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Auf den Spuren des Krieges zwischen Groesbeek und Kleve

Jaap Robben und Oberstleutnant Rene Rothmann sind unterwegs im Reichwald in Kleve.

Jaap Robben und Oberstleutnant Rene Rothmann sind unterwegs im Reichwald in Kleve.

Foto: André Hirtz / FUNKE Foto Services

Kleve.  75 Jahre nach Kriegsende geht der Niederländer Jaap Robben auf Spurensuche. Er wundert sich über den Umgang der Deutschen mit der Befreiung.

In Deutschland wird so vieler Schuld gedacht: der Kristallnacht, der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar, man begeht Volkstrauertag und blickt auf viele andere belastende Ereignisse zurück. Nahezu an jedem Abend wird im Fernsehen eine Dokumentation oder ein Film über den Krieg gezeigt.

Aber seit ich vor sieben Jahren in ein Dorf bei Kleve in Deutschland gezogen bin, ist mir hier noch nie aufgefallen, dass die Befreiung gefeiert wird. Obwohl die Deutschen doch eigentlich auch von der NS-Diktatur befreit wurden? Besonders diejenigen, die nicht mit ihr sympathisierten. Und alle Nachkriegsgenerationen. Oder die Millionen neuer Deutscher, die gerade wegen dieser Freiheit hierher geflohen sind?

Operation Veritable war drittgrößte Operation zur Befreiung Europas

Im niederländischen Dorf Groesbeek an der Grenze zu Deutschland wimmelt es nur so von Denkmälern. Gedenktafeln, das Befreiungsmuseum, die Airborne-Route. Es gibt Festivals und Paraden mit Jeeps und Veteranen. Und während der Gedenkfeier zu Market Garden finden Fallschirmsprünge von Hunderten von Fallschirmjägern statt. Aber sobald ich die Grenze zu Deutschland überschreite, sehe ich nichts mehr. Nicht einmal ein Schild. Bis auf die Pfeile, die in die Richtung der Friedhöfe des Commonwealth zeigen. Obwohl Operation Veritable von Groesbeek in Richtung Ruhrgebiet die drittgrößte Operation zur Befreiung Europas war.

Auf Wikipedia suche ich nach weiteren Informationen. Die Alliierten verloren 23.000 Mann, auf der deutschen Seite wurden 38.000 Soldaten getötet. Im niederländischen Artikel ist die Rede von der Befreiung des Gebietes zwischen Rhein und Ruhr. Ich klicke mich durch zur deutschen Version des Artikels. Da heißt es „Die Schlacht im Reichswald“ und nirgendwo lese ich mehr das Wort Befreiung.

Ich spreche mit Cees Pot vom Befreiungsmuseum in Groesbeek. Im Moment ist das Museum geschlossen, um in Kürze als „Freiheitsmuseum“ wieder eröffnet zu werden.

„Warum eigentlich die Namensänderung?“

„Deutsche erkennen sich nicht auf die Art und Weise im Gefühl der Befreiung wieder, wie wir Niederländer dieses erfahren. Aber wir sind das einzige Kriegsmuseum zwischen Groesbeek und Berlin. Dies bietet ein enormes Potenzial an Besuchern. Vielleicht kommen dann mehr.“

Bundeswehr in Kalkar beschäftigt sich mit dem Krieg

Ein Grinsen. „So einfach ist das.“ Typisch niederländischer Handelsgeist, diese Namensänderung.

„Aber die Deutschen sind doch auch befreit worden, warum erkennen sie sich darin nicht wieder?“

„Das ist eine heikle Sache. Die ältere Generation sprach lange Zeit von Kapitulation statt von Befreiung.“

„Und die jüngere Generation?“

„Das weiß ich nicht.“

Auf Umwegen komme ich in Kontakt mit René Rothmann. Er ist Ende vierzig und derzeit Oberstleutnant bei der Bundeswehr in Kalkar. Seit einigen Jahren beschäftigt er sich aus Interesse mit der Operation Veritable und gibt Führungen durch den Reichswald. Wir treffen uns auf dem Kanadischen Ehrenfriedhof in Groesbeek, um von dort aus gemeinsam zum Commonwealth-Friedhof in Reichswalde zu wandern. Genau von der gleichen Stelle, wo jetzt dieser Groesbeeker Friedhof liegt, brachen die Truppen am 8. Februar 1945 zur Operation Veritable auf. Die Wegstrecke, für die wir fast drei Stunden brauchen werden, hat fast 10.000 Menschenleben gekostet.„Schauen Sie mal.“

Auf seinem I-Pad zeigt mir René Luftaufnahmen von diesem Gebiet. Gleichzeitig zeigt er mir die jetzigen Stellen in der Landschaft. Alles wurde bombardiert, um den Weg für die englischen und kanadischen Truppen frei zu machen. Ein Luftbild von Kleve gleicht einer Mondlandschaft voller Krater. Nächstes Foto: Das Poldergebiet, in dem ich wohne, war komplett überschwemmt. Nächstes Foto: Englische Soldaten, die sich durch einen nicht enden wollenden Schlammpfuhl pflügen. Kaputtgeschossene Bäume. Ein Luftbild, auf dem die Siegfried-Verteidigungslinie im Reichswald zu sehen ist.

Reichwald in Kleve ist ein historischer Ort

„Erst vor einigen Jahren habe ich von dieser Operation gehört“, sagt René. „Die Bundeswehr widmet der Vergangenheit und dem Unterricht darüber viel Aufmerksamkeit. Gemeinsam mit einem Kollegen begann ich, Informationen zu sammeln und dann stellten wir diese Rundwanderung für unsere Kollegen zusammen.“

„Woher haben Sie Ihre Informationen?“

„Hauptsächlich aus dem Internet. Es gibt kaum Bücher darüber. Die Ereignisse dieser Geschichte werden nicht wirklich gesammelt.“

„Wie kommt es, dass man in Deutschland so wenig über die Befreiung liest?“

„Ich denke, dass sich Deutsche vor allem mit den Gräueltaten des Krieges beschäftigen. Mit der Schuld. Damit sind wir aufgewachsen. Das ist Teil unserer heutigen Kultur.“

„Kann man nicht beides machen? Sich sowohl mit der Schuld beschäftigen als auch die Befreiung feiern? Die Deutschen sind doch auch befreit worden?“

„Bestimmt. Aber es war lange sehr komplex. In jeder Familie gab es einen Onkel, einen Bruder, einen Vater, der als Soldat gestorben ist. Und selbst wenn man nicht mit den Nazis sympathisiert hatte, war es immer noch ein sehr emotionales Thema.“

Oben auf dem Kleverberg: Was sehen Sie hier?

Nach dem Überqueren der Grenze erscheinen Telefonmasten in der Landschaft, die Wegränder werden wilder. Und die Häuser weniger bunt.

Beim Trepkesweg betreten wir den Reichswald. Ich bin hier oft gewandert und sah jedes Mal das, was ich jetzt auch wieder sehe. Bäume, Bäume, den Weg und manchmal einen Hirsch. „Was sehen Sie, wenn Sie hier gehen?“ frage ich René. Ohne sich umzusehen, sagt er: „Wir wären schutzlos, wenn wir Soldaten gewesen wären, viele niedrige Büsche, zwischen denen sich der Feind verstecken kann. Über den Baumstumpf dort kann man nicht mit dem Panzer fahren, also würde ich mich als Gegner dort verstecken.“ Dann pflückt er etwas Rinde von einer Birke. „Und wenn wir das mahlen und mit Mehl mischen würden, könnte ich heute Abend Brot für Sie backen.“

Auf schmalen Wegen steigen wir steil nach oben. Wie ein echter Offizier, der seine Truppen mit Proviant versorgt, hat er auch für mich eine Flasche Wasser dabei. Ich ungastlicher Dummkopf habe gar nicht daran gedacht.

Oben auf dem Kleverberg fragt er. „Und was sehen Sie hier?“

Ich schaue mich um.

„Ähm...“

„Diese Gruben sind Bombenkrater. Dort drüben und dort hinten kamen die Engländer und Kanadier hoch. Und hier ist die Siegfried-Linie. Sie beginnt hier und endet an der Grenze zur Schweiz.“

Ausblick bis zum Uedemer Hochwald

Ich stellte mir eine Reihe von Bunkern vor, aber er zeigt auf eine Art trockenen Graben.

„Deutsche Schützengräben. Ein kilometerlanges Netz durch den Reichswald. Mit stets kleinen Abzweigungen, wie eine Art langer Kamm. Es gab hier wirklich sehr grausame Gefechte.“

Ich bin überrascht, dass diese Geschichte durch kein einziges Schild angedeutet wird. Wie auch immer, wir Niederländer hätten eine Imbissbude daneben aufgestellt. Und ein Eingangstor mit einer Kasse. Um uns herum zwitschern Vögel. Ein Mountainbiker rast durch die Gruben und macht einen Sprung durch den Schützengraben.

„Niemand hat eine Ahnung davon, was hier alles liegt. Vielleicht nur der Förster.“

Am Ende des Weges ist plötzlich Licht. Wir bekommen Ausblick über das Tal bis zum Uedemer Hochwald.

„Hier standen englische Panzer, damit sie gut sehen konnten, was sie bombardierten.“

Anhand der Kirchtürme zeigt er mir Uedem, Kalkar, Bedburg-Hau. In der Nähe sehe ich einen Ortsteil mit Nachkriegshäusern. Ich bin gerne in Deutschland, aber ich kann mich nicht wirklich an diese Häuser gewöhnen. Braune Fensterrahmen, tannengrüne Türen. Diese Rollläden. Alles unauffällig, Grau und Beige als Lieblingsfarben. Ich habe das lange für einen deutschen Mangel an Geschmack gehalten. Oder für Nachkriegsarmut, weil beispielsweise die Tiergartenstraße in Kleve im Gegensatz dazu mit rosa, gelben, grünen Vorkriegsvillen voller Ornamente und Ziermauerwerk vollgebaut ist.

Ein deutscher Freund erzählte mir einmal, dass seine Großeltern auch so ein zierliches Haus besaßen. Als der Krieg zu Ende war, stellte sein Großvater eine Leiter gegen die Fassade. Mit Meißel und Hammer kletterte er nach oben. Er entfernte eine Verzierung nach der anderen und strich das Haus grau. „Wir Deutschen sollten uns dafür schämen, was wir getan haben“, soll er gesagt haben. „Unser Haus trauert.“

Während René und ich noch länger über das Tal schauen, fällt mir auch das neue Deutschland auf. Drehende Windräder. Weiße, gut isolierte Häuser mit viel Glas und Solarmodulen. Die Häuser sind nicht mehr in Trauer.

Wir gehen weiter. Zwischen den Bäumen neben dem Weg taucht der Graben immer wieder auf, wie eine Schlange, die sich neben uns her windet. Bis wir den Britischen Ehrenfriedhof im Reichswald erreichen. Ein friedlicher Ort mit Gras, das immer so ordentlich und kurz ist, dass es so aussieht, als ob es überhaupt nicht mehr wachsen könnte. Wir gehen durch das Tor. Schier endlose Reihen weißer Grabsteine.

„Ich möchte Ihnen noch dies zeigen.“ René bleibt beim Grabstein von Major Ronald E. Balfour stehen.

„Alle denken, dass hier nur Soldaten begraben sind. Aber dieser Mann war Kunsthistoriker. Er meldete sich zum Militärdienst und riskierte sein Leben, um unsere europäische Geschichte zu retten. Von der Normandie bis hierher, in Kleve, teilte er den Truppen mit, welche Gebäude von historischem Wert waren. Sie sollten versuchen, diese zu verschonen. Ohne ihn wäre noch viel mehr europäische Geschichte zerstört worden. In Goch ist durch sein Zutun zum Beispiel das Steintor erhalten geblieben.“

Ich betrachte seinen Grabstein.

„In Kleve war Major Balfour damit beschäftigt, Kunstschätze in Sicherheit zu bringen. Dann gab es eine Bombardierung. Friendly Fire... Jedes Jahr während der Gedenkfeier stehe ich in meiner Uniform an diesem Grab.“

Wir hören der murmelnden Wand aus Buchen zu, die uns umgibt, den Tausenden anderen stillen Gräbern.

„Ich verstehe immer noch nicht ganz, warum Deutsche neben all den Tagen der Trauer und Schuld nicht auch ihre Befreiung feiern?“

René lächelt, denkt kurz nach. „Vielleicht haben wir das Gefühl, dass wir das nicht wirklich dürfen.“

„Dürfen?“

„Ich denke, dass wir noch immer unsicher darüber sind, wie der Rest der Welt reagieren würde, wenn wir das tun. Das Schuldgefühl ist dafür nach wie vor zu groß.“

„Aber besteht dann nicht die Gefahr, dass zukünftige Generationen nicht mehr wissen, wie sie ihre Freiheit erlangt haben? Und dass sie dann vielleicht auch weniger vorsichtig damit umgehen?“

„In der Tat.“ René lächelt unbeirrt. „Dafür möchte ich mich sehr gerne einsetzen.“

Im Bus auf dem Heimweg denke ich weiter darüber nach. Wir halten an der Haltestelle gegenüber der Feuerwache von Kranenburg. Während der Bus steht, sehe ich, dass dort ein Fest beginnt. Die Grills sind voller Würstchen. Vor dem Ausschank steht eine Menschenschlange. Wie eine Art Festzelt hängt ein alter, häufig reparierter Militärfallschirm darüber. Der Bus beschleunigt wieder. Ich kann nicht so schnell sehen, ob es ein amerikanischer Fallschirm ist. Aber ich hoffe es. Ein amerikanischer Fallschirm als deutsches Festzelt. Unbewusst wird dann vielleicht doch die Befreiung gefeiert.

Der Text wurde aus dem Niederländischen übersetzt von Karin Preslmayr. Der Autor Jaap Robben war für die NRZ war der Grenzgänger anlässlich des Kriegsendes vor 75 Jahren jetzt am Niederrhein unterwegs. Dabei folgte er dem Weg der „Operation Veritable“, bei der die Alliierten die deutschen Truppen über den Rhein drängten. Fünf Folgen dieser Serie erscheinen in den nächsten Wochen in der Zeitung und auf NRZ.de.

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