Geschenkt

Das kleine Wunder an Kasse 3

Ja, unser Geld ist herzlich willkommen. Der Kunde dagegen nervt, wenn er nur eine Sekunde trödelt.

Ja, unser Geld ist herzlich willkommen. Der Kunde dagegen nervt, wenn er nur eine Sekunde trödelt.

Foto: AP

Beim Discounter muss es schnell gehen. Zack, zack, der nächste Wagen. Wieso eigentlich? Und wenn wir Kundinnen einfach mal bockig werden?

Dies ist die Geschichte einer Kapitulation. Seit Jahrzehnten kämpfe ich einsam gegen die Raserei an der Discounter-Kasse. Habe oft darüber geschrieben und viele aufmunternde Briefe von Lesern bekommen. Die sich auch wünschen, ihre Einkäufe eines Tages in Ruhe einzupacken. Vor genau einer Woche habe ich aufgegeben.

Es war ein normaler Freitag. Mein Wagen war so voll, dass einige Lebensmittel seitlich abstürzten. Hinter mir an Kasse 3 stand eine lange, schlecht gelaunte Schlange. Ich gab mir Mühe beim Auspacken, mit den Jahren habe ich dazugelernt, Schweres nach vorn, Zerbrechliches zum Schluss, nicht denken, packen, schneller! In der linken Hand hielt ich meinen Joker. Den Pfandbon spiele ich aus, wenn ich nicht mehr mitkomme. „Oh... das Leergut“, heuchele ich und halte den Betrieb vier kostbare Sekunden auf, in denen ich drei Joghurts vor dem Zerschellen im Wagen retten kann.

Die Kassiererin war ebenfalls seit Jahrzehnten dabei, ein Profi, sah man gleich. Ihre Finger nahmen schon im Voraus die Form der nächsten Ware an, wie Greifer von Fertigungs-Robotern in der Autoindustrie. Brot, Mandarinen, Avocados türmten sich auf der extra kleinen Fläche hinter dem Scanner. Panisch raffte ich Lebensmittel, um Abstürze zu vermeiden. Der Turm wuchs, mein Tempo sank. Der Joker-Pfandbon fiel runter, ich sah ihm entsetzt nach, der Turm wankte, gleich läge ich begraben unter Avocados, Brot und Mandarinen, wie ein gestolperter Jongleur. Ich war dieser alltäglichen Formel-1 nicht mehr gewachsen. Sollte ich die wohl 150. Diskussion anzetteln: Geht das, bitte, langsamer?

Diesmal nicht. Ich bin 54 Jahre alt und habe in den vergangenen 20 Jahren eine Million Einkäufe artig in meinen Wagen geworfen – jetzt war Schluss. Ich holte Luft und formulierte laut: „Nein! Stopp! Ich muss Waren im Wert von 120 Euro bewegen. Das geht nicht in zehn Sekunden. Ich will nicht mehr um Verständnis betteln und gebe hiermit auf. Ich packe in meinem Tempo! Das System hat mich versenkt, jetzt darf es auf das Wrack warten. Ab morgen bestelle ich im Internet.“

Natürlich nickte niemand in der Warteschlange. Schneller!, peitschten mich die Blicke. Da passierte es. Die Kassiererin! Während ich das Allerheiligste, den Warenfluss, blockierte, grinste sie und sagte: „Wissense watt? Ich kann es auch nicht. Wenn ich selbst hier einkaufe, schaff ich das Tempo nie!“ Dann half sie mir beim Einpacken und entschuldigte sich für den Stress.

Sie können ja nichts dafür, sagte ich. Aber sie kann was dagegen, dachte ich. Innehalten! Wie gerade. Eine Lücke im System... Nehme alles zurück, dies ist die Geschichte einer beginnenden Revolution.

Einkauf, Discounter, 120 €

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