dass der sich derzeit vor allem in der Ferne befindet, ist für das Arnsberger Traditionsunternehmen nicht ungewöhnlich. „Wir machen generell 80 Prozent unseres Umsatzes im Ausland“, sagt Thomas Frerich. Aber wenn die Deutschen auf den Geschmack kämen, hätte man nichts dagegen. Alles ändert sich. Aber Landwirtschaft ohne Land braucht wohl noch etwas Gewöhnung.

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