Corona-App

Wie Handys gegen die Ausbreitung von Corona helfen sollen

Smartphones sollen bei der Eindämmung der Corona-Pandemie eine zentrale Rolle spielen.

Smartphones sollen bei der Eindämmung der Corona-Pandemie eine zentrale Rolle spielen.

Foto: Marcello Mazza / getty/mazza

Zu Ostern soll die erste Smartphone-App auf den Markt kommen, die bei Kontakt zu Corona-Infizierten warnt. Gespräch über Technik und Datenschutz.

Essen. Im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus setzt die Bundesregierung auf eine Smartphone-App. Über die Bluetooth-Funktion sollen auf freiwilliger Basis Bewegungsdaten erfasst werden, um nachvollziehen zu können, wem ein Infizierter nahe gekommen ist. Mit dem Erfinder der Plattform, Chris Boos, und dem Deutschlandchef von Vodafone, Hannes Ametsreiter, sprach Frank Meßing auch über Gefahren für den Datenschutz.

Herr Boos, Sie gelten als einer der geistigen Väter von PEPP-PT. Können wir mit Apps europaweit die Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus eindämmen?

Chris Boos: Das können wir ganz sicher. In vielen Ländern in Asien hat die digitale Technik geholfen, die Ausbreitung des Virus zu bremsen. Allerdings vielerorts zum Preis der Überwachung. Das kann und darf sich ein moderner und demokratischer Staat wie Deutschland nicht erlauben. In Europa wollen wir einen anderen Weg gehen. Einen freiwilligen und Datenschutz konformen Weg. Unser Ziel ist es, die Nähe von Menschen zueinander und damit potenzielle Infektionsketten zu erfassen, dabei aber auch die Privatsphäre sowie persönliche Daten zu schützen. Das ist der Knackpunkt.

Wann können wir damit rechnen, dass die App auf den Markt kommt?

Boos: Wir als Initiative PEPP-PT liefern die länderübergreifende Plattform. Apps, die darauf aufsetzen, entwickeln die Länder und entsprechende Institute oder die jeweilige Start-up Community. In Deutschland arbeiten unter anderem das Robert-Koch-Institut und verschiedene Start-ups an solchen Lösungen. Ich rechne damit, dass die erste App um Ostern herum verfügbar sein wird. Wie es aussieht, werden sich viele europäische Staaten für die Technologien und Mechanismen aus dem Projekt PEPP-PT entscheiden. Die Apps aus den einzelnen Ländern können dann ohne Verletzung der Privatsphäre über die Ländergrenzen hinweg Infektionsketten verfolgen. Das ist wünschenswert und zielführend.

Herr Amtesreiter, Vodafone ist unter 130 Partnern der einzige Telekommunikationskonzern, der bei PEPP-PT mitmacht. Warum?

Ametstreiter: Meine 16.000 Vodafone-Kollegen und ich arbeiten in diesen Tagen rund um die Uhr, um zwei Ziele zu erreichen: Wir wollen mit stabilen Netzen Brücken bauen, wo das Virus Mauern hochzieht. Damit die Menschen einander trotz räumlicher Distanz nah sein können. Und wir wollen mit digitalen Innovationen helfen, Infektionsketten zu unterbrechen. Damit unsere Wirtschaft den Wettlauf gegen das Coronavirus gewinnt. Und damit wir alle schneller wieder unseren Alltag zurückgewinnen. Das Projekt PEPP-PT ist ein Schlüssel dafür.

Was kann der Mobilfunk in dieser Lage leisten?

Ametsreiter: Unsere Smartphones können uns helfen, das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben langsam wieder hochzufahren. Wir arbeiten seit vielen Jahren mit unserem eigenen Lehrstuhl an der TU Dresden mit den besten Forschern zusammen. Unsere Netzexperten verfügen über großes Wissen im Bereich Datengenerierung. So konnten wir das Projekt von Beginn an unterstützen. Aktuell testen wir in unseren Laboren in Düsseldorf die Abstandsmessung per Bluetooth-Sensorik mit allen gängigen Smartphone-Modellen und ihre Einsatzfähigkeit im Kampf gegen Corona. Kein Gedächtnisprotokoll kann uns so gut vor potenziellen Infektionen warnen, wie es unsere Smartphones können.

Werden wir uns neue Smartphones kaufen müssen, um Corona-Apps zu nutzen?

Ametsreiter: Nein. So gut wie jedes Smartphone besitzt eine Bluetooth-Sensorik. Auch ältere Modelle werden Corona-Apps, die auf diese Mechanismen aufsetzen, nutzen können. Aber die Abstandsmessung per Bluetooth kann sich durch technische Details zwischen den Smartphones unterscheiden. Diese Unterschiede berechnen wir in unseren Laboren und machen die Technologie bereit für den großflächigen Einsatz mit möglichst vielen Telefonen.

Was machen Menschen, die kein Smartphone haben?

Ametsreiter: Acht von zehn Bundesbürgern besitzen ein Smartphone. Aber eben nicht alle. Mit unserer Tochterfirma Grandcentrix in Köln arbeiten wir an Konzepten, wie die Technologie auch ohne Smartphone genutzt werden kann. Im Internet der Dinge – zum Beispiel mit einer Art Schlüsselanhänger.

Behindern Funklöcher die digitale Datensammlung?

Ametsreiter: Funklöcher sind noch immer ärgerlich, spielen bei dieser Technik aber überhaupt keine Rolle. Über Bluetooth sprechen die Handys direkt miteinander. Sie bemerken, wenn sich andere Smartphones über mehrere Minuten in der direkten Nähe von weniger als zwei Metern befinden. Also: Eine Nähe, die das Infektionsrisiko erhöht. Mobilfunk ist hier nicht nötig.

Abstandsmessungen machen aber nur Sinn, wenn möglichst viele Menschen mitmachen und die App nutzen.

Boos: Das ist der Punkt. Aus Umfragen wissen wir, dass 85 Prozent der Bundesbürger bereit wären, eine solche Corona-App, die auch den Datenschutz in höchstem Maße berücksichtigt, auf ihrem Handy zu nutzen. Einer Studie der Universität Oxford zufolge bräuchte es keine zusätzlichen Schutzmaßnahmen, um die Ausbreitung der Pandemie einzudämmen, wenn mehr als 60 Prozent der Bürger die App nutzen.

Müssen Nutzer wirklich keine Angst haben, dass mit ihren Daten Missbrauch getrieben wird?

Ametsreiter: Drei Punkte sind wichtig: Die Nutzung solcher Apps ist freiwillig. Sie erfassen keine personenbezogenen Bewegungs- oder Kundendaten. Und die anonymen Daten, die so eine App erfasst, werden ausschließlich auf dem eigenen Smartphone gespeichert. Sie werden erst dann an das Robert-Koch-Institut übermittelt, wenn der Nutzer erfährt, dass er infiziert ist und zustimmt, um andere Menschen zu warnen. Dann werden Personen, die sich in den vergangenen 21 Tagen in dessen Nähe aufgehalten haben, informiert.

Das Virus macht an Grenzen nicht halt. Die Bundesregierung pocht bei der Corona-App deshalb auf eine europäische Lösung.

Boos: Das ist auch der einzig richtige Weg. Unser Ziel ist eine europäische Lösung. Deshalb gibt es PEPP-PT. Die Länder müssen sich nicht untereinander auf eine App einigen, sondern können unsere Plattform nutzen und mehrere Apps darauf aufsetzen.

Wie werden die Apps rasch zu den Kunden kommen?

Boos: Natürlich wird es zum Start entsprechende Informationskampagnen geben müssen. Es ist wichtig, den Leuten die Technik transparent und verständlich zu erklären. Bevor eine App zu Einsatz kommt, wird sie durch Datenschutzbeauftragte und das BSI zuvor freigegeben werden müssen.

Ist es richtig, dass die 130 Partner unentgeltlich arbeiten?

Boos: Ja. Deshalb wollen wir die Initiative in einen Verein überführen, um dann Spenden für die Weiterentwicklung der Plattform sammeln zu können. Die Spendenbereitschaft in vielen Unternehmen ist im Moment aber noch recht zurückhaltend. Bisher gibt es vor allem Zusagen von Stiftungen.

Ametsreiter: Wir unterstützen die Technologie, weil wir überzeugt sind, dass sie für unsere Gesellschaft ein Schlüssel zurück zum Alltag ist. Sie hilft jedem einzelnen von uns unsere Liebsten vor einer Infektion zu schützen. Sie hilft unserer Wirtschaft schneller wieder auf die Beine zu kommen. Und sie hilft Europa ein Stückweit zur Normalität zurückzukehren. Unsere Teams unterstützen bei der Entwicklung unentgeltlich. Die Ressourcen steuern wir kostenlos bei. Weil es in diesen Wochen der Krise um mehr als ausschließlich um wirtschaftliche Interessen geht. Es geht um Europa. Um unsere Wirtschaft und um unsere Gesellschaft. In schwierigen Zeiten müssen wir die Kraft zur Gemeinsamkeit haben – über Unternehmensgrenzen hinweg.

Leserkommentare (2) Kommentar schreiben