Interview

Ohne Digitalisierung hat der Einzelhandel keine Zukunft

Ebbo Tücking war lange im Einzelhandel unternehmerisch tätig und ist zugleich der dienstälteste Dozent an der privaten Iserlohner Hochschule.

Ebbo Tücking war lange im Einzelhandel unternehmerisch tätig und ist zugleich der dienstälteste Dozent an der privaten Iserlohner Hochschule.

Foto: ue

Iserlohn.  Der Marktanteil des Online-Handels steigt, lokale Geschäfte verschwinden: Prof. Tücking über Lösungsansätze im Überlebenskampf des Einzelhandels.

Der Online-Handel hat im vergangenen Jahr erstmals die 10-Prozent-Mark­e beim Marktanteil überschritten. Das macht dem stationären Einzelhandel zu schaffen. Fachhändler und kleine Boutiquen verschwinden vor allem in kleineren Gemeinden aus dem Stadtbild. Was dagegen helfen könnte, haben wir mit Prof. Ebbo Tücking besprochen, Fachdozent für Gründungsmanagement und Marketing an der University of Applied Sciences Europe (UE) in Iserlohn. „Smart City ist viel mehr als Digitalisierung“

In den ersten Monaten dieses Jahres sind die Umsätze im NRW-Einzelhandel um drei Prozent gestiegen. So schlecht kann es also gar nicht aussehen, oder?

Ebbo Tücking Zehn Prozent online heißt ja auch, dass noch 90 Prozent stationär verkauft werden. Bei Lebensmitteln liegt die Quote sogar bei knapp 99 Prozent. Aber hier starten die Lieferdienste gerade erst, und bei Bekleidung liegt der Online-Anteil bereits bei über 20 Prozent, betrachtet man nur die Damen sogar noch deutlich höher. Außerdem haben wir derzeit eine gute Konjunktur, einen Einwohnerzuwachs, eine hohe Beschäftigungsquote. Das muss alles nicht so bleiben.

Was also tun?

Die Städte brauchen mutige Konzepte, um die Zentren zu Orten zu machen, in denen man sich gerne aufhält. Es braucht einen Mix aus Events, Gastronomie und Handel, auch in kleinen Städten müssen Co-Working-Spaces entstehen, Fitnesscenter vorhanden sein, coole Orte wie ein Beach-Club. Nach dem Krieg haben wir die autogerechte Stadt gebaut, jetzt müssen wir sie zur menschengerechten umbauen. Es werden sich nicht alle Einzelhandelsflächen in den Innenstädten erhalten lassen, aber wichtig sind lokale Zentren, in denen die Menschen zusammenkommen. Das kann eine Markthalle sein, wie es sie früher in Hagen gab, aber auch eine Freizeit- und Kulturfabrik wie die Elbershallen.

Das sind Aufgaben für Stadtentwickler und Immobilienbesitzer, aber was können die Händler tun? Auf Beratung setzen?

Das hat sich nicht bewährt. Zu viele Kunden sichten die Ware im Einzelhandel und kaufen dann günstiger online. Beratung gibt es mittlerweile auch online, zum Beispiel durch Chatbots. Aber wer den besten Chatbot hat, macht dadurch nicht automatisch Umsatz. Beratung und Kauf haben sich entkoppelt.

Was hilft dann?

Besser sind Services, die nach dem Kauf ansetzen, die nur Käufern im Laden oder Stammkunden zugute kommen. Das können exklusive Testprodukte sein, Reparatur oder Pflege.

Das klingt kaum nach einer Lösung für alle.

Die gibt es auch nicht. Aber für alle Einzelhändler, für die kleinen genau wie für Galeria Karstadt Kaufhof oder Douglas, gilt: Sie müssen ihr Ertragskonzept verändern. Eine reine Umsatzfixierung ist langfristig nicht weiterführend. Heute verkaufen nur die großen Kaufhäuser ihre Flächen, aber auch kleinere Anbieter könnten mittelständischen Marken, die gerade ihre physische Präsenz verlieren, eine Möglichkeit zur Präsentation anbieten. Es geht darum, eine Bühne zu bauen. Dafür kann sich der Einzelhändler bezahlen lassen. Durch Workshops und Events kann er den Community-Gedanken unterstützen.

So wie der Küchenladen, der einen Kochkurs anbietet?

Genau. Da gibt es im Frühsommer Grillwochen, ein Seminar und die Grills zu kaufen. Oder der Hersteller bezahlt direkt für die Präsentation seiner Geräte. Aber das funktioniert nur, wenn ich die richtigen Leute einlade. Und dafür brauche ich eine digitale Datenbasis, also eine richtig ausgewertete Kundendatenbank. Und ich muss zwingend online sichtbar werden, mein Profil schärfen, vielleicht auch nur mit kleinen Produktgruppen. Ich muss einen Weg finden, Mailadressen zu sammeln. Klar ist: Ohne Digitalisierung hat der Einzelhandel keine Zukunft. Bad Berleburg ist eine von fünf Smart Cities in Südwestfalen

Ist das den Händlern bewusst?

Haben Sie den Eindruck?

Nur zum Teil.

Der Handel unterscheidet sich nicht von anderen Akteuren in Deutschland. Unsere Behörden sind digital rückständig, und unser Mobilfunknetz ist schlechter als das von Albanien. Die Schweizer dagegen bauen gerade 5G flächendeckend auf.

Vielleicht kommunizieren wir traditionsverliebten Deutschen eben lieber mit echten Menschen statt mit Maschinen?

Das ermöglicht die Automatisierung ja gerade. Es muss niemand mehr an der Kasse sitzen, stattdessen können die Angestellten in die Beratung wechseln. Außerdem haben die Inhaber wegen der problematischen Arbeitszeiten heute schon Schwierigkeiten, Stellen zu besetzen: Wer arbeitet samstags schon gerne bis 20 Uhr? Modehaus Schuster in Attendorn schließt Ende Oktober 2019

Also Digitalisierung oder Untergang?

Es mag Nischen geben, die noch eine Weile funktionieren: schöne Traditionsläden in guter Lage mit vielen Stammkunden. Aber das sind die großen Ausnahmen. Man sieht es noch deutlicher bei den Dienstleistungen: Keiner meiner Studierenden käme auf die Idee, die Nummer einer Taxizentrale zu wählen. Wer keine gut funktionierende App anbietet, existiert faktisch für sie nicht.

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