Alter

Alt sind immer nur die anderen? Wann ist man jung, wann alt

Hätten Sie ihn erkannt? Brad Pitt gealtert in dem Film „Der Seltsame Fall des Benjamin Button“. (Film erhältlich auf DVD/BluRay von Warner Home Video.)

Foto: Warner Home Video

Hätten Sie ihn erkannt? Brad Pitt gealtert in dem Film „Der Seltsame Fall des Benjamin Button“. (Film erhältlich auf DVD/BluRay von Warner Home Video.)

Wann ist man noch (zu) jung und wann schon (zu) alt? Unser Verständnis vom Alter und wie wir gelassener mit den Lebensjahren umgehen.

Die zweijährige Mia sieht in einem Bilderbuch eine ältere Frau. Ein Mann stützt sie beim Überqueren der Straße. Mia fragt ihre Mama: „Muss Papa auch gestützt werden?“ Mias Papa ist 35 Jahre alt – oder jung.

„Je jünger Kinder sind, desto schwerer ist es für sie, Alter einzuschätzen“, sagt die Familientherapeutin Marianne Leven. Kinder leben im Hier und Jetzt, so die 59-Jährige. Ihr Gehirn entwickelt sich noch, sie können die Welt nicht wie ein Erwachsener zeitlich einordnen.

Jugendliche wollen sich abgrenzen

Auch bei Jugendlichen befindet sich das Gehirn noch im Umbau, erklärt die Leiterin der Erziehungsberatungsstelle der Diakonie in Essen-Borbeck. Die Zukunft ist ein unbekanntes Feld. Jetzt geht es erstmal darum, sich abzugrenzen, von den Älteren, den Eltern, den Lehrern.

„Jugendliche denken, 30 ist schon sooo alt.“ Weil ein 30-Jähriger oft einen strukturierten Alltag hat. Wie die Eltern geht er zur Arbeit, kleidet sich morgens (Anzug) anders als abends (Jogger). Leven: „Da gibt es eine viel größere Schnittmenge mit den Eltern.“ Und von denen wollen sich Teenager schließlich abgrenzen.

Hauptsache nicht Mitte 30

Zugleich möchten Jugendliche gern älter werden, um frei zu sein, den Führerschein zu machen, selbst über ihr Leben zu bestimmen. Allerdings reicht da die Volljährigkeit. Das Älterwerden wirkt bedrohlich. Die Band AnnenMayKantereit besingt das Phänomen in ihrem Lied „21, 22, 23“: „Und wenn ich dich dann frage, was du werden willst. Dann sagst du immer nur ,Ich weiß nicht. Hauptsache nicht Mitte 30’“

Laura, ein Twen, wird bald heiraten. Ihre künftige Schwiegermutter Claudia kommt zum Junggesellinnenabend. Laura ist entsetzt: Claudia trägt einen Minirock – und das in ihrem Alter! Claudia ist 41 Jahre alt – oder jung.

„Als Gruppe sich abzugrenzen gegen die Älteren, im Sinne der eigenen Identitätsbildung, das war schon immer sehr wichtig“, betont auch die Sozialwissenschaftlerin Barbara Eifert (54) aus Dortmund. „Aber es wird schwieriger, sich abzugrenzen.“ Schließlich gleichen sich die Generationen äußerlich an. „Die Alten tragen heute Sneakers.“ Und warum noch auf Facebook gehen, wenn das die eigene Oma tut?

Aber wer ist denn nun wirklich alt? Kommt drauf an, wen man fragt: Ein Teenager denkt, dass man mit 40 schon kurz vor der Himmelspforte steht, während ein 80-Jähriger melancholisch wird: „Ach, so jung möchte ich noch mal sein.“ Im „besten Alter“ befinden sich angeblich die Menschen ungefähr zwischen dem 50. und 70. Lebensjahr: Die Werbebranche spricht gezielt diese kaufkräftige Gruppe der „Best Agers“ an. „Best Ätschas“ nennt Esther Münch sie.

Die Kabarettistin aus Bochum widmet diesen Menschen ein eigenes Programm. Mit viel Humor lässt sie Putzfrau Walli über die Wechseljahre philosophieren und die neugewonnene Freiheit preisen – nicht nur im Bett, sondern auch im Haus, wenn die Kinder ausgezogen sind. Die Werbung brachte Esther Münch auf die Idee: Kosmetika für Frauen nach der Menopause werden mit Models unter 30 angepriesen? „Das finde ich schräg“, sagt die 58-Jährige, die selbst zur Altersklasse der „Best Agers“ zählt.

Die Eltern werden älter

„Wir werden nicht wahrgenommen“, beschreibt sie das Gefühl ihrer Generation. Gleichzeitig wird sie an allen Enden gebraucht: als Mutter, als Oma, als Berufstätige und wieder als Tochter – die eigene Mutter ist immer mehr auf ihre Hilfe angewiesen. „Ich habe den Eindruck, mich in einer Art Zwischenwelt zu befinden“, sagt Esther Münch. An der eigenen Mutter sieht sie, wie die körperlichen Kräfte nachlassen, was es heißt, alt zu werden.

Mit zunehmendem Alter verändert sich die Wahrnehmung der Lebenszeit, erklärt Martina Brandt, Professorin am Lehrstuhl für Sozialstruktur und Soziologie alternder Gesellschaften an der Uni Dortmund. Die Uhren scheinen sich schneller zu drehen. Die Möglichkeiten werden geringer, Hoffnungen und Erwartungen ändern sich, so die 41-Jährige: „Es ist unumgänglich, dass das Leben einmal endet, das wird einem irgendwann mehr oder weniger schmerzlich bewusst.“ Oder man verdrängt es.

Lydia leitet seit Jahren einen Seniorennachmittag in der Gemeinde. Liebevoll spricht sie von „ihren Alten“. Dass die meisten ihrer Alten mittlerweile jünger als sie sind, kommt ihr gar nicht in den Sinn. Lydia ist 84 Jahre alt – oder jung.

„Alt sind immer nur die anderen“, sagt Barbara Eifert. So grenzen sich nicht nur Jugendliche, sondern auch Ältere ab. „Man lebt lange in der Vorstellung, dass es immer so weitergeht“, sagt die Wissenschaftlerin vom Institut für Gerontologie (Alterswissenschaft) an der Uni Dortmund. Sie berät seit bald 20 Jahren die Landesseniorenvertretung NRW.

Viele Menschen möchten mit dem Alter nichts zu tun haben. Sie wollen jung, autonom, vital sein, ein Teil der Gesellschaft bleiben, in der es unglaublich wichtig ist, nützlich zu sein. Das wissen Firmen, die Produkte für Senioren verkaufen wollen. „Alte Menschen als alte Menschen anzusprechen, ist ein Problem“, sagt Eifert. Ein Senioren-Handy kann noch so praktisch sein, wenn es als solches verkauft wird, lehnen es viele Ältere ab.

Eifert: „Das Alter ist aber auch eine Chance, sich ein bisschen diesen Dingen zu entziehen, nicht mehr alles jauchzend mitzumachen. Wenn sie sagen, ich will nicht bei sozialen Medien dabei sein, dann werden sie vielleicht ausgegrenzt, aber wenn nicht das Alter diese Freiheit bietet, welche Zeit im Leben dann?“

Die Furcht vor Überalterung

65 Prozent der Menschen fürchten sich vor einer Überalterung der Gesellschaft und der damit verbundenen Altersarmut, so ein Ergebnis einer Befragung der Bertelsmann-Stiftung. Wird sich das Bild vom Alter mit dem demografischen Wandel verändern? Eifert: „Ich bin skeptisch, wenn es viele Alte gibt, ob es dann besser wird mit dem Altersbild, ich glaube, das macht das Jungsein noch goldener.“

Diese Jugend! Diese Alten! Es gibt viel Unverständnis für andere Altersklassen. Wichtig sei, dass die Sozialsysteme an die demografische Entwicklung angepasst werden, das trage zu einem besseren Bild vom Alter bei, betont Martina Brandt. Und: „Stereotypisierungen sollten wir dringend vermeiden, ,das Alter’ ist so variabel wie ,die Jugend’ und alle anderen Lebensphasen.“ Barbara Eifert ergänzt: „In Situationen, wo Junge und Alte gemeinsam etwas tun, spielt das Lebensalter keine Rolle mehr. Wir benötigen mehr Räume für solche Zusammenkünfte.“

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