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Bei Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Museumsleiter

RHermann Ausbüttel (78) in seinem Museum, in dem diese alte Apotheke von 1814 ihren Platz fand.

Foto: Ralf Rottmann

RHermann Ausbüttel (78) in seinem Museum, in dem diese alte Apotheke von 1814 ihren Platz fand.

Dortmund.   Wie Apotheker früher arbeiteten, zeigt das Apothekenmuseum in Dortmund. Dabei wird klar: Nicht jede Arznei hält, was sie verspricht.

Eichhörnchen müsste man sein. Es springt von Ast zu Ast, ohne dass ihm dabei schwindelig wird. Es muss irgendetwas in sich haben, was Menschen mit Schwindel helfen könnte. Das dachten sich die Heiler noch im 18. Jahrhundert – und nahmen den Kopf des Tieres, um daraus Medizin zu machen.

Zurück in die Vergangenheit: Ausbüttels Apotheken-Museum

Hermann Ausbüttel hat auf 300qm die Geschichte der Pharmazie anschaulich präsentiert.
Zurück in die Vergangenheit: Ausbüttels Apotheken-Museum

„Bei Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“: Im Apothekenmuseum in Dortmund ergibt der Satz aus der Medikamenten-Werbung wahrlich Sinn. Und das nicht nur bei unerwünschten Symptomen: Denn Hermann Ausbüttel ist wie ein wandelndes Nachschlagewerk. Er ist nicht nur Apotheker und Museumsleiter, er hat sich auch eingelesen in jahrhundertealte Bücher.

Es sind gruselige Geschichten, die der 78-Jährige zu erzählen weiß, während er neben einem ausgestopften Bären steht. Dass Männer sich das kahle Haupt mit dem Tierfett einschmierten, weil der Bär ja beneidenswert dichtes Fell hat, ist da noch eine der harmlosen Anekdoten. Denn selbst vor toten Menschen machte die Medizin nicht Halt. . .

Die Apotheker sammelten aber auch schlicht Kamille. Aufbewahrt in der Kräuterkammer. Sie gehört zu jeder alten Apotheke sowie eine Bibliothek, zwei Vorratsräume und zwei Labore und die Offizin – der Verkaufsraum. Die ältesten Regale im Museum stammen von 1650.

Schubladen mit Contergan

Die Schubladen sind gefüllt, nicht unbedingt mit dem, was in Latein draufsteht, aber mit vielen Medikamenten, die heute gar nicht mehr auf dem Markt sind, darunter Contergan. „Wenn jemand früher nach einem Schlafmittel ohne Nebenwirkungen fragte, haben wir Contergan empfohlen“, erinnert sich Ausbüttel. Erst später fand man bekanntlich heraus, dass Babys im Mutterleib dadurch Missbildungen bekamen.

So erzählt das Museum mit seinen weit mehr als 10 000 Exponaten auch von manchem Irrtum. Blutauffangschalen für den Aderlass sind ausgestellt und historische Einlaufgeräte. Aber auch Wirkungsvolles wie Bettwärmer und Babymilchfläschchen, eine der ältesten aus Griechenland ist 2500 Jahre alt.

Als Ausbüttel den Beruf in den 1960ern lernte, bekamen die Kunden einen Schnaps eingeschenkt. Damit verkürzte der Apotheker die Wartezeit, während er aus der vom Arzt angeordneten Mixtur Pillen drehte. Ausbüttel mischt im Museum die Arznei im Mörser, formt mit der Hand das Gemisch zu einer Rolle und schneidet sie auf dem Pillenbrett. Früher war Apothekerarbeit großteils Handarbeit. „Das war natürlich nicht so hygienisch.“

Ausbüttels Söhne und Enkelkinder sind in seine Fußstapfen getreten, aber deren Ausbildung habe nur noch wenig mit seiner gemein. „Das war früher ein praktischer Beruf.“ Ausbüttel zeigt das Werkzeug: Tablettenpressen, Salbenmaschinen, Destilliergeräte. Das Pillendrehen erledigt heute die Pharmaindustrie.

Spitze Zähne gegen stechende Schmerzen

Ausbüttel war bereits in Rente, als er mit seiner Frau, ebenfalls Apothekerin, aufräumte. „Das ist zum Wegwerfen doch viel zu schade“, stellte er fest, als er Mörser und Waagen in den Händen hielt. Bereits sein Vater hatte alles rund um die Apotheke gesammelt. Warum daraus nicht ein Museum machen? Zunächst im Jahr 2000 im Keller der Adlerapotheke. Doch die feuchten Wände bereiteten Ausbüttel Kopfschmerzen (früher hätte man Zähne von Fuchs oder Hai zermahlen, um dem stechenden Schmerz zu lindern).

Im Herbst 2017 eröffnete das Museum in neuen, schönen Räumen. „Ich bin kein Kunsthistoriker“, sagt Ausbüttel. Im Gegensatz zum Apothekenmuseum in Heidelberg sei ihm in seiner nach eigenen Angaben größten Privatsammlung in Deutschland weniger am echten Apothekerwesen gelegen und weniger an Schmuckflaschen, mit denen die Apotheker ihren Reichtum präsentierten. Obwohl auch Ausbüttel ein Gefäß besitzt, das einst in Napoleons Hausapotheke stand.

Die Gefäße waren anfangs aus durchsichtigem Glas. Ab 1880 färbte man sie ein, um die Arznei haltbarer zu machen. Bei Kräutern nahm man etwa einen Metallverschluss, damit sich ein verirrter Käfer nicht durch den Korken und alle Kräuter fraß. Apropos Käfer: grün-glänzend liegen getrocknete in einem Glas. Die Spanische Fliege galt als Potenzmittel. Wer aber zu viel von dem Viagra-Vorgänger nahm, verlor nicht nur die Lust: „Das war absolut tödlich!“

Ausbüttel öffnet ein Schränkchen und holt eine Flasche Morphium hervor. „Es sind die einzigen Gefäße in der Apotheke, die dreieckig sind.“ Damit der Apotheker gleich spürte, was für einen starken Stoff er in der Hand hielt. Wer sich allerdings selbst als Giftmischer versuchen möchte, kommt im Museum nicht weit, sagt Ausbüttel schmunzelnd: „Das Gift habe ich ausgetauscht. Da ist nur Zucker drin.“

>> DAS LIEBSTE AUSSTELLUNGSSTÜCK

Sie erinnern an eine russische Ma­trjoschka-Puppe: Einem großen Gefäß lässt sich ein kleineres entnehmen, in dem weitere immer kleiner werdende Becher stecken. Jeder der 13 Becher ist ein Hohlmaß. Statt mit einer Waage die Kräuter abzuwiegen, konnte man damit leicht die richtige Menge schöpfen. Und diese besonderen Exemplare wurden um 1700 in Südamerika geschnitzt. Hermann Ausbüttel: „Das gibt es in Deutschland kein zweites Mal.“

Die Gefäße wurden aus dem Heuschreckenbaum gefertigt und mit Blumen- und Blätter-Ornamenten versehen. Dabei waren diese Hohlmaße nicht für Pfefferminze oder Kamille gedacht, sondern für Pfeffer. Auch das Gewürz bekam man früher in der Apotheke.




>> DAS APOTHEKENMUSEUM

Das Museum an der Wißstr. 11 in Dortmund kann nur im Rahmen einer Führung besichtigt werden. Gruppen von bis zu zwölf Personen sind ideal. Eintritt: 8 € pro Person. Tel: 0231/ 840 100 76; www.apotheken-museum.de

Hermann Ausbüttel hat mit anderen Autoren Bücher geschrieben, die im Museum erhältlich sind, etwa zu historischen Arzneien („Animalia“). Dem Titel „Das Apotheken-Museum“ liegt ein Gutschein für eine Führung bei.

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