Strategie

Künstliche Intelligenz: Wie Deutschland um Anschluss kämpft

Bei der Künstlichen Intelligenz geben vor allem China und die USA das Tempo vor.

Bei der Künstlichen Intelligenz geben vor allem China und die USA das Tempo vor.

Foto: Axel Heimken / dpa

Berlin.  Seit über einem Jahr gibt es die KI-Strategie der Bundesregierung. Herausgekommen ist seitdem ein Flickenteppich. Und ein Brettspiel.

Lange galt Künstliche Intelligenz (KI) als abstrakte Zukunftsvision, die Träume und Ängste gleichermaßen bediente. Mittlerweile ist die KI im Alltag fest verankert. Im Netz beantworten immer mehr Chatbots Fragen, Sprachassistenten wie Apples Siri oder Amazons Alexa führen zuverlässig Befehle aus.

Staubsauger navigieren selbstständig durch die Wohnung und bei der Deutschen Bahn erteilt am Berliner Hauptbahnhof und am Frankfurter Flughafen die Roboterdame SEMMI Auskunft über die nächsten Reisemöglichkeiten.

Auch die Bundesregierung ist bei KI aktiv, mit dem Ziel, „Deutschland und Europa zu einem führenden KI-Standort zu machen.“ So steht es in der im November 2018 verabschiedeten Strategie der Regierung. Doch von einer Führungsrolle ist Deutschland derzeit weit entfernt.

Künstliche Intelligenz: USA und China geben den Takt vor

Produkte mit KI, die für den Verbraucher nutzbar sind, kommen vor allem aus den USA. Große Tech-Unternehmen wie Amazon, Google, Apple, Microsoft und IBM treiben die KI-Entwicklung voran.

Auf der anderen Seite steht China, das den größten Kapitalmarkt für KI-Start-ups hat und mittels künstlicher Intelligenz sein Überwachungs-Sozialkredit-System optimiert.

Gelingt Deutschland mit Maschinendaten der Durchbruch?

„Im Bereich der Geschäftsbeziehungen mit Privatpersonen wird es für Deutschland nicht mehr möglich sein, noch aufzuholen. Hier sind die USA und China absolut führend und weit voraus“, sagte Wolfgang Wahlster, Informatikprofessor und von 1997 bis 2019 Direktor des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI), unserer Redaktion. Doch abgehängt sei Deutschland noch nicht. Im Gegenteil: „Wir haben den größten Datenschatz an Maschinendaten“, sagt Wahlster.

Denn in der Industrie fallen zahlreiche Daten an. Allein moderne Autos produzieren laut einer McKinsey-Untersuchung bis zu 25 Gigabyte Daten pro Stunde. Daten, die Informationen zur Optimierung und Wartung von Systemen geben können. Und mit denen sich Geld verdienen ließe. „Das wird die einzige und letzte Chance für Deutschland und Europa sein, in einem Bereich der KI führend zu sein“, gibt sich Wahlster überzeugt.

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Unternehmen gründen eigene Kommission

Nur fehlt es an einer gesetzlichen Regelung, wem die Daten gehören. Das muss sich ändern, fordert nun ein Zusammenschluss von Unternehmen und Verbänden. Unter der Federführung von Microsoft Deutschland gründete sich Ende 2018 ein KI-Expertenrat.

Ihm gehören neben Unternehmen wie den DAX-Konzernen Volkswagen, BASF und der Deutschen Telekom etwa der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und der Deutsche Städte- und Gemeindebund an.

„Die technische Komponente hinter der KI ist der Bereich, um den ich mir am wenigsten Sorgen mache“, sagte Sabine Bendiek, Vorsitzende der Geschäftsführung von Microsoft Deutschland, unserer Redaktion. „Wichtig ist, dass wir schnell eine Regulierung erreichen. Wir haben bei der Vielzahl an industriellen Daten eine Chance und einen Vorsprung von zwei, maximal drei Jahren“, so Bendiek.

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KI-Strategie soll in diesem Jahr aktualisiert werden

Tatsächlich plant die Bundesregierung, ihre KI-Strategie noch in diesem Jahr fortzuschreiben. Das geht aus einer Kleinen Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion hervor, die unserer Redaktion vorliegt. Darin heißt es: Die Bundesregierung werde „die neuesten Entwicklungen und Bedarfe prüfen und die Strategie nach Diskussionsstand und Erfordernissen weiterentwickeln.“

Für Fragestellerin und Bundestagsabgeordnete Anna Christmann ist das nur „ein kleiner Hoffnungsschimmer“. Denn auch eine aktualisierte KI-Strategie „wird wenig bringen, wenn sie ein Gemischtwarenladen aus lauter Kleinstprojekten bleibt“, sagte die Grünen-Politikerin unserer Redaktion.

KI-Strategie gleicht einem Flickenteppich

Bisher gleicht die KI-Strategie einem Flickenteppich: Acht verschiedene Ministerien arbeiten derzeit an KI-Feldern. Dabei handelt es sich aber vor allem um Projekte mit geringer internationaler Strahlkraft.

Das Wirtschaftsministerium ist etwa mit 33 „KI-Trainern“ unterwegs, die kleinen und mittelständischen Unternehmen das Thema näherbringen sollen. Zudem ist es Schirmherr eines Online-Kurses für Unternehmen.

Das Umweltministerium soll im ersten Quartal des aktuellen Jahres sogenannte Leuchtturmprojekte bewilligen, die „mittels KI einen Beitrag zur Lösung ökologischer Herausforderungen leisten“, heißt es in dem Schreiben der Bundesregierung. Und das Arbeitsministerium erprobt mit einem Projekt, wie mit KI die Chancen von Menschen mit Behinderungen auf dem Arbeitsmarkt verbessert werden können.

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Ein Brettspiel soll das Verständnis festigen

Zusammen laufen alle Projekte der Ministerien beim Bildungs- und Forschungsministerium (BMBF) um Ministerin Anja Karliczek (CDU), das federführend für die KI-Strategie ist. Karli­czek kündigte 2019 an, 100 Professuren im KI-Bereich schaffen zu wollen. Doch bisher wurde erst eine Professur verkündet: Zum 1. Januar trat der Neurowissenschaftler Peter Dayan seine Professur in Tübingen an. Bis 2024 sollen 30 der 100 Professuren besetzt sein.

Auf die Frage von Grünen-Politikerin Christmann, wie die Bundesregierung Verständnis für KI erzeugen und für Datenschutz, Robotik und Daten sensibilisieren wolle, hat die Bundesregierung einen Erfolg zu vermelden. Man habe im vergangenen Jahr das Lernspiel „Mensch, Maschine“ herausgegeben, das von über 2000 Bildungseinrichtungen bestellt worden sei. Es handelt sich dabei um ein analoges Brettspiel.

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