IHK Jahresveranstaltung

Genosse Gabriel erntet bei der Wirtschaft in Siegen viel Lob

Der Siegener IHK-Hauptgeschäftsführer Klaus Gräbener (Mitte) attestierte dem Gast Sigmar Gabriel (SPD /rechts), eine der besten Reden der letzten 20 Jahre bei einer IHK-Jahresveranstaltung in Siegen gehalten zu haben.

Der Siegener IHK-Hauptgeschäftsführer Klaus Gräbener (Mitte) attestierte dem Gast Sigmar Gabriel (SPD /rechts), eine der besten Reden der letzten 20 Jahre bei einer IHK-Jahresveranstaltung in Siegen gehalten zu haben.

Foto: MATTHIAS GRABEN

Siegen.   Sigmar Gabriels weltmännischer Auftritt bei der Jahresveranstaltung der IHK Siegen geriet zum Gastspiel unter Freunden.

In seiner Partei ist er nach der jüngsten Bundestagswahl einigermaßen schnell kalt gestellt worden. Sigmar Gabriel, bis vor einem Jahr noch Bundesaußenminister, erhielt am Dienstagabend mehr als nur einen warmen Empfang bei der Jahresveranstaltung der IHK Siegen. „Ich bin mir sicher, dass die Mehrheit der heimischen Unternehmer vor einem Jahr hoffte, Sie würden der neuen Bundesregierung angehören“, erklärte IHK-Präsident Felix G. Hensel vor rund 1600 Gästen. Und später bekräftigte Hauptgeschäftsführer Klaus Gräbener, Gabriel habe einen der bemerkenswertesten Vorträge der vergangenen 20 Jahre bei der IHK-Veranstaltung gehalten. „Jammerschade, dass Sie nicht in der Bundesregierung sitzen“, umgarnte Gräbener den Gast.

Verteidigungsausgaben erhöhen

Was hatte der geredet? Gewohnt souverän wie sprunghaft zwischen Weltpolitik und Belangen vor Ort.

Zum Beispiel hat er über die enorme Bedeutung eines vereinten Europas für die Exportnation Deutschland und ein friedliches und selbstbestimmtes Zusammenleben gesprochen. „Europa ist ein Schatz, den wir doch wohl mit allem verteidigen, was uns zur Verfügung steht“, fordert Gabriel – und meint das wörtlich. Er spricht sich für die Erhöhung des Verteidigungsetats auf 1,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus, plus 0,5 zur Verteidigung Europas.

Zuvor hatte schon IHK-Präsident Felix G. Hensel an die enorme Bedeutung der Europawahl am 26. Mai dieses Jahres erinnert, um ein Erstarken der politischen Ränder im Europaparlament zu verhindern. „Deshalb sollte jeder Einzelne hier im Saal auch zur Wahl gehen“, forderte Hensel.

Der weltmännische Gabriel erläuterte, warum Europa so wichtig ist. Schon wegen des Kräftemessens der beiden „Antipoden China und USA“ – folgenreich für Deutschland. „Wir steuern auf eine G2-Welt mit den USA und China zu“ (Gabriel). Als zunehmende Bedrohung für die Wirtschaftsnation Deutschland sieht Gabriel die rasante Verschiebung bei der Wertschöpfung hin zur Frage, wer Datenhoheit besitzt. Nämlich zur Zeit fünf große US-Konzerne und in Zukunft vielleicht noch einige chinesische.

Gabriel wäre nicht er selbst, wenn er nicht von einem Moment auf den nächsten in der Lage wäre, von der Weltpolitik in den ländlichen Raum zu wechseln und sich im Nu den Applaus des Saales zu holen. „Ich bin dafür, den Soli zu erhalten und in ländlichen Regionen für Infrastruktur zu verwenden, weil Heimat etwas Wichtiges ist“, erklärte Gabriel im Zusammenhang mit dem Thema Steuersenkung.

IHK verärgert über Landesregierung

Ein wunder Punkt, der im Sauer- wie Siegerland immer wieder zu hören ist. Der IHK-Präsident machte aus seiner momentanen Enttäuschung über Düsseldorf kein Geheimnis. Felix G. Hensel nennt hier beispielhaft die zögerliche Unterstützung bei der Einrichtung einer Internationalen Schule in Olpe. Eine Initiative heimischer Unternehmen, die damit den Standort Südwestfalen für Fachkräfte und Spezialisten mit Familie attraktiv machen wollen.

Offenkundig als regelrechtes Ärgernis empfindet Hensel die Reaktion auf 63 konkrete Vorschläge von Kammern und Verbänden an das Landeswirtschaftsministerium zum Thema Bürokratieabbau. „Das Echo der Landesregierung war bemerkenswert. Es gab nämlich keins“, erklärte Hensel und fragte: „Meinte die Landesregierung das mit Entfesselung?“

Sorge bereiten der Wirtschaft in der Region offenbar auch die jüngsten Beschlüsse zur Energiepolitik. Ein Ausstieg aus der Kohle bei gleichzeitigem Abschalten der Atommeiler verschärfe die Standortnachteile in Deutschland unnötig. Ein Punkt, bei dem Gabriel zustimmt, aber dennoch an die Vorbildfunktion Deutschlands beim Klimaschutz erinnerte: „Wenn nicht einmal Deutschland die Ziele schafft, wird niemand nachfolgen. Wir müssen aber die Balance hinbekommen, nicht unsere Leistungsfähigkeit und unseren Wohlstand zu verlieren.“

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