Kampfschiff

Niederlage für Thyssenkrupp bei Marine-Projekt: Jobs bedroht

So soll das künftige Mehrzweck-Kampfschiff MKS 180 der Deutschen Marine aussehen.

So soll das künftige Mehrzweck-Kampfschiff MKS 180 der Deutschen Marine aussehen.

Foto: Quelle/Animation: Bundeswehr

Essen.  Nach einer Schlappe für Thyssenkrupp bei der Vergabe des Bundeswehr-Auftrags für das Marine-Kampfschiff MKS 180 sind 1000 Arbeitsplätze bedroht.

Thyssenkrupp hat bei der Vergabe des Marine-Kampfschiffes MKS 180 eine schwere Niederlage erlitten. Das Schiff soll unter Federführung des niederländischen Unternehmens Damen Shipyards Group bei Blohm und Voss in Hamburg gebaut werden, erklärte der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium, Peter Tauber. Um den Auftrag für das Milliarden-Projekt hatte sich auch die Thyssenkrupp-Tochter Marine Systems mit der Werft German Naval Yards in Kiel beworben. „Mit dieser MKS 180-Entscheidung stehen bei uns mehr als 1000 Arbeitsplätze auf dem Spiel“, teilte Thyssenkrupp-Vorstandsmitglied Oliver Burkhard mit. „Thyssenkrupp hat 2004 auf Bitten der Bundesregierung die Werften übernommen“, fügte er hinzu. „Nun ist es an der Politik uns zu sagen, wie sie sich eine Zukunft der Werften vorstellt.“

Es geht um den größten Marineauftrag dieser Art in der Geschichte der Bundeswehr. Für die Beschaffung von vier Schiffen sind 5,27 Milliarden Euro veranschlagt. Die Marine bezeichnet das geplante Mehrzweckkampfschiff als „Allzweckwaffe“. Die MKS 180 solle in der Lage sein, „einerseits überall auf der Welt lange Zeit große Seeräume zu patrouillieren, Embargos zu überwachen und notfalls deutsche Staatsbürger aus Krisensituationen zu evakuieren, andererseits im Nordatlantik oder Mittelmeer sich notfalls im Seegefecht gegen andere Kriegsschiffe seiner Art und U-Boote durchsetzen zu können“, so die Marine. Bisher könne ein einzelner Schiffstyp ein so breites Aufgabenspektrum nicht erfüllen.

Auftrag der Bundeswehr europaweit ausgeschrieben

Der Auftrag wurde europaweit ausgeschrieben – eine neue Herangehensweise bei der Projektvergabe eines solchen Bundeswehrprojekts. Thyssenkrupp-Vorstand Burkhard zeigte sich verwundert und verwies auf den Koalitionsvertrag von Union und SPD, in dem sich auch eine Passage zum Schutz von „Schlüsseltechnologie“ im Marinebereich befinde. „Interessant, wenn man das größte deutsche Marine-Projekt der nächsten zehn Jahre dann so vergibt“, so Burkhard. „Wir bedauern das sehr.“

Das Bundesverteidigungsministerium wird von der CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer geführt. Sie hatte das Amt von Ursula von der Leyen übernommen, die nun an der Spitze der EU-Kommission steht.

Arbeitsplätze von Thyssenkrupp in Hamburg, Emden und Kiel bedroht

Bei den 1000 Arbeitsplätzen, die nach Angaben von Thyssenkrupp-Vorstand Burkhard bedroht sind, geht es nach Informationen unserer Redaktion um 500 Stellen in Hamburg sowie 200 Jobs in Emden. Zudem befinden sich dem Vernehmen nach rund 300 Verwaltungsstellen in Kiel auf der Kippe. Angesichts der MKS 180-Entscheidung der Bundesregierung wird konzernintern hinterfragt, ob Thyssenkrupp noch der beste Eigentümer für das Geschäft mit Überwasser-Schiffen ist. Neben der Konstruktion von Überwasser-Schiffen gehört auch der Bau von U-Booten zu den Kompetenzen von Thyssenkrupp.

Bislang war der Essener Industriekonzern mit seiner Sparte TKMS Hauslieferant der Bundeswehr. Spekulationen zu einem möglichen Verkauf des Geschäfts für Überwasser-Schiffe hatten bereits vor einigen Monaten für Unruhe an den betroffenen Standorten gesorgt.

„Grundsätzlich ist es wichtig, dass wir als deutsche Werft Aufträge von der eigenen Regierung erhalten“, hatte Jörg Herwig, Geschäftsführer des Thyssenkrupp-Partners German Naval Yards, vor einigen Monaten hervorgehoben. „Nur so können wir unabhängiger von Exporten ins Ausland werden.“ Allerdings sind auch unter niederländischer Führung deutsche Unternehmen und Lieferanten beteiligt. Blohm und Voss gehört zur Lürssen Werftengruppe in Bremen.

Schwimmender Stützpunkt für Anti-Piraterie-Missionen

Das 155 Meter lange Mehrzweckkampfschiff soll dazu geeignet sein, etwa zwei Jahre in einem Einsatzgebiet bleiben zu können. Eine rund 110-köpfige Besatzung soll alle vier Monate rotieren. Das Schiff soll mit Einbaumodulen für unterschiedliche militärische Missionen ausgerüstet werden – beispielsweise als U-Boot-Jäger oder als schwimmender Stützpunkt für Anti-Piraterie-Missionen.

Die Ausschreibung über Deutschland hinaus war ein Novum. „Mit der Entscheidung für eine europaweite Ausschreibung wird die Bedeutung des Wettbewerbs in der Beschaffung der Bundeswehr unterstrichen“, erklärte das Verteidigungsministerium dazu im Juni.

Thyssenkrupp hätte sich „aktive Industriepolitik“ gewünscht

„Wir sind nach wie vor von der Qualität unseres gemeinsamen Angebots mit Naval Yards überzeugt“, schrieb Thyssenkrupp-Vorstand Burkhard über den Kurznachrichtendienst Twitter. „Eine vollständige Vergabe des Auftrags nach Deutschland sichert hierzulande Arbeitsplätze und wäre aktive Industriepolitik. Davon sind wir in Deutschland scheinbar weit entfernt. Nicht gut.“

Das Schreiben von Staatssekretär Tauber zur Auftragsvergabe liegt der Deutschen Presse-Agentur in Berlin vor. „Unserem Ziel, die zukünftige Einsatzfähigkeit der Deutschen Marine zu sichern, sind wir damit ein großes Stück näher gekommen“, heißt es darin. Die Entscheidung der Vergabestelle sei noch vorbehaltlich einer möglichen Rüge beziehungsweise einer gerichtlichen Nachprüfung vor der Vergabekammer. Auch der Bundestag muss sich noch mit dem Auftrag befassen.

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