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Wie Tik Tok WhatsApp, Facebook und Co. Konkurrenz macht

Die App Tik Tok.

Die App Tik Tok.

Foto: dpa Picture-Alliance / Frank May / picture alliance / Frank May

Hamburg  Der Wettbewerb unter den sozialen Netzwerken wächst. Vor allem jüngere Nutzer zieht es zu neuen Plattformen wie zum Beispiel Tik Tok.

Natürlich hat Julius einen Facebook-Account. Der 19-jährige Jura-Student nutzt ihn aber nur selten. Genau genommen ist sein letzter Eintrag fast ein Jahr alt. Damals hat er sich für Glückwünsche zu seinem Geburtstag bedankt, die von Gratulanten kamen, die deutlich älter sind als er.

Es ist nicht so, dass der Hamburger Jugendliche ein Social-Media-Muffel wäre. Nur bevorzugt er, ebenso wie seine gleichaltrigen Freunde, Plattformen wie Instagram, Snapchat oder – die neueste Plattform – Tik Tok. Allen ist gemein: Sie sprechen ein deutlich jüngeres Publikum an als Facebook.

Tik Tok erreicht in Deutschland zwar erst 4,1 Millionen Nutzer, hat weltweit nach eigenen Angaben aber schon 800 Millionen tägliche aktive User. Mit Tik Tok können Teenager 15 Sekunden lange Handyvideos teilen, die sie entweder selbst produziert oder von anderen hochgeladen haben. Nach dem Anschauen verschwinden die Videos wieder – so ähnlich wie bei Snapchat.

Jugendliche wollen Daten vor ihren Eltern schützen

Laut dem Digitalexperten Sascha Lobo besteht die Kernzielgruppe aus 14- bis 21-jährigen Mädchen. Im ersten Quartal dieses Jahres wurde Tik Tok in Apples App-Store mehr als 33 Millionen Mal heruntergeladen. Damit war die App – zum fünften Mal in Folge – die erfolgreichste weltweit. Youtube, Instagram, WhatsApp und die Messenger-App von Facebook ließ sie hinter sich.

Das Netzwerk hat bereits ein paar Stars hervorgebracht, die auch bei ana­logen Veranstaltungen auftreten. Zu den Top-Influencern (1,3 Millionen Fol­lower) gehört etwa Chany Dakota, die Videos aus ihrem Alltag hochlädt. Erst kürzlich hat die Plattform am Standort Berlin ein Team für die deutsche Wer­bevermarktung zusammengestellt.

„Es ist ein wichtiger Schritt, um wirklich lokal und marktnah zu sein und unseren Nutzern ein noch besseres Erlebnis zu bieten — was wiederum unser Wachstum antreibt“, sagte eine Sprecherin von Tik Tok dem Magazin „Business Insider“.

Tik Tok gehört dem chinesischen Konzern ByteDance.

Der Vorgänger von Tik Tok ist die App Musical.ly. Die App wurde Ende 2017 von ByteDance gekauft und im August 2018 in Tik Tok umbenannt. Für das Online-Portal Socialmediawatchblog ist es nicht unproblematisch, dass der Betreiber in China sitzt. Es müsse angenommen werden, dass Tik Tok, wie auch andere Plattformen aus dem Reich der Mitte, „stark zensiert wird“.

Facebook verlassen Teenager in Scharen

Zudem reihe sich das Netzwerk „in die Gruppe der Überwachungskapitalisten“ ein, „die aus jedem Nutzer maximalen Profit schlagen wollen“. Dennoch wächst Tik Tok rasant – so rasant, dass Facebook mit Lasso eine ganz ähnliche App entwickelt hat, die allerdings nicht sonderlich erfolgreich ist.

Der Erfolg von Tik Tok macht dem ohnehin angeschlagenen Netzwerk zu schaffen. „Wenn ich in eine Schulklasse komme, geben von gut 20 Schülern maximal zwei an, noch Facebook zu nutzen“, sagt Sascha Lobo. „Und die beiden sind da auch nur noch, weil der Trainer ihrer Fußball- oder Handballmannschaft via Facebook mit ihnen kommunizieren möchte.“

Nicht nur Teenager, auch Twens verlassen die Mutter aller sozialen Netzwerke in Scharen. Das amerikanische Forschungsinstitut Pew Research fand heraus, dass allein 2017 44 Prozent der 18- bis 29-Jährigen die Facebook-App von ihrem Handy löschten. Unter Experten ist das Phänomen längst bekannt. Kürzlich widmete ihm das Fachblatt „Horizont“ eine längere Geschichte.

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Droht Facebook ein Portal für Senioren zu werden? „Das ist es doch längst“, sagt Lobo trocken. Die Gründe für die schleichende Vergreisung der Plattform liegen für den Digitalexperten auf der Hand. „Da findet eine ganz normale Ausdifferenzierung statt“, sagt er. Früher habe es mit Facebook nur ein soziales Netzwerk gegeben, das den Ansprüchen aller Nutzer gerecht werden musste.

Nun suchten sich ins­besondere junge Zielgruppen Plattformen, die zu ihnen passten. Jugendliche, hat Lobo beobachtet, hätten ein ganz ­anderes Verständnis von Datenschutz als Erwachsene: „Ihnen geht es nicht so sehr darum, sensible Daten vor dem Zugriff des Staates zu schützen, sondern vielmehr vor dem der Eltern“, sagt er.

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Snap erzielte trotz Millionen Nutzern bisher keinen Gewinn

Es bleibt abzuwarten, ob Tik Tok ein ähnliches Schicksal droht. Auch Snapchat musste die Erfahrung machen, dass Jugendliche keine treue Zielgruppe sind. Als Anfang 2018 an der Plattform ein paar Veränderungen vorgenommen ­wurden, kam das überhaupt nicht gut an.

Zahlreiche User folgten ihrem Beispiel.

Der Aktienkurs von Snap, der Muttergesellschaft des Netzwerks, stürzte ab. Zwar gelang es Ende 2018, den Abwärtstrend zu stoppen. Die Plattform kommt nun wieder auf 186 Millionen tägliche aktive Nutzer. Aber das Beispiel Snapchat zeigt, wie schwierig es für ein Netzwerk sein kann, mit fast ausschließlich jugendlichen Usern Geld zu verdienen.

Snap ist dies in mehr als achteinhalb Jahren, solange es die Plattform gibt, noch nie gelungen. 2018 machte die Firma 1,2 Milliarden Dollar Verlust bei einem ebenso hohen Umsatz.

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Auch Tik Tok verlor bereits zwei ihrer wichtigsten Influencerinnen: Die größten Stars auf Tik Tok waren die 16-jährigen Schwaben-Zwillinge Lisa und Lena. Im März 2019 löschten sie ihren Account – bei Instagram allerdings sind sie weiter zu sehen.

Die nächsten Apps sind bereits programmiert: Lobo sieht Twitch, ein Netzwerk, das sich an Jugendliche richtet, die sich für Computerspiele interessieren, und You Now, eine Plattform, über die junge Zielgruppen in Echtzeit in Bewegtbildern kommunizieren, stark im Kommen.

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