Fridays for Future

Schüler protestieren gegen „super-antiquierte“ RWE-Strategie

Schüler blockieren einen U-Bahn-Ausgang vor der Grugahalle.

Schüler blockieren einen U-Bahn-Ausgang vor der Grugahalle.

Foto: Ralf Rottmann

Essen.   Vor der RWE-Hauptversammlung protestierten Schüler aus ganz NRW an der Grugahalle und in der U-Bahn gegen Kohle und für mehr Klimaschutz.

Mit massiven Protesten und Liegeblockaden in der U-Bahn haben Hunderte Schüler der Fridays for Future-Bewegung die RWE-Aktionäre zur Hauptversammlung begrüßt. Sie protestieren gegen die Klimapolitik des Essener Stromkonzerns, der im Rheinland mit der Verstromung von Braunkohle besonders klimaschädliche Kraftwerke betreibt. Die Schüler fordern das Abschalten aller Kohlekraftwerke bis 2030. Die Kommission der Bundesregierung hat einen Ausstieg bis 2038 beschlossen.

„Damit wären die Klimaziele, vor allem das 1,5-Grad-Ziel, nicht mehr zu erreichen“, kritisiert Carla Reemtsma, eine der Organisatoren der Proteste vor der Grugahalle. „RWE blockiert mit seiner superantiquierten Konzernpolitik einen schnelleren Ausstieg“, sagte sie unserer Redaktion.

Zum Fast-Eklat kam es vor Beginn der Demo und der Hauptversammlung im U-Bahnhof zur Gruga, als sich die Nachricht nach oben verbreitete, die Polizei lasse die Schüler nicht nach oben. „Das ist ein Unding, Ihr könnt unseren Protest nicht blockieren“, riefen vor der Halle und der ungewöhnlich großräumigen Polizeiabsperrung die Organisatoren ins Mikrofon.

„RWE ist böse, ab in die Friteuse“

Unten sah das etwas anders aus: Ein paar Dutzend Schüler hatten einen Ausgang liegend blockiert, skandierten: „Kohlebagger raus aus dem Rheinland“ oder auch etwas weniger sachlich: „RWE ist böse, ab in die Friteuse“. Die Polizei leitete aber lediglich die gleichzeitig ankommenden Aktionäre zu einem anderen Ausgang, damit sie nicht über die Schüler treten mussten und blockierte den Zugang von oben aus demselben Grund. Auch die Schüler konnten jederzeit den anderen Ausgang benutzen.

  • Der 13-jährige Levi aus Essen-Werden meint, RWE habe den Wandel verschlafen und appelliert an die Verantwortung der Konzernspitze, endlich umzusteuern. Denn: „Ich will nicht in regelmäßig 40 Grad heißen Sommern aufwachsen.“
  • „Wir machen es uns nicht leicht, sondern haben unsere Forderungen mit rund 100 Wissenschaftlern erarbeitet“, sagt Lukas Mielczarek (19) aus Düsseldorf. Der Konzern müsse endlich seinen Beitrag gegen den Klimawandel leisten. Denn: „Es reicht nicht, wenn ein paar Ökos Urban Gardening machen, um das Klima zu retten.“
  • Helene (17) aus Duisburg lebt vegan und sagt, sie spare Heizung und Strom, wann immer es geht. RWE will sie heute „zeigen, dass es so nicht weiter geht“.

Wie seit vielen Jahren protestieren auch Umweltorganisationen und Klimaaktivisten vor der Absperrung. „Hambi bleibt“, jubeln da die Baumbesetzer und Greenpeace plakatiert: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Klima.“

Sie freuen sich über die zahlreiche Unterstützung und den regen Nachwuchs, ein klein wenig bitter scheint es aber für manche schon zu sein, dass die meisten Journalisten sie diesmal nur fragen, wo denn die Schüler sind. Die beginnen ihre Demo nämlich offiziell erst um 10.30, also eine halbe Stunde nach Beginn der Hauptversammlung.

„Die Schüler kommen aus dem ganzen Land, deshalb brauchen wir etwas Zeit“, sagt Carla Reemtsma. Ein Zug aus Kleve, berichtet Lukas Mielczarek, sei so überfüllt gewesen, dass die Bahn ihn stoppte und die Schüler auf weitere Züge aufteilen musste.

„Es ist doch gut, wenn die den Mund aufmachen“

Manche Aktionäre, die an den bereits zeitig erschienenen Schülern vorbei in die Halle gehen, blicken irritiert, einige beeilen sich, vorbei an Demonstranten und den interessierten Medien zu kommen. Wer stehen bleibt, findet nur lobende Worte. „Es ist doch gut, dass sie auch mal den Mund aufmachen und ihre Sorgen vor dem Klimawandel sind ja verständlich“, meint Kleinaktionär und Rentner Werner Oepping.

Dass die Kinder die Schule schwänzen, kann ihn nicht aufregen: „Jeder Arbeitnehmer macht das doch, wenn er für höhere Löhne streikt.“ Und auch er sagt mit Blick auf den Konzern, an dem er Anteile hält: „RWE hat zu lange nicht auf die Veränderungen reagiert und den Zeitpunkt für die Wende verpasst.“

Drinnen äußert RWE-Chef Rolf Martin Schmitz Verständnis für die Proteste der Schüler und verspricht: „Wir werden nicht mehr in neue Kohlekraftwerke investieren“. Zu den Forderungen von Fridays for Future sagt er aber: „Zum Fordern gehört auch das Machen. Wir versuchen, Visionen mit Machbarem zu vereinen.“ RWE sei auch verantwortlich dafür, die Stromversorgung in Deutschland dauerhaft zu sichern.

Doch auch am Rednerpult erscheint Fridays for Future, in Person von Luisa Neubaurer, der die kritischen Aktionäre ihr Rederecht abgetreten haben. „Kein Unternehmen trägt mehr Verantwortung für den Klimawandel als RWE“, ruft sie, „und Sie als Aktionäre sind verantwortlich dafür, wenn Sie nicht endlich aufwachen.“ Es dürfe nicht sein, dass eine kleine fossile Elite für ein paar Cent Rendite die Zukunft der kommenden Generationen gefährde.

Sie werde in einer Welt erwachsen, die von Klimachaos und Artensterben geprägt werde, sagt die Schüleraktivistin. Die Angst vor dem nächsten Dürresommer sei nur ein erster Vorbote. „Was die Welt mit dem Planeten anrichtet“, werde einmal als größter Skandal in die Geschichte eingehen, ruft sie unter lautem Beifall, „und Sie tragen die Verantwortung dafür“.

Zum vereinbarten Rodungsstopp im Hambacher Forst bis Herbst 2020, den RWE mit der Landesregierung vereinbart habe, sagte Schmitz, er habe gehofft, „dass damit die gewalttätigen Angriffe gegen Polizisten und Mitarbeiter endlich ein Ende haben“. Als er anfügte, das sei leider nicht der Fall, die Angriffe der Aktivisten gingen weiter, bekräftigten Letztere durch laure Pfiffe ihre Anwesenheit.

Schmitz beklagt Gewalt im Hambi trotz Rodungsstopp

Dass Hambi wirklich bleibt, ist für Schmitz auch längst nicht ausgemacht. Die Gerichtsverfahren dazu laufen noch, der politische Wille ist freilich klar und parteiübergreifend auf den Erhalt des Hains umgeschwenkt. „Wir werden prüfen, ob und was technisch mit Blick auf Standsicherheit, Rekultivierung und Wasserwirtschaft möglich ist“, sagte Schmitz.

Klar sei, dass für den erhalt des Forsts die gesamte Braunkohleplanung geändert werden müsse. Schmitz hatte früher bereits einmal erklärt, er könne gar nicht erhalten werden, weil die Abbruchkante schon zu nah am Forst sei und bei der Befestigung des Geländes ohnehin abrutschen würde.

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