Discounter Aldi

Wie sich Aldi Nord mit gläsernem Campus in Essen öffnen will

Rundgang über die Baustelle des Aldi Campus am Dienstag den 17. November 2020 in Essen. Foto: Ralf Rottmann/ Funke Foto Services

Rundgang über die Baustelle des Aldi Campus am Dienstag den 17. November 2020 in Essen. Foto: Ralf Rottmann/ Funke Foto Services

Foto: Ralf Rottmann / FUNKE Foto Services

Essen.  Mit dem Essener Campus baut Aldi Nord nicht nur eine Zentrale für 1200 Mitarbeiter. Discounter-Chef Hufnagel will auch mehr Transparenz schaffen.

Von der Autobahn A 40 ist der 40 Meter hohe gläserne Turm mit dem blauen Aldi-Logo bereits zu sehen. Es dürfte aber noch gut ein Jahr dauern, bis die Mitarbeiter in den neuen Aldi-Campus im Essener Stadtteil Kray einziehen können. Zumal die Zentrale des Discounters deutlich größer ausfallen wird, als bei der Grundsteinlegung im Frühsommer 2019 angekündigt. In dem Gebäude-Komplex, der aus der Vogelperspektive wie das Aldi-A aussieht, sollen 1200 statt wie ursprünglich geplant 800 Schreibtische stehen.

„Wir sind voll im Zeitplan“, sagt Torsten Janke, setzt den Helm auf und zeigt voller Stolz „seine“ Baustelle. Als Geschäftsführer der Albrecht GmbH ist er Herr über die Immobilien von Aldi Nord. „Der Rohbau ist so gut wie fertiggestellt. Der Innenausbau hat bereits begonnen.“ Mit dem neuen Campus in Essen schlägt der Discounter nicht nur architektonisch ein ganz neues Kapitel auf. Wie ein kleiner Schuhkarton wirkt die bisherige Konzernzentrale, in der Aldi-Mitgründer Theo Albrecht saß und jetzt sein Sohn Theo Albrecht ein Büro hat.

„Wir müssen im Kopf umparken“

Der gewaltige Neubau mit 50.000 Quadratmetern Nutzfläche, der so gar nicht zu der zurückhaltenden Bescheidenheit der Vergangenheit passen mag, soll auch internen Wandel bei Aldi Nord symbolisieren. „Das Gebäude steht auch für unsere Transformation. Wir müssen im Kopf umparken“, sagt Florian Scholbeck, Geschäftsführer Kommunikation. Er spricht von einer „rasanten Fahrt“, die Torsten Hufnagel dem Unternehmen mit seinen insgesamt 38.000 Mitarbeitern allein in Deutschland verordnet hat, seit er nach seiner Beförderung zum „Gesamtverantwortlichen des Verwaltungsrats“ vor zwei Jahren auf dem Chefsessel sitzt.

Die „taz“ hat den 47-Jährigen einmal als „Phantom“ bezeichnet. Ein Foto von dem Top-Manager gibt es immer noch nicht. Sein Essener Campus aber soll vor allem eines vermitteln: Transparenz. Selbst die Testküchen, in denen Qualitätsprüfer die Produkte ihrer Lieferanten auf Herz und Nieren prüfen, sollen gläsern werden und von der riesigen „Plaza“, über die der Aldi-Campus betreten wird, einsehbar sein.

Hufnagel hat wohl erkannt, dass sich Aldi Nord beeilen muss, um mit dem großen Rivalen Lidl, aber auch mit der Mülheimer Schwester Aldi Süd mithalten zu können. Die Essener galten immer als konservativer, ja auch als angestaubt. Jetzt sendet Kommunikationschef Scholbeck ganz andere Botschaften: „Wir müssen schneller, digitaler und anpassungsfähiger werden“, sagt er. Der Discounter spüre, dass hochqualifizierte Mitarbeiter nur dann nach Essen zu locken seien, wenn man ihnen ein ansprechendes Arbeitsambiente biete.

Und so soll schon im August 2021 ein Betriebskindergarten am Aldi-Campus eröffnen, neben der offenen Bürolandschaft wird es auch ein Fitnessstudio für Beschäftigte geben, eine Außenterrasse, eine Parkanlage mit 350 neu zu pflanzenden Bäumen und natürlich die Möglichkeit zum mobilen Arbeiten. „Wir werden 1200 Schreibtische haben, aber nur 50 Einzelbüros“, kündigt Immobilien-Chef Janke an. Und auch sie werden gläsern sein. „Aldi war ein verschlossenes Unternehmen. Torsten Hufnagel steht dafür, dass sich das ändert“, meint Scholbeck.

Familie Albrecht steht hinter Investition in Essen

Die Zeiten, als sich der Discounter nach außen abschottete, neigen sich dem Ende zu. Die Familie Albrecht, die sich innerhalb ihrer drei Stiftungen gern um Macht und Einfluss bei Aldi Nord streitet, steht hinter dem gläsernen Neubau und der neuen Unternehmenskultur. Es war Theo Albrecht junior, der darauf pochte, dass in Essen investiert wird und nicht in Bochum oder Duisburg und schon gar nicht außerhalb des Ruhrgebiets.

Ein Bekenntnis zur Heimat, das auch der Südstamm der Albrechts für den Sitz in Mülheim abgegeben hat. Die Zentrale auf der anderen Seite der Ruhr wächst noch rasanter. Architektonisch hat nun freilich Aldi Nord erstmals die Nase vorn. Theo Albrecht wird künftig nicht mehr in einer schlichten Kantine zu Mittag essen, sondern in einem modernen Betriebsrestaurant mit Außenterrasse. Auf der Plaza werden Mitarbeiter, Besucher und Geschäftspartner ein- und ausgehen. Auf die alte graue Zentrale in Essen-Kray weist nicht einmal ein Schild hin.

Der neue Campus soll aber nicht nur für eine moderne Form des Arbeitens im Kampf um die besten Talente stehen. Aldi-Nord-Chef Torsten Hufnagel hat sich auch unternehmerisch ehrgeizige Ziele gesetzt: „Wir wollen unter den Discountern in Europa ganz vorn mitspielen“, sagt sein Kommunikationschef Scholbeck.

Von Essen aus steuert aus Aldi Nord 70 Regionalgesellschaften in Europa. Die Hauptverwaltung ist Dienstleister für den Einkauf, die IT, das Personal- und Datenmanagement. Der Discounter wächst vor allem im Ausland. Das macht sich in der Zahl der Arbeitsplätze am Campus bemerkbar. Auf den ursprünglichen Entwurf der Architekten wurde an manchen Flügeln bereits in der Planung ein zusätzliches Geschoss gesattelt. 1200 Schreibtische sind bestellt. Die „Plaza“ ist aber darauf ausgelegt, dass hier einmal bis zu 2000 Menschen etwa zu einer Weihnachtsfeier zusammen kommen können. Die riesige Glaskuppel, die das Foyer mit Tageslicht durchfluten soll, ist noch gut verpackt. Auch das holzvertäfelte Büro von Gründer Theo Albrecht im alten Gebäude ist abgeschlossen. Auf der Plaza soll es einen Ehrenplatz erhalten und erstmals für alle Mitarbeiter einsehbar sein.

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