Altersarmut

Deutlich mehr Rentner im Ruhrgebiet müssen zum Sozialamt

Bei vielen Älteren reicht die Rente nicht mehr aus. Sie sind auf Grundsicherung angewiesen.

Bei vielen Älteren reicht die Rente nicht mehr aus. Sie sind auf Grundsicherung angewiesen.

Foto: Stephanie Pilick, dpa

Essen.   Landesweit sind 155.000 Rentner auf Stütze angewiesen. In Revierstädten wie Bochum und Duisburg fiel der Anstieg 2018 besonders hoch aus.

Die Altersarmut nimmt zu in NRW, und zwar besonders im Ruhrgebiet. Ende 2018 waren landesweit 155.050 NRW-Bürger im Rentenalter auf die Grundsicherung angewiesen, wie aus aktuellen Daten des Statistischen Landesamts IT.NRW hervorgeht. Das waren 2,8 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. In vielen Ruhrgebietsstädten fiel der Anstieg teils deutlich höher aus.

In Herne fiel der Anstieg mit 6,2 Prozent mehr als doppelt so hoch aus wie im Landesschnitt. In Bochum nahm die Zahl der älteren Menschen, die auf dem Sozialamt um Unterstützung bitten müssen, binnen Jahresfrist um satte 4,7 Prozent zu – auf inzwischen 3630. Auch in Duisburg nahm die messbare Altersarmut weit überdurchschnittlich zu – um 4,6 Prozent auf 5200. Mülheim und Hagen verzeichneten mit je 4,0 Prozent ebenfalls ein allzu deutliches Plus bei den Empfängern von Grundsicherung im Alter.

Besonders gering fiel der Anstieg in Essen mit 1,6 Prozent auf knapp 7000 arme Rentner aus, auch Bottrop (2,1 Prozent) und Gelsenkirchen (2,0 Prozent) blieben unter dem Landesschnitt.

Grundsicherung schwankt zwischen 800 und 1200 Euro

Rentner, deren Alterseinkünfte nicht zum Leben ausreichen, erhalten vom Sozialamt Unterstützung, die der von Hartz-IV-Empfängern entspricht. Sie besteht aus dem Regelsatz (424 Euro) und den Kosten für eine warme Wohnung. Unterm Strich schwankt sie die Grundsicherung je nach Wohnort bundesweit zwischen rund 800 und 1200 Euro. Die Spanne ergibt sich aus den vom Sozialamt als angemessen erachteten Wohnkosten, die in München (660 Euro Miete + Heizkosten) mehr als doppelt so hoch sind wie in Gelsenkirchen (310 Euro + Heizkosten).

Die gesetzliche Rente und alle weiteren Einkünfte, etwa aus Betriebsrenten oder Zinsen, werden voll auf die Grundsicherung angerechnet, sprich abgezogen. Mit der von SPD-Sozialminister Hubertus Heil (SPD) geplanten „Respekt-Rente“ soll sich das ändern. Sie soll jedem Rentner, der mindestens 35 Beitragsjahre vorweisen kann, eine Rente über Grundsicherungsniveau zusichern, die Rede ist von rund 100 Euro Aufschlag. Ob und wann sie kommt, ist aber völlig offen, weil umstritten. Heil plant die Einführung bis zum 1. Januar 2021.

Vier Prozent aller Rentner in NRW gelten als arm

Landesweit sind rund vier Prozent aller Rentner auf Hilfe angewiesen, teilte IT.NRW auf Anfrage dieser Redaktion mit. Der Wert sei seit Jahren ziemlich stabil. Was bedeutet, dass die Zahl der älteren Menschen parallel zur Zahl der armen Rentner steigt. Genaue Quoten gibt es seit einigen Jahren nicht mehr, weil das gesetzliche Renteneintrittsalter für Neurentner von Jahr zu Jahr steigt – auf 67 Jahre in 2030. In diesem Jahr können Menschen mit 65 Jahren und acht Monaten in die abschlagsfreie Altersrente gehen. Die NRW-Bürger, die Grundsicherung im Alter beziehen, sind im Durchschnitt knapp 75 Jahre alt.

Im Ruhrgebiet führt das ohnehin überdurchschnittliche Alter der Bevölkerung und die häufig geringen Alterseinkünfte zu vermehrtem Bezug der Grundsicherung im Alter. „Am Beispiel des Ruhrgebiets, das inzwischen als Armenhaus der Republik gilt, zeigt sich, dass die Eindämmung von Minijobs, Befristungen, Zeit- und Leiharbeit ebenso notwendig ist wie die Etablierung eines dauerhaft sozialen, öffentlich geförderten Arbeitsmarkts“, sagt Horst Vöge, der nordrhein-westfälische Landesvorsitzende de Sozialverbands VdK. Er fordert, „dass geringe Renten aufgewertet werden und der Mindestlohn auf 12,80 Euro steigt“, um Altersarmut zu bekämpfen.

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