Gebrauchtwaren

Wie Second-Hand-Geschäfte vom Greta-Hype profitieren

Fairtrade im Alltag: So erkennt man nachhaltige Kleidung

Unsere Kleidung wird größtenteils unter schlechten Bedingungen für Mensch und Umwelt produziert. Dabei ist faire Mode kein Luxusgut.

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Bochum/Münster.  Klimadebatte und Öko-Trend sorgen für gute Stimmung im Second-Hand-Geschäft. Jetzt fordern allen voran Händler aus NRW politische Reformen ein.

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Halmakegel, Hosenknöpfe, Handtücher: Gebrauchtwarenhändler Jochen Benneker hat eher selten Raritäten im Angebot, er macht den größten Umsatz „über die Masse“. „Die wertvollen Sachen sind meist aussortiert, wenn wir für Wohnungsauflösungen kommen“, sagt der Bochumer. Die Entrümpelung: Kerngeschäft seines Sechs-Mann-Betriebs. Einen Platz in Bennekers „Handelsplatz NRW“ nahe dem Bermuda-Dreieck findet dann, was bei den Haushaltsauflösungen als brauchbar empfunden wurde – gerade im Möbelbereich ist das immer weniger.

„Alles was vor den Sechzigern gebaut wurde, hatte nicht unbedingt einen guten Geschmack – aber sicher gute Qualität“, sagt er. Heute dagegen: viel Minderwertiges aus Pressholz in den Wohnungen. Für die Second-Hand-Branche ist das ein Problem. Je billiger der Hersteller produziert, umso weniger profitabel ist auch ihr Geschäft.. „Bei der Produktion sollten gewisse Qualitätskriterien eingehalten werden müssen“, fordert Benneker, der auch Vorsitzender des Bundesverbandes „Second Hand vernetzt“ ist.

Der Verband mit 30 aktiven Mitgliedern und Kontakt zu rund 2000 Händlern in Deutschland schlägt deshalb ein System wie die Lebensmittel-Ampel für Möbel, Textilien oder Elektronik vor. So soll der Verbraucher schnell erfahren, wie es um die Langlebigkeit, Entsorgungsmöglichkeit oder Reparaturfreundlichkeit eines Produkts bestellt ist.

Second-Hand-Händler fordern 0-prozentige Mehrwertsteuer

Es ist nicht die einzige politische Forderungen, die die Gebrauchtwarenhändler inzwischen lautstark vertreten. Der Trend zu mehr Nachhaltigkeit unter Verbrauchern sowie die Klimadebatte habe den Händlern den Rücken gestärkt. „Der ökologische Gedanke hat uns dazu gebracht, endlich zu fordern, was wir seit langem als notwendig ansehen“, sagt Jochen Benneker.

Ihre Kernforderungen haben die Händler in eine Online-Petition gegossen, die kurz davor ist, ihr Ziel von 50.000 Unterschriften zu erreichen. Darin verlangen die Betriebe, dass die Mehrwertsteuer auf gebrauchte Mode gestrichen wird. Denn bei gewerblichen Gebrauchthändlern wird Kleidung mit der vollen Mehrwertsteuer belastet.

Grüne unterstützen Anliegen der Second-Hand-Händler

Ein Mehrwertsteuersatz von null Prozent auf Second-Hand-Mode würde gegen EU-Recht verstoßen, mahnen die Grünen. „Wenn man diese Branche fördern will, sind andere kreative Lösungen gefordert“, sagte Felix Banaszak, Parteichef in NRW, unserer Redaktion. Das grundsätzliche Anliegen der Betriebe halte man aber für richtig.

Auf Bundesebene hatten die Grünen im Sommer ein Wegwerfverbot für Retour-Waren eingebracht. Die Idee: Online-Händlern wie Amazon soll die Vernichtung von zurückgeschickten Neuwaren verboten werden. Stattdessen sollen etwa Sozialkaufhäuser – die ebenfalls bei „Second Hand vernetzt“ organisiert sind – die Waren erhalten. Gerade das Ruhrgebiet würde sich dafür eignen, die so in Umlauf gebrachten Massen an Second-Hand-Ware zu verteilen, glaubt Verbandssprecherin Daniela Kaminski aus dem Münsterland. „Die Vernetzung der Händler läuft hier sehr gut.“ Schließlich komme ein Großteil der Gründungsmitglieder des Verbands auch aus dem Pott.

Beflügelung durch Online-Handel

Trotz des Auftriebs durch den Öko-Trend: Das entscheidende Argument für Second-Hand-Kunden ist laut Verband weiterhin der Preis der Gebrauchtwaren – so hätten es Erhebungen immer wieder gezeigt. Dass die Händler mehr junge Leute in ihren Läden begrüßen, sei ebenfalls nicht nur auf die Haltung der Fridays-for-Future-Generation zurückzuführen: „Franchise-Unternehmen bieten in allen Städten das gleiche an. Gerade junge Leute suchen aber immer mehr das Individuelle, womit sie ihren eigenen Stil deutlich machen können“, sagt Kaminski. Außerdem habe sich Second Hand zusehends vom „Schmuddelimage“ befreit - wozu in Augen von Kaminski neben Sendungen wie „Bares für Rares“ ausgerechnet der Online-Handel beigetragen haben soll. „Unsere Branche hatte erst die Luft angehalten, als Portale wie Ebay gestartet sind.“ Inzwischen würden viele Second-Hand-Händler die Portale selbst als sinnvolle Ergänzung zum stationären Verkauf nutzen.

Die rosigen Aussichten machen die Branche nicht blind für die Probleme: Die Gewinnmarge im Second Hand sei oft gering, der Arbeitsaufwand hoch - gerade in Bereichen wie der Kinderkleidung, die man darum mittlerweile gern Flohmärkten überlässt. Denn mit einem unprofitablen Nebengeschäft gebe sich keiner mehr zu frieden. „Es gibt keine Hobby- und Hausfrauengründungen mehr“, sagt Kaminski. „Wer gründet, will auch davon leben.“

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