Recycling

Wie aus einem Plastik-Joghurtbecher Sondermüll wird

Bis zu 90 Prozent der Plastikverpackungen könnten wiederverwendet werden.

Bis zu 90 Prozent der Plastikverpackungen könnten wiederverwendet werden.

Foto: imago stock / imago stock&people

Berlin  Nur die Hälfte von dem, was in der gelben Tonne landet, wird wiederverwertet. Der Rest wird verbrannt. Das hat Folgen für die Umwelt.

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Bierdose, Milchkarton, Joghurtdeckel – all das gehört in die gelbe Tonne. Das bisweilen mühsame Sortieren des Mülls lohnt sich, denn was dort landet, wird recycelt – das glauben die meisten Verbraucher. Doch die Annahme stimmt nicht, zeigen die Zahlen des Umweltbundesamtes.

In Deutschland werde nur knapp die Hälfte der Verpackungen , die in der gelben Tonne landen, tatsächlich wiederverwertet. Der Großteil werde hingegen verbrannt, mit teils nicht absehbaren Folgen für die Umwelt. Ein neues Gesetz soll Abhilfe schaffen. Experten sehen darin jedoch den falschen Ansatz.

„Wir könnten eigentlich bis zu 90 Prozent der Plastikverpackungen wiederverwenden“, sagt Henning Wilts vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. „Doch Verbrennen ist einfach billiger.“ Plastik eigne sich wegen seines Erdölanteils besonders gut zum Verfeuern.

Seine Aufbereitung sei dagegen deutlich teurer. „Dazu tragen entscheidend die riesigen Müllverbrennungsanlagen der Kommunen bei“, so der Experte für Kreislaufwirtschaft.

Überangebot an Verbrennungsanlagen

Ein Bericht des Bundestages vom Mai 2018 zeigt, dass es in Deutschland bislang ein Überangebot solcher Verbrennungsanlagen gab. Allein zwischen 1998 und 2003 wurden acht neue Anlagen gebaut. Damals ging man von wachsenden Müllbergen aus.

Neue Strategien zur Abfallvermeidung und –wiederverwertung führten jedoch dazu, dass die Mengen langsamer stiegen als erwartet. Um die Anlagen kostendeckend zu betreiben, müssen sie ausgelastet sein – und das über 20 bis 50 Jahre. Müll, der eigentlich recycelt werden könnte, wird daher verbrannt.

Zwar entsteht dabei auch Energie – immerhin vier Prozent des bundesweiten Bedarfs. Dennoch ist es deutlich umweltschädlicher, die für die Herstellung notwendigen Rohstoffe, vor allem Erdöl, Kohle und Erdgas, neu abzubauen, statt die wertvollen Materialien wiederzuverwenden.

Berechnungen des Fraunhofer-Instituts für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik zeigen, dass bis zu 70 Prozent mehr CO2 freigesetzt wird, wenn neues Plastik hergestellt wird statt altes zu recyceln.

Schlacke wird häufig im Straßenbau eingesetzt

Zudem verschwindet der Müll nicht, wenn er in den Öfen landet. Rund ein Drittel bleibt als Schlacke und Feinstäube übrig. Während die Schlacke häufig im Straßenbau eingesetzt wird, werden die Feinstäube als hochgiftiger Sondermüll meist in unterirdische Lagerstätten gebracht.

Allein 400.000 Tonnen jährlich. Die weltgrößte Sondermülldeponie unter der Erde liegt in Herfa-Neurode in Osthessen. „Ähnlich dem Atommüll stellt sich die Frage: Ist man die Stoffe damit für immer los?“, so Wilts. „Auch hier haben wir nur Zwischenlager, keine endgültige Lösung.“ Er fordert, dass es teurer werden muss, Müll zu verfeuern.

Eine Verbrennungssteuer etwa könne helfen.Verbesserungen soll das neue Verpackungsgesetz bringen, das am 1. Januar 2019 in Kraft tritt. Es sieht vor, dass hierzulande mehr recycelt wird: 58 Prozent aller Verpackungen müssen dann wiederverwertet werden – statt der bisher vorgeschriebenen 36 Prozent. Ab 2022 sollen es 63 Prozent sein.

Plastikmüll hat sich in zehn Jahren knapp verdoppelt

Aus Wilts Sicht setzt das Gesetz jedoch die falschen Anreize. Zwar sollen Verpackungen, die Recyclingmaterial enthalten oder gut recycelbar sind, ab 2019 weniger kosten. Die Hersteller werden dennoch nicht dazu angehalten, Verpackungen zu sparen. „Besser als Plastik noch mal zu verwenden ist, weniger davon zu verbrauchen“, sagt Wilts.

Deutschland könne sich ein Beispiel an seinem Nachbarn nehmen. In Frankreich bekommen die Unternehmen acht Prozent der Verpackungsgebühren erlassen, wenn sie nachweisen, dass sie weniger Material einsetzen.

Das spiegelt sich in den dortigen Müllmengen wider: Die Menge an Plastikabfall blieb über die letzten zehn Jahre gleich. In Deutschland habe sie sich hingegen beinahe verdoppelt, so das statistische Amt der Europäischen Union.

Deutschland importierte Alt-Plastik aus dem Ausland

Bisher importierte die Bundesrepublik sogar weiteres Alt-Plastik, um seine bislang nicht ausgelasteten Anlagen zu füllen. Laut Branchenverband ITAD rund 1,15 Millionen Tonnen Müll allein 2015, allen voran aus Großbritannien und den Niederlanden.

Aktuell ist hier jedoch einiges in Bewegung: Die Anlagen sind bis obenhin voll – und das vorrangig mit einheimischen Abfällen. Der Grund: Bis April dieses Jahres wurden trotz der hiesigen Verbrennungsanlagen jährlich etwa 560.000 Tonnen Alt-Plastik nach China verschifft.

Denn die dortigen Abnehmer zahlten häufig fast doppelt so hohe Preise wie deutsche Verwerter. Sie nutzten das gebrauchte Plastik , um daraus wieder Shampooflaschen oder Gartenmöbel herzustellen.

Das war für sie immer noch günstiger, als Erdöl oder neues Rohplastik zu importieren. Mit wachsendem Wohlstand produziert das Land jedoch selbst genügend Müll – und beschloss, die Importe zu stoppen. „Dadurch entsteht in Deutschland plötzlich eine Konkurrenz um die Öfen. Die Verbrennungspreise steigen, Recycling wird wieder lukrativer“, so Wilts.

Wie sich das langfristig auf die Recyclingquote auswirkt, könne aber noch nicht abgeschätzt werden.

Lidl ist in das Recyclinggeschäft einstiegen

Größere Hoffnungen in Bezug auf die Quote setzt Wilts in eine andere Entwicklung, die er „als eine der interessantesten überhaupt“ bezeichnet: Kürzlich ist der Discounter Lidl in das Recyclinggeschäft einstiegen.

Als erstes Handelsunternehmen hat der Lidl-Mutterkonzern – die Schwarz-Gruppe – ein eigenes sogenanntes duales System gegründet. Zu den bekanntesten Vertretern der dualen Systeme zählt der „Grüne Punkt“.

Prangt dessen Logo auf einer Verpackung, wissen Verbraucher, dass Hersteller und Vertreiber des Produkts sich an den Kosten für die Verwertung der Verpackung beteiligen. Nach Branchenschätzung zahlt Lidl dafür bisher zwischen 70 und 80 Millionen Euro im Jahr.

Hier wolle der Discounter vermutlich sparen. Betreibt er nun sein eigenes System, könne das aus Sicht von Experten auch dazu führen, dass mehr Plastik wiederverwendet wird.

Bislang wissen die Stellen, an denen der gesammelte Müll ankommt, nicht, welche Stoffe in jeder Verpackung stecken. Das macht es zusätzlich schwer, sie weiterzuverarbeiten. Kommen Herstellung und Recycling nun aus einer Hand, könne sich das ändern, glaubt Wilts. Es liege in ihrem eigenen Interesse, möglichst wenig zu verschwenden.

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