Verbraucherschutz

Zahl der Lebensmittel-Rückrufe ist um 50 Prozent gestiegen

Mitte März musste ein Produzent aus Niedersachsen etwa 100.000 Eier wegen Salmonellen zurückrufen.

Mitte März musste ein Produzent aus Niedersachsen etwa 100.000 Eier wegen Salmonellen zurückrufen.

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Berlin  Glassplitter im Wasser, Bakterien in der Milch: 2016 wurden etwa 50 Prozent mehr Lebensmittel zurückgerufen als 2015. Woran liegt das?

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Der jüngste Rückruf kam vor wenigen Tagen: Der Discounter Netto warnt vor dem Verzehr eines Blauschimmelkäses, in dem Kolibakterien nachgewiesen wurden. Fünf Tage zuvor: Die Drogeriemarktkette dm ruft Gläser mit Apfel- und Bananenbrei zurück, weil Allergieauslöser nicht ausgezeichnet waren. Noch mal sechs Tage zuvor: Bei amtlichen Proben werden an den Schalen von etwa 100.000 Eiern des Produzenten Heidegold Salmonellen festgestellt.

Meldungen wie diese kommen inzwischen im Wochentakt. Doch bedeutet die hohe Schlagzahl auch, dass die Lebensmittel in Deutschland unsicherer geworden sind? Oder ist das System schlichtweg transparenter? Wir haben bei Verbraucherschützern nachgefragt.

Wie hat sich die Rückruf-Statistik entwickelt?

Seit Oktober 2011 informiert das Portal lebensmittelwarnung.de über Rückrufe. Laut Statistik des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), das hauptsächlich für die technische Betreuung des Portals zuständig ist, wurden 2012 insgesamt 83 Lebensmittel zurückgerufen, 2013 gab es 75 Warnungen, bevor 2014 ein Anstieg um gut 25 Prozent auf 107 zurückgerufene Lebensmittel folgte.

2015 ging die Zahl wieder leicht zurück, auf 100 gemeldete Produkte. Die größte Schwankung datiert allerdings aus dem vergangenen Jahr: 2016 wurden 148 Lebensmittel zurückgerufen – knapp 50 Prozent mehr als im Vorjahr. Im laufenden Jahr wurde bisher vor 32 Produkten gewarnt.

Warum haben Rückrufe 2016 so deutlich zugenommen?

Silke Schwartau von der Verbraucherzentrale Hamburg erklärt sich das mit der gestiegenen Bereitschaft, fehlerhafte Produkte auch tatsächlich zu melden. „Die Rückrufe gab es früher mindestens in gleicher Höhe, aber die Produkte wurden still zurückgerufen, ohne dass es die Verbraucher merkten“, sagte sie unserer Redaktion.

Zu Anfang sei die Industrie gegen das Meldeportal gewesen, inzwischen würden aber immer mehr Unternehmen erkennen, dass es ihrer Glaubwürdigkeit gut tue, wenn sie die Kunden ehrlich informierten, glaubt Schwartau.

Bei 170.000 Produkten, die sich laut Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL) auf dem deutschen Markt befinden, belaufen sich die Rückrufe auf einen Anteil von 0,09 Prozent – in der Gesamtheit also sehr wenig.

Aus welchen Gründen werden Lebensmittel zurückgerufen?

Seit Einführung des Meldeportals werden die meisten Lebensmittel zurückgerufen, weil sie mikrobiologisch verunreinigt waren (38 Prozent), also etwa mit zu vielen Bakterien oder Viren belastet. Zweithäufigste Rückrufursache waren Fremdkörper wie zum Beispiel Plastikteilchen (27 Prozent).

Weitere Gründe waren Kennzeichnungsmängel (9 Prozent), Grenzwertüberschreitungen (7 Prozent), unzulässige Inhaltsstoffe (5 Prozent) und Anderes wie Fehlreifungen oder Verwechslungsgefahr (10 Prozent). Dass bestimmte Ursachen kontinuierlich zugenommen hätten, lässt sich nicht feststellen.

Welche Produkte sind besonders häufig betroffen?

Spitzenreiter bei den zurückgerufenen Lebensmitteln sind von 2011 bis 2017 Fleisch, Wild und Geflügel (17 Prozent), gefolgt von Milch und Milchprodukten (14 Prozent) und Getreide und Backwaren (11 Prozent).

Wann wird vor Produkten gewarnt?

„Ein Produkt wird immer dann auf lebensmittelwarnung.de genannt, wenn es gesundheitsgefährdend, ekelerregend oder geeignet ist, die Verbraucher zu täuschen, und es sich bereits im Handel und damit unter Umständen auch schon in einzelnen Haushalten befindet“, sagte Andreas Tief, BVL-Sprecher unserer Redaktion.

Wer meldet die mangelhaften Lebensmittel?

Eine neue Warnung wird laut Tief von einem betroffenen Bundesland eigenständig – ohne Beteiligung des BVL – bei lebensmittelwarnung.de eingestellt. Weitere Bundesländer, in denen das Produkt ebenfalls vertrieben wird, könnten sich der Warnung anschließen.

Wie viele Proben und Kontrollen werden jährlich durchgeführt?

Die Verantwortung für die Lebensmittelsicherheit liegt bei den Unternehmen, die selbstständig Untersuchungen durchführen. Darüber hinaus gibt es amtliche Kontrollen der Bundesländer. Laut BVL wurden 2015 insgesamt 532.000 Betriebe überprüft, unter anderem auf Hygiene, sowie 380.000 Lebensmittelproben untersucht.

Wie transparent ist lebensmittelwarnung.de?

Die Verbraucherzentrale Hamburg hat 50 Warnungen ausgewertet, die zwischen Juli 2015 und April 2016 auf lebensmittelwarnung.de veröffentlicht worden waren. Dabei stellte sie fest, dass 80 Prozent der Warnmeldungen die mögliche Gesundheitsgefahr unzureichend beschrieben.

„Die Texte zu den Warnungen werden offenbar nicht ausreichend kontrolliert und mitunter ohne fachliche Prüfung auf Vollständigkeit veröffentlicht“, heißt es in einer Mitteilung. „Das Problem verschärft sich dadurch, dass es wohl keine klare Zuständigkeit gibt und Behörden Firmenwarnungen teilweise ohne Nachprüfung ins Netz stellen.“

Ein knappes Jahr später hat sich wenig getan. „Eine Arbeitsgruppe der Bundesländer sitzt gerade aufgrund unserer Veröffentlichung zusammen“, sagt Verbraucherschützerin Schwartau. „Aber die kommen gerade noch nicht so richtig voran.“

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