Einzelhandel

Handelsökonom kritisiert „Insolvenzkaskade“ bei Galeria

| Lesedauer: 6 Minuten
In der Essener Zentrale von Galeria Karstadt Kaufhof hat schon wieder der Insolvenzverwalter das Sagen.

In der Essener Zentrale von Galeria Karstadt Kaufhof hat schon wieder der Insolvenzverwalter das Sagen.

Foto: Ralf Rottmann / FUNKE Foto Services

Essen.  Handelsexperte Heinemann sieht für Kaufhäuser keine Chance. Das Galeria-Drama sei nur für die Insolvenzverwalter gut, sagt er in unserem Podcast.

Am letzten Samstag kam in den Innenstädten mit ihren Weihnachtsmärkten nicht das Gefühl auf, dass dort viele Geschäfte um ihre Existenz kämpfen: Die Einkaufsstraßen waren voll, an den Glühwein- und Gebrannte-Mandel-Ständen bildeten sich Schlangen, und wer hier und da einen Laden betrat, durchschritt nicht selten offene Türen. Was Eon-Chef Leonhard Birnbaum nach seinem Einkaufsbummel am 1. Adventswochende im sozialen Netzwerk Linkedin anprangerte („Offene Türen bei kühler Außentemperatur waren fast der Normalfall. So wird das nichts, liebe Mitbürger“), spricht für gute Kundenfrequenzen.

Doch der Eindruck trügt, vor allem dem Textilhandel droht das dritte schwache Adventsgeschäft in Folge. Weil die Leute weniger Geld haben, geben sie auch weniger aus. Daran ändere auch der „Doppelwumms“ der Bundesregierung zur Senkung der Energie-Rekordpreise nichts, glaubt Gerrit Heinemann. Positiv ausgedrückt bedeute das für die Einzelhändler: „Wer dieses Jahr überlebt, der überlebt auch die nächsten Jahre“, sagte der renommierte Handelsexperte von der Hochschule Niederrhein in unserem Podcast „Die Wirtschaftsreporter“.

Der „Nachfrageschock“ trifft derzeit alle – sogar den Onlinehandel

„Tatsache ist, dass die Innenstadtfrequenz immer noch deutlich unter 2019 liegt“, betont Heinemann, also bei 80 bis 90 Prozent des Vor-Corona-Niveaus. Inzwischen stehe der innerstädtische Handel nur noch für ein Fünftel der Branchenumsätze. Aktuell trifft der „Nachfrageschock“, wie Heinemann ihn nennt, alle Bereiche, erstmals sogar den Onlinehandel. Ein Drittel der Haushalte komme „jetzt schon nicht mehr klar“, zitiert Heinemann aktuelle Studien, „da hilft auch kein Doppelwumms“.

Denn: „Die Kinderarmut steigt, Tagesküchen werden stärker besucht, gleichzeitig sehen wir ein massives Wachstum im Discount – an allen Ecken sieht man: Es reicht nicht.“ Und weil viele Menschen, insbesondere Mieter, die gestiegenen Energiekosten erst mit der kommenden Jahresabrechnung zu spüren bekommen, drohten sie im Frühjahr „in die nächste Schockstarre“ zu fallen.

Einige Textilhändler sind für den dritten Krisenwinter „relativ gut aufgestellt“

Doch während Onlineriesen wie Amazon sich „einmal schütteln“ und im kommenden Jahr wieder durchstarten würden, bleibe es für den stationären Handel gerade in den Innenstädten schwierig. Dabei sieht Heinemann viele Textilhändler recht gut gewappnet für den dritten Krisenwinter in Folge. Viele hätten die Corona-Krise genutzt, um sich zu verkleinern, ihre Kosten zu senken und Onlinekanäle aufzubauen. Auch dank der „üppigen Corona-Hilfen“ seien viele nun „relativ gut aufgestellt“. Mit einer sehr großen Ausnahme: „Umso verwunderlicher ist es, dass Galeria Karstadt Kaufhof so schlecht abschneidet wie kein anderer.“

Galeria hat sich erneut in ein Schutzschirmverfahren gerettet, um sich vor dem Zugriff der Gläubiger zu schützen. Dem Vernehmen nach wollen die Insolvenzverwalter 50 bis 60 der 131 Häuser schließen, im Januar soll klar sein, welche. Der Handelsprofessor aus Mönchengladbach hält das Warenhaus schon lange für ein Auslaufmodell, weil es mit seinen riesigen Flächen und hohen Fixkosten „so kapitalintensiv wie kein anderes Geschäftsmodell“ sei, egal in welcher Branche. Zu Ihrer Blütezeit hätten die Warenhäuser zehn Prozent des gesamten Einzelhandelsumsatzes generiert, jetzt seien es noch 0,5 Prozent oder weniger. Galeria Karstadt Kaufhof habe seinen Umsatz seit dem letzten Insolvenzverfahren vor gerade einmal zwei Jahren fast halbiert.

„Wie können Politiker so ein Unternehmen systemrelevant nennen?“

Der reine Einzelhandelsumsatz sank im Geschäftsjahr 2020/21 laut Bericht im Bundesanzeiger von knapp drei auf 1,85 Milliarden Euro, unterm Strich stand ein Verlust von 622 Millionen Euro. „Wie können angesichts solcher Zahlen Politiker noch sagen, das Unternehmen sei systemrelevant?“ fragt Heinemann. Man dürfe nicht vergessen: Im letzten Insolvenzverfahren hätten Lieferanten auf Forderungen von zwei Milliarden Euro verzichtet, „darunter viele Kleinstunternehmen und mittelständische Hersteller“, betont der Ökonom den Schaden anderer. Eine weitere Milliarde habe der Kaufhausriese vom Steuerzahler erhalten, auch das Insolvenzgeld für die Beschäftigten dürfe nicht vergessen werden.

„Das Warenhaus ist ein Dinosaurier, der vielleicht künstlich noch etwas am Leben gehalten werden kann und in ein paar Jurassic Parks in Metropolstädten weiterleben kann, aber auch nicht mehr“, so das harte Urteil des Wirtschaftswissenschaftlers. Was er sich vorstellen kann: „Dass vielleicht 50 Standorte übrig bleiben, die aber zu Shoppingcentern werden und keine Warenhäuser mehr sind. Aber das muss man dann auch ehrlich so sagen.“ Schon heute seien bei Galeria viele Flächen an Markenshops vermietet, das passe auch zum Modell des österreichischen Galeria-Eigentümers René Benko, dessen Kaufhaus Tyrol in Innsbruck er zu einem reinen Shoppingcenter gemacht hat.

Handelsökonom sieht „Insolvenzkaskade als Geschäftsmodell“

Handelsprofessor Heinemann sieht im neuerlichen Schutzschirmverfahren des Essener Kaufhauskonzerns auch einen Anlass, über den Umgang mit dem deutschen Insolvenzrecht zu diskutieren. Benko nutzt es zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit, um Kosten auf den Staat und die Gläubiger abzuwälzen. Wie 2020 hat er dafür das Sanierer-Duo Arndt Geiwitz und Frank Kebekus eingesetzt, obwohl ihr damaliger Insolvenzplan offenkundig nicht sehr nachhaltig funktioniert hat.

„So ist die nächste Insolvenz vorprogrammiert, was immer gut ist für die Insolvenzverwalter, die als erstes die eigenen Honorare sicherstellen und abkassieren“, so Heinemann. Er nennt das „eine Insolvenzkaskade als Geschäftsmodell“ und fordert, dass man über dieses in Deutschland tabuisierte Thema endlich einmal sprechen müsse.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Wirtschaft in NRW