Corona-Krise

Heizwände, Pilze, Luftfilter: So kämpfen Wirte ums Überleben

Christian Bickelbacher, Betreiber des Café Tucholsky, berät sich mit einem Mitarbeiter an einem Tisch, der wie alle anderen durch Plexiglasscheiben vom Nebentisch separiert ist.

Christian Bickelbacher, Betreiber des Café Tucholsky, berät sich mit einem Mitarbeiter an einem Tisch, der wie alle anderen durch Plexiglasscheiben vom Nebentisch separiert ist.

Foto: André Hirtz / FUNKE Foto Services

Essen.  Mit den Temperaturen sinken die Umsätze der Wirte. Neue Heizwände und Pilze für draußen, Luftfilter für drinnen – so kämpfen sie ums Überleben.

Wer an einem dieser inzwischen grauen Morgen das Bermuda-Dreieck betritt, schreitet durch eine trübe Pilzlandschaft. Die meisten Läden sind noch zu, nur die skurril verbogenen Köpfe der künden von ihrem Dauereinsatz an den Abenden. „Die Leute sitzen auch bei Kälte und Regen draußen, die Terrassen waren am Wochenende voll“, sagt Christian Bickelbacher, Sprecher der Gastronomen in der Bochumer Partymeile. Er testet in seinem Café Tucholsky gerade eine neuartige Heizwand, die zwischen den Tischen Wärme ausstrahlen soll. Der Kampf der Wirte gegen die kalte Jahreszeit hat begonnen.

Die meisten Weihnachtsfeiern sind abgesagt

Wie im gesamten Ruhrgebiet sorgen sich auch im Bermuda-Dreieck die Betreiber der Cafés, Bars und Restaurants vor dem, was kommt, wenn es richtig kalt wird. Eigentlich hätten sie draußen die Tische längst eingemottet und würden sich vorbereiten auf die umsatzstarke Zeit der Gänseessen und Weihnachtsfeiern – doch die werden in diesem Jahr aus Angst vor dem Virus fast ausnahmslos abgesagt. Kein Chef will riskieren, dass sein ganzes Team nach einer Infektion auf der Betriebsfeier zwei Wochen ausfällt.

Im Winter droht deshalb eine Pleitewelle ungekannten Ausmaßes, warnt der Branchenverband Dehoga NRW. Laut seiner jüngsten Umfrage kämpfen inzwischen sieben von zehn Gastronomen und Hoteliers (71 Prozent) nach eigener Aussage ums Überleben. Richtig eng wird es bereits für mehr als jeden sechsten Betrieb: Ab Oktober rechnen aktuell 17 Prozent der Betriebe mit ihrer Geschäftsaufgabe. Deshalb befürchtet die Gewerkschaft NGG auch eine Entlassungswelle.

Wirte rücken in der Krise enger zusammen

Doch in ihr Schicksal ergeben wollen sich die wenigsten. Die Wirte stemmen sich gegen die Corona-Krise, rücken zusammen, tauschen sich aus: „Wie machst Du es draußen?“, „Hast Du noch Pilze und Trennwände übrig?“, „Wie läuft Dein Luftreiniger, bringt der was?“ – so zumindest erlebt es dieser Tage Christian Bickelbacher. Er betreibt sieben Restaurants, Cafés und Sportbars in Bochum, Oberhausen und Bielefeld. Nach sieben Monaten, wie weder er noch seine Kollegen sie jemals auch nur ansatzweise erlebt haben, sagt er: „Ich bin keiner, der jammert, sondern überlege jeden Tag neu, was wir machen können, damit sich die Gäste bei uns sicher fühlen.“

Das ist natürlich auch eine Frage des Geldes, die nicht jeder Wirt mit der gleichen Entschlossenheit beantworten kann. „In jeden meiner Betriebe habe ich inzwischen fünfstellig investiert“, sagt Bickelbacher. Er ist ein Quereinsteiger, dem sein Studium in dieser Krise zugute kommt: Der Wirtschaftsinformatiker hat alles, was es an staatlicher Hilfe gibt, in Anspruch genommen und mit einem hohen KfW-Kredit „die Kriegskasse gefüllt“, um zwei harte Jahre überstehen zu können. Länger, sagt er, könne das niemand durchhalten, selbst in den starken, warmen Wochen im August und September habe er kein Geld verdient, sondern allenfalls seine Kosten decken können. Und ein Kredit ist kein geschenktes Geld – „den zahle ich jetzt zehn Jahre lang ab“.

Hohe Ausgaben für neue Geräte

Denn selbst wenn alle Plätze besetzt sind – die Wirte mussten im Schnitt 40 Prozent ihrer Stühle wegräumen, um die Abstände einzuhalten. Zu den geringeren Umsätzen kommen die Kosten für die neuen Hygiene-Standards und die Aufrüstung der Außenbereiche. Bickelbacher hat nichts ausgelassen. In seinem Café Tucholsky ist jeder Tisch von Plexiglas-Scheiben umzäunt, eine Luftreinigungsanlage steht im Raum und draußen noch so einiges an: „Da kommen überall neue Schirme mit Windschutz und Heizstrahlern hin“, sagt er.

Und schiebt seine jüngste Errungenschaft in die Kälte – eine weiße Trennwand, die eine Heizung ist. „Das ist ein Prototyp, den ich testen will. Viele Kollegen kommen vorbei und gucken sich das an“, sagt der Gastro-Unternehmer. Da die Heizwand mit Strom laufe und er Ökostrom beziehe, sei sie klimafreundlicher als die gasbetriebenen Pilze. Auch an einer weiteren Variante ist er interessiert: warme Bodenplatten, eine Art Fußbodenheizung für draußen. Einziges Problem: Die neusten technischen Lösungen sind meist auch die teuersten.

Systemgastronomie könnte die große Gewinnerin der Krise werden

Viele werden sich das nicht leisten können. Die Sorge des Dehoga ist, dass vor allem die kleinen, inhabergeführten Läden den Winter nicht überstehen. Die gastronomische und damit die kulinarische Vielfalt ist auch deshalb in Gefahr, weil die großen Restaurantketten und Franchise-Unternehmen noch die größten Rücklagen haben, um diese Krise zu überleben. Sie spekulieren darauf, die mit Pleiten kleiner Läden frei werdenden Marktanteile zu übernehmen. Die Systemgastronomie ist bereits in den vergangenen Jahren stark gewachsen, erobert vor allem die Innenstädte. Diesen Trend dürfte die Pandemie noch verstärken.

Das Hauptproblem der Wirte ist, dass die Leute nach wie vor ihre Gasträume meiden, weil sie eine Ansteckung mit Coronaviren befürchten, die durch die Luft schwirren. Besagte Filter könnten eine Lösung sein, das Land NRW stellt in seiner aktuellen Corona-Schutzverordnung für Oktober mit einer „Innovationsklausel“ die Förderung von Anlagen und Ausnahmen bei den Auflagen in Aussicht, wenn die Wirksamkeit der Geräte zertifiziert wird.

Land will Innovationen wie Luftfilter fördern

„Wir begrüßen die Innovationsklausel und die Förderabsicht des Landes außerordentlich und freuen uns darüber, dass NRW Vorreiter ist“, lobt Dehoga-Sprecher Thorsten Hellwig. Der Verband setzt große Hoffnungen in technische Lösungen, vor allem für eine Ausweitung der Plätze: „Richtig sinnvoll wird ein solches Programm, wenn zum Beispiel die Mindestabstände aufgrund technischer Innovationen fallen können oder der Fahrplan für die Eröffnung von Clubs und Diskotheken beschleunigt werden könnte“, sagt Hellwig, mahnt aber zur Eile: „Vor allem muss es schnell gehen. Sehr schnell. Die Branche wartet.“

Das Problem ist die vom Land geforderte Zertifizierung etwa der Luftfilter. Wer bereits jeden Euro umdrehen muss, wird sich die Anschaffung eines Luftfilters für 2000 Euro und je nach Raumgröße dreimal überlegen. Ob der Staat einen Teil davon übernimmt und wenn ja, wie viel, dürfte für viele entscheidend sein. Das NRW-Arbeitsministerium erklärte auf Anfrage unserer Redaktion, es gebe bisher keine Zertifizierungen für diese Geräte. Und: „Aussagen zum zeitlichen Horizont sind aufgrund der dynamischen Entwicklung derzeit nicht möglich.“

Dehoga für Mindestabstand von nur einem Meter

Angesichts der wieder stark steigenden Coronafälle gilt die größte Sorge einem zweiten Lockdown. „Das wäre für das Gastgewerbe mit Sicherheit das schlimmste Szenario“, warnt Bernd Niemeier, Dehoga-Präsident in NRW. Stattdessen fordert er vom Land und den Kommunen eher Lockerungen, etwa eine Reduzierung des Mindestabstands von 1,5 auf einen Meter, wie es in österreichischen Restaurants gilt. Jede Maßnahme müsse auf den Prüfstand, ob sie wirklich vor Ansteckungen schütze. „Welchen Sinn macht es zum Beispiel, ob fünf oder zehn Menschen an einem Tisch sitzen?“, fragt Niemeier, und: „Was bringt ein Verbot von Clubs und Diskotheken, wenn junge Menschen zuhause privat feiern?

Digitalisierung könnte viele Jobs kosten

Christian Bickelbacher sieht seine Anschaffungen als Investitionen auch in die weitere Zukunft. Einen warmen Rücken auf der Terrasse werden die Leute auch nach Corona noch zu schätzen wissen, ist er sicher. Solange das Virus grassiert, plant er von Woche zu Woche. Seinen Burgerladen ein paar Häuser weiter hält er seit Beginn der Krise geschlossen, weil der enge Raum keinen wirtschaftlichen Betrieb ermögliche. Das indische Restaurant dazwischen, das alteingesessene Taj Mahal, ist inzwischen pleite. Für seine Läden ist Bickelbacher zuversichtlich, doch „die Aussichten für den Winter sind düster“, sagt er. Ob er womöglich hier und da die Betriebsferien nach Weihnachten verlängert, will er vor den Festtagen entscheiden.

Was den Gastronomen langfristig besorgt, ist ein Effekt, den die Pandemie schon jetzt auf viele Branchen, auch auf seine hat: die „brutale Digitalisierung“, wie er sagt. Der Trend, dass die Gäste etwa am Tablet-PC selbst bestellen und bezahlen, sei kaum aufzuhalten, weil sich so nicht nur das Ansteckungsrisiko, sondern auch das Personal reduzieren lasse. „Dadurch wird die Gastronomie unpersönlicher. Ich fände das sehr schade.“

>>> Ringen um die Mehrwertsteuer:

Bernd Niemeier, Dehoga-Präsident in NRW, befürchtet „eine gewaltige Pleitewelle“. Um sie zu verhindern und möglichst viele Arbeitsplätze zu retten, fordert er Nachbesserungen bei den Überbrückungshilfen und die Entfristung der Mehrwertsteuersenkung, vor allem auch für Getränke.

Der Mehrwertsteuersatz wurde im Juli von der Bundesregierung für Speisen zunächst von 19 auf sieben Prozent gesenkt, befristet auf ein Jahr, also bis Ende Juni 2021. Gleichzeitig hat sie allgemein die Mehrwertsteuersätze bis zum Jahresende gesenkt – von 19 auf 16 und den ermäßigten Satz von sieben auf fünf Prozent. Somit gilt für die Gastronomie bis 31. Dezember der Satz von fünf Prozent, von Januar bis Juni sieben Prozent und danach Stand heute wieder 19 Prozent.

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