Ernährung

Foodwatch: Nur NRW sponsert noch gezuckerte Schulmilch

Fettarm, aber reich an Zucker: Der Schulkakao von Marktführer Landliebe enthält sieben Stücke Würfelzucker je Viertelliter-Päckchen.

Fettarm, aber reich an Zucker: Der Schulkakao von Marktführer Landliebe enthält sieben Stücke Würfelzucker je Viertelliter-Päckchen.

Foto: Svenja Hanusch

Düsseldorf.   Statt Milch trinken Schüler lieber Kakao – gefördert mit Steuergeldern. Foodwatch fordert NRW auf, das einzustellen. Ministerium befragt Eltern.

Einen riesigen Zuckerwürfel wollten Aktivisten der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch am Dienstagmittag vor dem NRW-Verbraucherschutzministerium in Düsseldorf aufbauen. Das Gerüst – 6,80 Meter im Quadrat messend – stand auch pünktlich. Mit den weißen Planen, die den Würfel umspannen sollten, hatten die Demonstranten wegen des auffrischenden Windes jedoch zu kämpfen. Dabei wollten sie eigentlich gegen den von der Landesregierung subventionierten, zuckerhaltigen Schulkakao kämpfen.

Jährlich nehmen Schüler in Nordrhein-Westfalen 274 Tonnen Zucker über die Schulmilch zu sich, denn bis zu 90 Prozent von ihnen entscheiden sich für gesüßten Kakao statt purer Milch. Fast sieben Millionen Liter gesüßte Milch tranken Schüler nach Angaben des Ministeriums im Schuljahr 2016/17. Das Produkt des Marktführers Landliebe enthält pro 250 Milliliter-Trinkpäckchen über sieben Stücke Würfelzucker. Zu viel, findet Foodwatch. „Dieses irre staatliche Übergewichtsförderprogramm muss gestoppt werden“, sagt Foodwatch-Geschäftsführer Martin Rücker. Der Zuckerwürfel vor dem Ministerium sollte verdeutlichen, welche Mengen davon in Schulen ausgeteilt werden.

Schulmilchprogramm kostet fast drei Millionen Euro

Seitdem die Debatte um süße Schulmilch zuletzt im vergangenen Herbst aufflammte, haben weitere Länder die Subventionierung gestoppt, zuletzt Berlin und Brandenburg. Nun ist NRW laut Foodwatch das letzte Bundesland, das noch am Schulkakao festhält. Auch, weil Lieferanten wie Landliebe Druck auf die Regierung ausübten, wie die Zuckergegner kritisieren. Eine Sprecherin der Landliebe-Mutter Friesland-Campina erklärte auf Anfrage dieser Redaktion, die Priorisierung bei der Beihilfe in NRW liege „bereits klar auf Trinkmilch“. Die Molkerei verwies ansonsten auf den laufenden „Fachdialog“ der Landesregierung mit Experten.

Foodwatch prangert an, dass NRW die Schulmilch und damit die Milchlobby jährlich mit fast drei Millionen Euro unterstützt. Milch kostet für Eltern so maximal 30 Cent, Kakao 42. Etwa jeder vierte Schüler in NRW beteiligt sich am Milchfrühstück. Im Unterricht wird das Thema Milch den Kindern unter anderem von den „Landfrauen“ näher gebracht. Sie werben in den dritten Klassen für den Verzehr von Obst und Milch. Die Landesvereinigung der Milchwirtschaft NRW koordiniert die Aktionnen im Auftrag der Landesregierung.

In den Augen von Foodwatch dubiose Studien sollen zusätzlich für das Schulmilchprogramm werben und positive Effekte von Milch für die „geistige Leistungsfähigkeit“ und die Zahngesundheit belegen. In ihrem Report „Im Kakaosumpf“ stellt die Verbraucherschutzorganisation diese Studien in Frage und verweist auf enge Verbindungen von Auftragsforschern zur Milchlobby. „Lobbyisten haben an den Schulen nichts verloren“, so Rücker.

Auch von anderer Seite gibt es Kritik. Matthias Blüher, Präsident der Deutschen Adipositas-Gesellschaft: „Die Verteilung gezuckerter Schulmilch ist antiquiert und schädlich für die Gesundheit der Kinder.“ Denn 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen gelten als übergewichtig – ein wesentlicher Grund dafür sei eine unausgewogene Ernährung.

Foodwatch fordert Ausbau gesunder Verpflegung

Die Europäische Union hatte zu Beginn des Schuljahres 2017/2018 ihr Förderprogramm für das Schul- und Kitaessen überarbeitet. Grund dafür war die steigende Zahl fettleibiger Kinder. Seit der Reform sollen nur noch Lebensmittel ohne zugesetzten Zucker subventioniert werden. Foodwatch fordert nun vom Land NRW, die EU-Qualitätsstandards für die Mittagsverpflegung flächendeckend durchzusetzen. Auch sollten alle Schulen am Obst- und Gemüseprogramm teilnehmen und ausgewogene Frühstücksangebote statt zuckerhaltiger Getränke anbieten.

Die Demonstranten wollten Verbraucherschutzministerin Ursula Heinen-Esser (CDU) mit einem goldenen „letzten“ Päckchen Zucker mit „Verzehrdatum 12. Juli 2019“ (dem letzten Schultag des laufenden Schuljahres) auf ihre Forderungen aufmerksam machen. Die Ministerin selbst bekam allerdings von der Demonstration vor ihrem Büro nichts mit, da sie auf auswärtigen Terminen war. Ein Sprecher des Ministeriums wagte sich aber trotz des einsetzenden Regens vor den Planen-Zuckerwürfel.

Keine Förderung mehr für Erdbeer- und Vanillemilch

Er wies darauf hin, dass die Landesregierung bereits über die Zukunft der gesüßten Milch diskutiere. Die Varianten in den Geschmacksrichtungen Erdbeere und Vanille würden seit diesem Schuljahr nicht mehr gefördert. Ob das Aus für das beliebte schokoladenhaltige Getränk folge, darüber könnten Eltern in einer Befragung sogar mit abstimmen. Noch bis zum Ende dieses Schuljahres solle darüber entschieden werden, ob nach den Sommerferien nur noch ungesüßte Produkte subventioniert werden.

>>> In Kitas gibt es keine gesüßte Milch mehr

Auch in Kindertagesstätten gibt es das Milchprogramm. Dort wird allerdings nur ungesüßte Frischmilch staatlich gefördert. Ob in Zukunft auch in Schulen nur noch Milch ohne Zuckerzusatz subventioniert wird, darüber können Eltern in einer Befragung des Umweltministeriums abstimmen, die in den nächsten Tagen starten soll. Das Ergebnis will die Politik bei ihrer Entscheidung über die Zukunft des Schulkakaos berücksichtigen.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben