Umwelt

Plastikatlas: Warum immer noch Müllberge entstehen

Plastikmüll

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Berlin  Der Plastikatlas der Heinrich-Böll-Stiftung zeichnet ein düsteres Bild: Die Umwelt steht im Schatten, den Müllberge weltweit werfen.

Es braucht etwas Anschaulichkeit, um diese Mengen zu begreifen: Pro Minute werden weltweit allein für die Coca-Cola-Getränkemarke 167.000 Einweg-Plastikflaschen hergestellt. Das sind 88 Milliarden Flaschen im Jahr. Aneinandergereiht würden sie 31-mal von der Erde bis zum Mond und zurück reichen.

Plastik ist bei Verbrauchern in Verruf geraten, seit tote Wale, Vögel und andere Tiere mit Mägen voller Plastik gefilmt wurden, Strände vermüllen, Mikropartikel im Grundwasser auftauchen. Doch die Produktion erlebt einen Boom.

Allein die Plastikindustrie in den USA will ihre Produktion in den nächsten Jahren um 30 Prozent steigern. Zwar verbiete die EU ab 2021 Einwegbecher, Strohhalme, Wattestäbchen und andere Wegwerfprodukte aus Plastik, sagt Barbara Unmüßig, Vorständin der grünen nahen Heinrich-Böll-Stiftung. Das sei „ein erster Schritt“ – reiche aber nicht. Sie beruft sich auf den am Donnerstag veröffentlichten „Plastikatlas“, der Daten und Fakten zur Plastikwirtschaft liefert. Die Stiftung hat die Informationen mit dem Umweltverband BUND und zahlreichen Experten zusammengetragen.

Wer treibt den Plastikboom an?

Alles begann 1862, Weltausstellung, London. Der erste Kunststoff wird präsentiert. Er heißt „Parkesine“ – nach seinem Erfinder Alexander Parkes. Spätestens als Coca-Cola 1978 die Einweg-Pet-Flasche einführt, kommen die Wegwerfprodukte zu Hause an und gelten als praktisch.

Von Anfang der 50er-Jahre bis 2015 wurden insgesamt 8,3 Milliarden Tonnen Plastik produziert, das sind mehr als eine Tonne pro Mensch, der heute auf der Erde lebt. Hinter der Plastikproduktion stehen große Konzerne, die damit gut verdienen: Der Chemieriese BASF, der amerikanische Dow-Konzern, der US-Rohölkonzern Exxon Mobil und Eni aus Italien.

Wo findet sich Plastik im Alltag?

Armaturenbretter, Rohre, Herzklappen. Plastik befindet sich überall. Der größte Teil aber steckt in Einwegprodukten und Verpackungen, wie zum Beispiel in Hygieneartikeln: Der Plastikanteil bei Tampons liegt bei bis zu sechs Prozent, bei Damenbinden bis zu 90 Prozent. Aber auch in Kleidungsstücken steckt oft viel Plastik. Viele Hemden, Kleider oder Hosen sind aus Stoffen mit Polyamid, Polyester, Acryl oder Nylon genäht.

Super-Enzym könnte Plastikmüll-Problem lösen

Dabei entsteht ein weiteres Pro­blem: Beim Waschen gibt die synthetische Kleidung kleinste Partikel ins Abwasser ab. Allein bei einer Fleecejacke sind es 250.000. Und im Supermarkt liegen Gurken in Folie verpackt. Die Folge: Im Jahr 2018 wurden EU-weit gut 1,13 Billionen Verpackungen für Essen und Getränke verbraucht. Die Zahl steigt seit Jahren. Allein auf jeden Bundesbürger kamen 2016 rund 38 Kilogramm Plastikmüll, der EU-Durchschnitt liegt bei 24.

Es war ein Rekord, als der US-Amerikaner Victor Vescovo vor Kurzem mit seinem Unterseeboot 10.928 Meter runter zu einem der tiefsten Punkte der Erde im Marianengraben im Pazifik tauchte. Er fand: eine Plastiktüte und eine Süßigkeiten-Verpackung. Nicht selten wird auch über Wale berichtet, die mit kiloweise Plastik im Bauch stranden.

Jedes Jahr landen etwa zehn Millionen Tonnen Plastikmüll in den Ozeanen, das ist etwa eine Lkw-Ladung Plastik pro Minute. Ein Großteil davon wird über Flüsse in die Meere geschleust. Noch viel stärker sind Äcker und Böden mit Plastik verschmutzt, schätzen Wissenschaftler.

Warum wird nicht mehr recycelt?

Mehr als 60 Prozent des hierzulande gesammelten Verpackungsmülls wird verbrannt. Hubert Weiger, der Vorsitzende des BUND-Umweltverbands, sagt: „Nur 38 Prozent unseres Plastikmülls werden tatsächlich dem Recycling zugeführt. Und der Skandal dabei ist: Plastik gilt bereits als recycelt, wenn es ins Ausland exportiert wird.“ Über Jahrzehnte landeten so viele Kunststoffabfälle in China.

Doch das Land will den Müll nicht mehr und stoppte vergangenes Jahr den Import. 2018 verschifften deutsche Firmen dann etwa 130.000 Tonnen Plastikmüll nach Malaysia. Nun sperrt sich das Land aber auch. Damit steigt der Druck auf hiesige Unternehmen, das Recycling ernster zu nehmen. Problem: Neuer Kunststoff ist günstiger als der aus Recyclingmaterial.

Sollte Plastik verboten werden?

Tansania führt jetzt ein Verbot von Plastiktüten ein. Das ostafrikanische Land folgt damit vielen anderen. Die Sache ist allerdings nicht so einfach. Papiertüten sind nicht unbedingt besser für die Umwelt, weil für ihre Herstellung zum Beispiel viel Energie und Wasser gebraucht wird.

„Bio“-Plastik baut sich, obwohl es oft als umweltfreundlichere Alternative angepriesen wird, auch nicht schnell ab. Und Stoffbeutel sind aus Umweltgesichtspunkten nur besser, wenn sie sehr oft genutzt werden.

Wie also gegensteuern?

Plastik müsse teurer werden, damit zum Beispiel Mehrwegverpackungen kon­kurrenzfähig werden – und es Shampoo und Duschgel im Supermarkt der Zukunft etwa aus dem Nachfüllbehälter gibt, sagt Bund-Chef Weiger. Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) hat einen Fünfpunkteplan verabschiedet, von dem allerdings noch längst nicht alles um­gesetzt ist. Die Umweltministerin will unter anderem Kaffee-Einwegbecher teurer machen.

Neben dem EU-Verbot für Einwegplastik soll auch der Einzelhandel stärker in die Pflicht genommen werden. Was Supermärkte jetzt schon gegen die Plastikberge unternehmen.

Am Ende sind abder auch die Verbraucher im immer noch zähen Kampf gegen Müll gefordert. So können Verbraucher beim Einkauf Plastik vermeiden.

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