Spielzeug

60 Jahre Barbie: Die superschlanke Puppe vergeht nicht

Jede Barbie ist so schlank, wie es eine Frau nur sein könnte, wenn sie auf ein paar Organe verzichten würde.

Jede Barbie ist so schlank, wie es eine Frau nur sein könnte, wenn sie auf ein paar Organe verzichten würde.

Foto: ivanastar

Essen.   Geliebt und gehasst: Barbie, die berühmteste Puppe der Welt, feiert ihren 60. Geburtstag. Über ein in Kunststoff gegossenes Schönheitsideal.

Filmstar, Model, Märchenfee und Astronautin. Barbara Millicent Roberts ist im Laufe ihrer Karriere in viele Rollen geschlüpft. Dabei ist ihr gelungen, woran andere scheiterten: Unter ihrem Künstlernamen Barbie schrieb die Puppe Geschichte, keine andere verkaufte sich besser, mit keiner anderen wird mehr gespielt als mit ihr.

„Barbie ist eine Ikone und von Bedeutung für die Kulturgeschichte“, sagt Iris Kolhoff-Kahl, Professorin für Textilgestaltung am kulturwissenschaftlichen Institut der Uni Paderborn. „Sie stand für einen Umbruch, etwas nie Dagewesenes.“ Denn im 19. Jahrhundert spielten Mädchen mit Puppen, die an Babys erinnerten – eine Vorbereitung auf die Mutterrolle. Dann kam Barbie.

Die erste Kinderpuppe, die eine erwachsene Frau darstellte. „Das hatte durchaus emanzipatorische Züge“, sagt Kolhoff-Kahl. „Zugleich sind Puppen Abbildungen des menschlichen Körpers und zeigen, was als Körpernorm gilt.“ Und die Barbie stand, so Kolhoff-Kahl, für ein eindimensionales Schönheitsideal: „Ich nenne das die drei Bs: blauäugig, blond, bindegewebsfest.“

Wie alles begann

Attribute, die sich in der Hollywood- Welt der Nachkriegsjahre durchaus verkauften. Und wie es sich für einen amerikanischen Superstar gehört, ist auch Barbies Geschichte eine von der kleinen Geldbörse und der großen Vision: Das Ehepaar Ruth und Elliott Handler hatte mit Harold Matson seit 1945 ein kleines Geschäft namens Mattel, das auch Spielwaren führte. Ruth Handler, so heißt es, schwebte schon länger die Idee von einer Modepuppe für Kinder vor, nicht zuletzt, weil ihre Tochter Barbara ihre Puppen gerne chic kleidete. Ruths Mann Elliott befürchtete allerdings zu hohe Kosten und konnte von der Idee erst überzeugt werden, als Ruth Handler von einer Reise zurückkam, eine vergleichbare Puppe im Gepäck: die Bild-Lilli.

Diese basierte auf der Vorlage eines Cartoons, den Reinhard Beuthien in den 1950er-Jahren regelmäßig für die Bild-Zeitung anfertigte. Darin ging es um besagte Lilli, die eine Schwäche für enge Kleidungsstücke, reiche Männer und neckische Sprüche hatte. Nach dem Vorbild der Bild-Lilli fertigten Matson und die Eheleute eine Puppe an, die sie nach ihrer Tochter Barbara benannten, und stellten sie auf einer Spielzeugmesse in New York vor. Das war am 9. März 1959 – Barbies Geburtstag.

Natürlich konnte keiner dieser drei zu diesem Zeitpunkt ahnen, dass die knapp 30 Zentimeter große Puppe in dem schwarz-weißen Badeanzug und mit dem strengen Blick unter grünem Lidschatten die Spielzeugindustrie revolutionieren sollte. Die Idee der Barbie als plastikgewordene Perfektion stieß damals schon auf Kritik, zugleich erzielte Barbie gute Umsätze, auch international. Die Puppe bekam eine persönliche Geschichte, Geschwister, Freundinnen – und sie bekam Ken Carson, ihre große Liebe. Der muskulöse Strahlemann trat zwei Jahre nach Barbie auf die Bildfläche, hielt sich aber stets im Hintergrund, trug farblich auf Barbies Garderobe abgestimmte Hosen und begnügte sich damit, fester Freund statt Ehemann zu sein – und das stolze 43 Jahre.

Dann die Schlagzeilen im Jahr 2004: Das überraschende Liebesaus. Unüberbrückbare Differenzen, hieß es seitens Mattel. Ken war fortan nur noch ein guter Freund – und Barbie ging bereits mit Surfer Blaine aus, der Ken in seiner Glanzlosigkeit noch übertraf. Im Jahr 2011 kämpfte Ken dann um seine Verflossene: Mattel ließ Plakate in Städten aufhängen, „Wir mögen aus Plastik sein, unsere Liebe ist echt“ hieß es da. Und Barbie? Sie kehrte am Valentinstag zu Ken zurück – unter großem medialen Interesse.

Mode ist ihr Hobby

Doch wie kam es überhaupt zu diesem Kultstatus, den Barbie heute genießt? „Barbie war stets ein Spiegel ihrer Zeit“, sagt Bettina Dorfmann. Sie muss es wissen, immerhin hat Dorfmann mit knapp 18.000 Exemplaren die größte Barbie-Sammlung der Welt. „Ich sammle meine Kindheit“, so Dorfmann, deren Puppen zu großen Teilen aus der Zeit zwischen 1959 und 1975 stammen. Die Düsseldorferin betreut auch Barbie-Ausstellungen in Museen, etwa im Kreismuseum Zons oder im Ratinger Spielzeugmuseum. In der Dauerausstellung „Busy Girl“ etwa geht es um die zahlreichen Berufe, die Barbie ausgeübt hat, in anderen steht ihre Mode im Vordergrund.

Pinkwerdung über die Jahre

Anfangs trug Barbie lediglich Badekleidung, Klamotten musste man dazukaufen. „Ich weiß noch, wie meine Freundinnen und ich Kleidung für die Puppen nähten und häkelten“, sagt Dorfmann, die wie so viele andere mit der Pubertät das Interesse an den Puppen verlor – erst in den 1990er-Jahren, als sie ihre gut erhaltenen Puppen für ihre Tochter vom Speicher holte, sollte es zurückkehren. In den 30 Jahren dazwischen hatte sich vieles verändert – und die Barbie spiegelte diesen Wandel: Barbies Erscheinungsbild wurde in den 1960er-Jahren ein wenig jünger und freundlicher. Ab den 1970er-Jahren wurde sie dann so richtig blond und kam erstmals auch im knallpinken Karton daher. „Als es erschwinglich und chic war, in den Urlaub zu fahren, hatte Barbie leicht gebräunte Haut“, sagt Dorfmann. „Anhand der Barbiepuppe lässt sich die Modegeschichte der letzten 60 Jahre zeigen.“

Das sieht Kulturwissenschaftlerin Iris Kolhoff-Kahl genauso. Sie setzt sich in Seminaren oder im Schulunterricht neben der kulturellen Bedeutung auch mit der Barbie als Arbeitsmaterial auseinander. Da entstehen etwa Lampenschirme aus den Puppen, oder Barbies Arme werden durch andere Puppenteile ersetzt. Was sich zunächst verstörend anhört, dient für Kolhoff-Kahl einem wichtigen Zweck: „Es geht darum, die Stereotype, für die Barbie steht, auch das konstruierte westliche Frauenbild, zu erkennen – und es zu brechen.“ Ziel sei nicht, die Barbie zu verteufeln, vielmehr hinterfrage man die eigene Beziehung zur Puppe. Was daraus entsteht, könne beides sein: Liebeserklärung oder Hassobjekt.

Denn wie viele andere Legenden hat auch Barbie stets polarisiert. Neben den teils ganz kleinen Bewunderern gab es immer auch große Kritiker. Mattel reagierte, vermutlich auch angesichts sinkender Absatzzahlen in den 2000ern mit einer Vielfaltsoffensive. Man versuchte, die Barbie und ihr über die Jahre allzu rosa gewordenes Universum zeitgemäß zu übersetzen. Das klappte mal besser, mal schlechter. Schlechter, als Barbie smart wurde: Mit der Hello-Barbie (2015) konnte sie auf Gesagtes reagieren, ähnlich wie Siri oder Alexa – Abhörvorwürfe gegen Mattel, das die Gespräche der Kinder für zwei Jahre speicherte, inklusive.

Vielfalt scheint anzukommen

Aber man machte auch Fortschritte: Etwa mit der Barbie aus dem Jahr 2017, die der amerikanischen Olympia-Sportlerin Ibtihaj Muhammad nachempfunden war und wie sie Hijab trug. Bald kamen auch Puppen unterschiedlicher Hautfarben und Figurtypen hinzu, also, was Mattel eben unter „tall“, „petite“ oder „curvy“ versteht. Im Jahr 2018 sind die Barbie-Verkaufszahlen wieder in die Höhe gegangen, das Diversitätskonzept scheint anzukommen – auch wenn Kritiker nach wie vor fehlende Vielfalt und stereotype Darstellungen bemängeln.

Fast kann Barbie einem leidtun: Sie kann zugleich Hirnchirurgin und Schönheitskönigin sein, genug ist es vermutlich nicht. Da hilft es nicht mehr, wenn ihre Zähne und der Arztkittel um die Wette strahlen, da kann das Cabriolet noch so pink und die verdienten Dollarscheine noch so grün sein. Fast, so scheint es, kann sie es vielen nicht mehr so wirklich recht machen. Das macht Barbie letztlich doch menschlicher, als es vielen lieb wäre.

>> INTERVIEW: NICHT ALLE LIEBEN DIE BARBIE

Christian Rittelmeyer ist emeritierter Professor der Erziehungswissenschaften und hat sich mit der Barbie und der Frage nach „gutem Spielzeug“ auseinandergesetzt. Im Gespräch mit Tanja Ransom spricht er über pädagogisch sinnvolle Puppen, schwierige Schönheitsideale und vorauseilende Eltern.

Herr Rittelmeyer, welchen Sinn hat es aus pädagogischer Sicht, wenn man mit Puppen spielt?

Christian Rittelmeyer: Spiele überhaupt und speziell auch Puppenspiele leisten einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung von Kindern. So können beispielsweise im Kleinkindalter elementare motorische und sensorische Fähigkeiten der Kinder gefördert werden: Wie fühlt sich die Puppe an, ist sie fest oder weich, welche Tastempfindungen ruft sie hervor? In den späteren sogenannten sozialen Rollenspielen, in denen Kinder ihre Puppen miteinander sprechen und interagieren lassen, üben sie elementare soziale Fähigkeiten, etwa das Hineindenken in die Per­spektiven der Spielpartner und ihre Gefühle. Hier kann man schon überlegen, welche Puppenarten solche Erfahrungen besser ermöglichen, welche hingegen durch eine sehr eindeutige Gestaltung die Fantasie so kanalisieren, dass auch das Repertoire möglicher Handlungsformen eingeengt wird. Eine wichtige Funktion hat auch das sogenannte Symbolspiel – also die Verwendung der Puppe als „Mutter“, „Kind“ oder „Schulfreundin“. Manche Interpreten gehen davon aus, dass Kinder ihre eigene Fantasie in die Puppen projizieren und damit auch üben. Andere meinen, dass Kinder in ihren Spielen eher die Welt der Erwachsenen nachahmen und damit in deren Gebräuche und Regeln hineinwachsen. Die Spielforschung zeigt jedoch, dass beide Prozesse im realen Spiel gleichermaßen wirksam sind: Die Barbiepuppe beispielsweise gibt ihnen ein bestimmtes Schönheitsideal vor, das die Spielthematik mitbestimmt. Mit dieser Vorgabe des Spielmaterials können Kinder jedoch sehr unterschiedlich und unter Umständen fantasievoll umgehen.

Also hat das Aussehen der Barbiepuppe einen Effekt auf Kinder, die mit ihr spielen?

Bis zu einem gewissen Punkt ja. Zunächst einmal lassen sich Kinder auf die Vorgabe aus dem Spiel ein: Handelt es sich zum Beispiel um eine erwachsene Barbie-Puppe oder um ein junge Shelly – das schränkt die Fantasiemöglichkeit des Kindes stark ein, ist aber natürlich auch von Kindern so gewünscht. Zum anderen zeigt die Barbie ein ganz bestimmtes Menschenbild. Zwar haben sich die Puppen im Laufe der Jahre stark verändert. Aber: Barbie verkörpert ein gewisses problematisches Schönheitsideal und insbesondere ein – wie man sagen könnte – sexualisiertes Frauenbild. Wie Kinder auf das Aussehen der Puppe reagieren, ist natürlich sehr unterschiedlich. Das erwähnte Körperimage wird übrigens nach meinen Recherchen von Kindern häufig durchaus kritisch wahrgenommen.

Sollte man Kindern denn überhaupt noch Barbies schenken?

Ich persönlich würde meinen Enkelkindern keine Barbies schenken. Meiner Meinung nach fokussieren die Puppen gewisse geschlechtsspezifische Attribute wie Sexyness zu stark, sei es die Barbie mit ihrer hohlen Wangen, dem roten Mund oder Ken mit seinen breiten Schultern. Es ist in dieser Hinsicht wichtig, sich die Gestaltungsmerkmale der typischen Barbiepuppe – etwa den langen Hals bei der klassischen Puppe – genau anzusehen, um beurteilen zu können, welches Menschenbild damit erzeugt wird. Aber: Die Lebenswelt von Kindern ist ja vielfältiger. Wenn sich zum Beispiel die Eltern in ihrem körperbezogenen Verhalten ganz anders als das Puppenimage geben, haben die Kinder ein Gegenbild zu dem Aufgemotzten, künstlich Puppenhaften. Wichtig sind Akzente im echten Leben, die den Kindern einen Alternativentwurf zur idealisierten Puppenwelt zeigen – etwa in Kunstgalerien oder Theateraufführungen. Mit einem solchen Rahmen kann sich bei Kindern von ganz allein eine kritische Haltung gegenüber der Barbie entwickeln – und dann mag es gar von Vorteil sein, dass man auch das stereotype Menschenbild dieses Puppentyps im Spiel kennengelernt hat.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben