Neuer Video-Talk

Thyssenkrupp-Chefin Merz präsentiert Vision fürs Ruhrgebiet

| Lesedauer: 6 Minuten
„Ruhrgebiet, wir müssen reden!“: Unser Talk mit Martina Merz

„Ruhrgebiet, wir müssen reden!“- Unser Talk mit Martina Merz

Ehrliche Gespräche über das Leben in der Region: „Ruhrgebiet, wir müssen reden!“ heißt das neue Format. Diesmal dabei: Thyssenkrupp-Chefin Merz.

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Essen.  Auftakt unseres neuen Video-Formats „Ruhrgebiet, wir müssen reden!“: Thyssenkrupp-Chefin Merz im Gespräch mit WAZ-Chefredakteur Tyrock.

Der Blick von Martina Merz auf das Ruhrgebiet ist ein besonderer. Die Thyssenkrupp-Chefin ist in drei Städten zuhause: in Essen, Stuttgart und Paris. Die Managerin spricht selbst von einer „sehr ungewöhnlichen Konstellation“ – und davon, dass Essen in ihrer Wahrnehmung „eine unterschätzte Metropole“ sei – uneitel, lebendig und vielfältig. Die Frau, die den Konzern führt, der wie kaum ein anderer für das Ruhrgebiet steht, lässt durchblicken, dass es ihr nicht in die Wiege gelegt worden ist, das Großstadtleben einer international agierenden Managerin zu führen. Aufgewachsen ist Martina Merz in einem kleinen Dorf auf der Hochebene zwischen dem Schwarzwald und der Schwäbischen Alb, wo „Deutschlands meiste Sonnenstunden sind“, wie Merz erzählt. Jetzt habe sie „das große Vergnügen“, in Essen „mitten in einem Wohngebiet“ zu leben, nebenan ein Kindergarten mit entsprechender Geräuschkulisse schon in den Morgenstunden.

Im Video-Interview mit WAZ-Chefredakteur Andreas Tyrock in der Essener Funke-Zentrale, nur einige hundert Meter vom Thyssenkrupp-Konzernquartier entfernt, bietet Martina Merz einige persönliche Einblicke in ihre Biografie. Sie habe „das große Glück“ gehabt, gemeinsam mit ihren beiden Geschwistern in einem Elternhaus mit zwei „sehr starken Persönlichkeiten“ aufwachsen zu können. „Als Frau muss ich schon sagen: Meine Mutter war auch eine starke Frau, und mein Vater ein sehr toleranter, ein sehr an Entwicklung orientierter Mann“, sagt Merz. Das habe sie sehr geprägt. Sich weiterzuentwickeln, als Mensch wie auch als Unternehmen, Vielfalt zu akzeptieren, offen für Veränderungen zu sein – auf diese Werte geht Merz auch im Fortgang des Gesprächs ein.

Martina Merz, die vor einigen Wochen von der Beratungsfirma Boston Consulting und dem Manager Magazin zur „einflussreichsten Frau der deutschen Wirtschaft“ gekürt worden ist, gibt sich bodenständig, plaudert offen darüber, dass sie gerne Bier trinke und es sehr zu schätzen wisse, wenn sich Menschen mit Humor begegnen. „Man lacht über sich, man lacht über andere, man lacht überhaupt gerne“, bemerkt Merz mit Blick auf das Ruhrgebiet. „Man spricht hier vieles an, was in meinem braven Schwabenland sicherlich eine größere Herausforderung ist.“

Seit Oktober 2019 führt Martina Merz nun den Essener Traditionskonzern Thyssenkrupp. Nach dem Willen des Aufsichtsrats sollen einige weitere Jahre hinzukommen. Jedenfalls hat das von BDI-Präsident Siegfried Russwurm geführte Gremium den laufenden Vorstandsvertrag der 59-jährigen Managerin im vergangenen Mai um fünf Jahre bis Ende März 2028 verlängert. Merz gehe den Umbau von Thyssenkrupp entschlossen an, so Russwurm. Der „Veränderungsprozess“ solle weitergehen.

„Ehre, für Thyssenkrupp arbeiten zu dürfen“

„Ich empfinde es völlig uneingeschränkt als Ehre, für Thyssenkrupp arbeiten zu dürfen. Und ich empfinde es auch als freudvoll – trotz aller Herausforderungen“, sagt Merz. Schon zu Beginn ihrer beruflichen Laufbahn als Ingenieurin habe sie Kontakt zum Konzern gehabt – bei einem Forschungsprojekt, bei dem es um die automatisierte Mülltrennung gegangen sei. Das habe ihr Bild geprägt von einem Unternehmen, „das versteht, was es tut“, unabhängig von der zwischenzeitlich prekären finanziellen Lage des Konzerns. „Kapital ist eine Sache“, sagt Merz. „Fähigkeiten, Erfahrungen der Menschen im Unternehmen“ seien hingegen viel schwieriger zu bekommen. Manchmal seien Generationen erforderlich, „um eine Substanz aufzubauen“, wie sie Thyssenkrupp habe.

Wenn es darum gehe, in den kommenden Jahren Deutschlands Wirtschaft und Gesellschaft möglichst klimaneutral zu organisieren, sei Thyssenkrupp besonders gefragt, sagt Merz. „Ich denke, für alle Führungskräfte bei Thyssenkrupp sprechen zu können, dass es uns ein Herzensanliegen ist, bei der grünen Transformation eine Befähiger-Rolle einnehmen zu können.“

Die Stahlindustrie gehört derzeit zu den größten Verursachern von klimaschädlichem Kohlendioxid in Deutschland. Allein aus den Hochöfen von Thyssenkrupp stammen Unternehmensangaben zufolge rund 2,5 Prozent des bundesweiten Kohlendioxid-Ausstoßes. Hier den Umbau voranzubringen, sei „eine große

Chance“, sagt Merz. „Es ist auch eine große Verpflichtung und Verantwortung, und es ist eine große finanzielle Herausforderung.“ Ab dem Jahr 2025 will Thyssenkrupp die vier Hochöfen am Standort Duisburg schrittweise durch Direktreduktionsanlagen ersetzen. Diese sollen zunächst mit Erdgas und später mit Wasserstoff betrieben werden. Milliardenschwere Investitionen sind dafür erforderlich, für die der Konzern auch auf staatliche Unterstützung hofft. „Wir emittieren heute CO2 in einem großen Umfang, aber wir haben auch eine Lösung, die dieses beendet“, sagt Konzernchefin Merz, die seit 27 Jahren Mitglied der Umweltschutzorganisation Greenpeace ist.

„Bei grüner Transformation vorne mit dabei“

„Thyssenkrupp ist an allen wesentlichen Stellen der grünen Transformation vorne mit dabei“, betont Merz, insbesondere beim Aufbau einer Wasserstoff-Wirtschaft, mit der Kohle und Öl als Energieträger verdrängt werden sollen. Mit der Stahlsparte sei der Konzern nicht nur ein potenzieller Verbraucher, mit der Dortmunder Tochterfirma Nucera stelle Thyssenkrupp zudem selbst Elektrolyseure her, die in großem Stil Wasserstoff erzeugen können. „Wir haben auch den größten Elektrolyseur der Welt im Aufbau – in Saudi-Arabien“, hebt Merz hervor.

Mit Blick auf das Ruhrgebiet äußert sich die Thyssenkrupp-Chefin optimistisch, weil in der Region viele Kompetenzen für die bevorstehenden industriellen Veränderungen vorhanden seien – mit wichtigen Forschungseinrichtungen und Unternehmen aus der Energie-, Chemie-, Stahl- und Anlagenbauindustrie. „Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass das Ruhrgebiet die Power hat, ein industrielles Zentrum im Weltmaßstab für eine grüne Transformation zu werden“, sagt Merz. Das möge sich „sehr groß“ anhören, räumt sie ein, aber „das Potenzial“ angesichts einer Vielzahl von Kompetenzen im Ruhrgebiet sehe sie allemal.

Weitere Folgen von „Ruhrgebiet, wir müssen reden!“

Folge 1: Martina Merz, Thyssenkrupp-Chefin

Folge 2:

Folge 3: Julia Gajewski, Schulleiterin in Essen-Altendorf

Folge 4:

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