Verpackungsmüll

Warum Remondis den Grünen Punkt kaufen will, aber nicht darf

Remondis will vom lukrativen Geschäft mit Verpackungsmüll profitieren.

Remondis will vom lukrativen Geschäft mit Verpackungsmüll profitieren.

Foto: Fabian Strauch

Essen.   Der Entsorgungsriese Remondis will den Grünen Punkt schlucken. Mit Rücksicht auf die Verbraucher plant das Kartellamt eine Untersagung des Deals.

Remondis plant den großen Wurf. Der Marktführer der deutschen Abfallwirtschaft aus dem westfälischen Lünen will den „Grünen Punkt“ schlucken und sich damit ein großes Stück des Verpackungsmüll-Kuchens sichern. Der Vertrag zur Übernahme des ebenfalls marktführenden Recyclingunternehmens Duales System Deutschland (DSD) wurde bereits im Herbst unterschrieben. Doch das Bundeskartellamt gibt sich fest entschlossen, den Deal zu untersagen. Die Wettbewerbshüter befürchten steigende Kosten für Verbraucher und Konkurrenten.

„Nach vorläufiger Bewertung würde die Übernahme von DSD durch Remondis zu einer Behinderung des Wettbewerbs bei den dualen Systemen in Deutschland führen“, sagte Kartellamtspräsident Andreas Mundt vor einigen Tagen. Zu befürchten seien höhere Kosten für DSD-Wettbewerber, erhebliche Marktanteilsgewinne von DSD und höhere Preise auf dem Markt für duale Systeme. Bis Ende April hat Mundt beiden Unternehmen nun Zeit gegeben, eine Stellungnahme abzugeben.

Kommunale und private Entsorger laufen Sturm

Die Reaktion aus Lünen fiel karg aus: „Remondis hat den Entscheidungsentwurf des Bundeskartellamtes zur Kenntnis genommen, wird diesen entsprechend prüfen und in vorgegebener Frist Stellung dazu nehmen“, erklärte das Unternehmen. Im März hatte sich Remondis-Chef Herwart Wilms noch überaus optimistisch geäußert. Man sehe keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass das Bundeskartellamt Auflagen machen könnte, sagte er noch vor wenigen Wochen. „Bei der intensiven Beschäftigung mit der Frage, ob wir da eine Einschränkung bekommen, sagen wir: Sehen wir nicht“, so Wilms.

Dabei liefen schon damals kommunale und privatwirtschaftliche Entsorger Sturm gegen die mögliche Elefantenhochzeit in der Müllbranche. Remondis, das zur westfälischen Rethmann-Gruppe gehört, ist mit Abstand der mächtigste Marktführer in der deutschen Abfallwirtschaft. 2017 setzte Remondis mit 7,3 Milliarden Euro fast viermal so viel um wie die Nummer zwei Alba. Aber auch der Übernahmekandidat Duales System Deutschland hat unter den acht Firmen, die aktuell Verpackungsmüll, der aus dem Einzelhandel stammt, abholen, sortieren und verwerten dürfen, eindeutig die Nase vorn. Mehr als jeder dritte Joghurtbecher oder Nudelkarton trägt den Grünen Punkt und wird über DSD entsorgt.

Verband: Wettbewerb kommt zum Erliegen

Die noch verbliebenen sieben Wettbewerber befürchten eine monopolartige Stellung von Remondis. Erst kürzlich hatte die Schwarz-Gruppe, Muttergesellschaft der Handelsketten Lidl und Kaufland, über eine Tochterfirma den fünftgrößten Entsorger Tönismeier gekauft, um beim lukrativen Geschäft mit Verpackungsmüll mitzumischen. Die Schwarz-Gruppe hat den Antrag auf eine Lizenz für ein eigenes Duales System gestellt. Jede zehnte Verpackung kommt nach Einschätzung von Experten von Lidl und Kaufland. Durch die eigene Entsorgung und Verwertung des Kunststoffs könne das Unternehmen Millionen sparen, heißt es.

Alarmiert sind vor allem aber die kommunalen Abfallbetriebe. „Die Konzentration auf dem Entsorgungsmarkt sehen wir schon seit geraumer Zeit kritisch. In den vergangenen Jahren hat Remondis viele kleine und mittelständische Entsorger aufgekauft“, sagt Patrick Hasenkamp, Vizepräsident des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU). Der Wettbewerb sei in einigen Regionen bereits zum Erliegen gekommen.

Rund ein Cent pro Verpackung

Der Verband befürchtet, dass die geplante Fusion von Remondis und DSD die Verbraucher teuer zu stehen kommen könnte. Gelbe Tonnen und Säcke werden den Haushalten zwar kostenlos zur Verfügung gestellt. Über eine Gebühr pro Verpackung bezahlen die Kunden an der Supermarktkasse aber für die Entsorgung von Shampoo-Flaschen und Konservendosen. Im Moment werden pro Verpackung zumeist weniger als ein Cent fällig. Unter dem Strich zahlen Verbraucher Schätzungen zufolge aber immerhin jährlich 13 Euro. Die kommunalen Unternehmen befürchten, dass es teurer wird.

„Wenn sich nun Remondis und DSD zusammenschlössen, könnten sich die beiden Unternehmen gegenseitig mit maßgeschneiderten Angeboten versorgen und damit auch den Preis für die Verpackungsentsorgung beeinflussen“, unkt Vizepräsident Hasenkamp. Zu Lasten der Verbraucher und kommunaler Entsorger, die bislang von Aufträgen für die Verpackungsmüll-Entsorgung profitierten. In der Branche geht die Sorge um, dass diese Geschäfte künftig Remondis aus einer Hand machen könnte. Denn der Konzern betreibt eigene Sortier- und Müllverbrennungsanlagen, bereitet selbst Glas auf und hat mit dem Logistiker Rhenus eine große Flotte mit Müllfahrzeugen im Haus.

„Manche Kommunen wollen das nicht weiter so hinnehmen und ihre Abfallentsorgung wieder in eigene Hände nehmen“, beschreibt VKU-Vizepräsident Hasenkamp die Reaktionen auf das Machtspiel um den Müll. Eine Rekommunalisierung, wie sie bereits in Bremen und Bergkamen stattfindet, sei kein Selbstzweck, betont Hasenkamp. Sie versetze aber städtische Betriebe wieder in die Lage, Leistungen auszuschreiben. Daran können sich dann private Unternehmen beteiligen – auch Remondis.

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