Erhohlung

Das Leben an unseren Gewässern macht ruhig und erfinderisch

Camper Karin und Helmut Heinen auf ihrem Boot in Essen-Kettwig.

Camper Karin und Helmut Heinen auf ihrem Boot in Essen-Kettwig.

Foto: Fabian Strauch

Rhein und Ruhr.   Ob Ruhr oder Rhein: Die Menschen zieht es ans Wasser. Die einen suchen Erholung, die anderen genießen ihren ungewöhnlichen Arbeitsplatz.

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Es ist ein so schöner, so fesselnder Anblick, dass man kaum die Augen abwenden kann: Der Mensch will hinausschauen aufs Wasser. Am besten aufs Meer, denn das atmet dank seiner scheinbar unendlichen Tiefe und seiner Weite bis zum Horizont ein Stück Unendlichkeit. Und ist zugleich das spannendste aller Gewässer mit seinem ungestümen Wellengang, mit Gischt, mit dem Anbranden und Zurückfließen der Wellen. Aber auch, wenn gerade kein Meer greifbar ist, zieht es die Menschen ans Wasser, prägt uns das Wasser.

Nicht umsonst heißt es Rheinland und Ruhrgebiet. Die Ruhr allein fließt 219,3 Kilometer von der Quelle bis zur Mündung. Die großen Flüsse stauen sich oder werden gestaut und wachsen zu Seen, an deren Ufer wir uns gern entspannen. Und auch andere Flüsse locken, wie etwa die Lenne im Sauerland. Und je mehr Menschen man fragt, was sie nun ans Wasser zieht, desto weniger erhält man Klarheit.

Der Blick aufs Wasser beruhigt

Klar, der Blick aufs Wasser beruhigt, er hat etwas sehr Ursprüngliches, fast Archaisches. Aber warum ist das so? Liegt es in der Evolution begründet? Etwa daran, dass unsere Vorfahren einst aus dem Wasser an Land gekrochen sind? Liegt es daran, dass sich die Menschen stets dort niederlassen mussten, wo Wasser floss, weil sie ja sonst elendiglich verdurstet wären? Oder etwa daran, dass wir selbst zu drei Vierteln aus Wasser bestehen?

All das ist möglich. Doch nicht einmal Dichter haben Antworten ergründet, aus denen sich tiefere Weisheiten ziehen ließen, W.H. Auden schrieb einst: „Tausende haben ohne Liebe gelebt, aber keiner ohne Wasser.“

Eigentlich sollte ein Mensch, der sein ganzes Leben auf dem Wasser verbracht hat, es uns ein wenig genauer sagen können. Wir fragen Wolfgang Mücke, Kapitän der Weißen Flotte in Mülheim. Es ist Freitagmorgen, gerade hat die „Friedrich Freye“ vom Mülheimer Wasserbahnhof abgelegt zur ersten Tour vorbei an „Dicken am Damm“ Richtung Essen-Kettwig. Das schmucke Ausflugsschiff, ein echter Oldtimer aus dem Jahr 1955, ist auf dem Oberdeck voll besetzt, obwohl die Sommerferien doch schon vorbei sind.

Das Schiffsdeck ist bevölkert

Mücke ist gelernter Binnenschiffer, mit 69 Jahren eigentlich im Ruhestand, und fährt dennoch zwischendurch die Touren über die Ruhr, seit mittlerweile zwölf Jahren, nicht nur im Sommer. Seine erste Erklärung, warum er das Wasser so liebt, ist zumindest nicht auf jeden gültig: „Ich hab das schon von Geburt an, ich bin ja eigentlich Kölner.“ Nun, wir wissen nicht, wie viele andere Kölner heute mit an Bord sind und das Deck bevölkern, aber wir mutmaßen mal: Es ist doch die Minderheit – und trotzdem lieben sie alle das Wasser.

Mücke hat auf den Binnengewässern schon ganz Europa durchreist, war bei der Eröffnung des Rhein-Main-Donau-Kanals dabei, fuhr bis zu den Nordsee-Häfen und runter bis Basel. Und auch den Weg bis zum Baldeneysee genießt er – aber genau sagen, warum, das kann er nicht.

Aber es gibt nicht nur Menschen, die auf dem Wasser arbeiten. Manche leben sogar direkt auf dem Wasser, zumindest für ein paar Wochen im Jahr. Einer von ihnen ist Uwe Steidle, der sich mit seiner Frau Ilona eines von zehn modernen, luxuriösen Hausbooten in Xanten-Vynnen zugelegt hat – auf der Nordsee.

Wohnen auf dem Hausboot

„Eigentlich wollte ich mir in dem Jahr eine Eigentumswohnung kaufen“, erzählt Steidle und lacht. Irgendetwas wird es doch gewesen sein, das ihn aufs Wasser gezogen hat. „Ich bin halt schon immer wasseraffin gewesen. Ich bin auch schon in der Elbe vor der Queen Mary geschwommen. Und bei gutem Wetter würde ich auch in den Rhein springen“, sagt er.

Obwohl er weder Klimaanlage noch W-Lan in seinem Hausboot vermisst, hat das Leben auf so einer schaukelnden Behausung etwas ganz Besonderes und Ursprüngliches: „Man lässt das alltägliche Leben einfach auf dem Steg.“ Die Sonnenaufgänge über dem See möchte er nicht missen. Und: „Es ist das leichte Plätschern, das einen zur Ruhe kommen lässt“, sagt der Weseler. Was nach einem Sommerurlaub vor der Haustüre klingt.

Zurück an Bord der „Friedrich Freye“ auf der Ruhr erkennt man schnell: Die Menschen wohnen gern am Wasser. Viele schmucke Häuser stehen an den Ufern. Und an jenen Stellen, die nicht bebaut sind, sieht man Wohnwagen – darunter die ersten des Bauwagenhotels, das in Mintard und Kettwig rostrote Bauwagen zu schnuckeligen Hotelzimmern umgebaut hat.

Camping direkt am Ufer, das ist auch das Lebensthema von Karl-Joachim Cammerzell, der am Ufer des Kettwiger Stausees vielen Wohnwagen und Zelten ein malerisches Plätzchen bietet. Den Platz gibt es schon seit 1933, Cammerzells Vater hat ihn einst gepachtet. Und er ist ein bisschen ursprünglicher als andere: „Wir betreiben hier einen atomstromfreien Campingplatz“, sagt er und lächelt. Was er meint: Für die Campingwagen gibt es keinen Stromanschluss. Das Nötigste wie warmes Wasser für die Duschen oder Energie für die Kühlschränke in seinem Biergarten, kommt aus der Gasflasche. Und auf vielen Campingwagen finden sich Solarzellen.

Viele Niederländer kommen vorbei

Cammerzell hat viele Stammgäste und, auch wenn man es angesichts des bescheidenen Wetters der letzten Monate nicht glauben will: „Dieser Sommer war einer der besten, die wir je hatten. Wir hatten in drei Monaten weit über 500 Gäste.“ Viele von ihnen Niederländer, wobei die doch an die Nordsee reisen könnten. Aber offensichtlich hat auch der Kettwiger Stausee seine Reize: „Hier habe ich 1950 schwimmen gelernt. Da war das Wasser noch nicht so astrein sauber, wie es jetzt ist. Man kann ja fast wie am Mittelmeer bis zum Grund schauen“, sagt er.

Cammerzell kombiniert Camping mit Erholung auf dem Wasser, dazu gehören auch Kanu- oder Kajak-Fahrten, manche Gäste kommen zum Angeln. Und an den Stegen direkt am Platz liegen viele Boote angetäut.

Eins davon ist die „Soledad“, ein schmuckes, weißes Motorboot, das spaßeshalber die katalanische Fahne auf dem Bug trägt. Sie gehört Karin und Helmut Heinen, die nun schon seit 1997 ihren festen Platz am Kettwiger Ufer haben. Im Sommer ist das Paar aus Mülheim-Saarn immer dann hier, „wenn’s Wetter passt“.

Sie haben es sich häuslich eingerichtet, sogar Hecken als Windschutz gepflanzt. Für sie beginnt die Saison Ende März, kurz vor der offiziellen Eröffnung des Campingplatzes – und endet Anfang Oktober. Insofern hoffen sie noch auf ein paar warme Spätsommertage, um mit ihrem Boot raus auf den See fahren zu können. „Uns hat vor allem die Kombination von Camping und Bootfahren hierher gebracht“, sagt Karin Heinen. Die Soledad ist ein „alter Holländer“, der nun schon seit Jahren seine Kreise auf dem Kettwiger Stausee zieht. Sie hat auch eine Kajüte, so dass man sich zwischendurch durchaus auch auf dem Wasser ausruhen kann.

Am anderen Ufer des Sees blickt man auf eine Reihe von weißen Häuserfassaden: sehr neu, sehr modern. An einer hängt noch das Plakat eines Wohnungsbau-Konzerns. Wohnen am Wasser bedeutet eben ein großes Stück Lebensqualität.

Ruhrpromenade in Mülheim

Augenfällig wird das, wenn man die Bootsrunde mit der „Friedrich Freye“ beendet hat und vom Wasserbahnhof in Mülheim zurückgeht in Richtung Rathaus. Hier hat die Stadt Mülheim Ruhrbania realisiert, ihr gewaltigstes Stadtentwicklungsprojekt am Wasser.

Entlang der Ruhrpromenade finden sich nun Wohnhäuser und Cafés – und das in unmittelbarer Nachbarschaft der City. Früher war das Ruhrufer an dieser Stelle eher ein verwildertes Stiefkind, heute gehört es zu den Vorzeigeecken von Mülheim, inklusive Marina. Im ehemaligen Stadtbad, das nun „Palais am Stadtkai“ genannt wird, gibt es Eigentumswohnungen, am anderen Ruhrufer erblickt man die Stadthalle – nicht billig, hier zu wohnen, aber außergewöhnlich malerisch.

Der Phoenixsee in Dortmund

Bei der Stadtentwicklung gehört die Einbeziehung von Wasser mittlerweile dazu. Das spektakulärste Beispiel im Ruhrgebiet liefert der Dortmunder Phoenixsee. Auf der ehemaligen Hermannshütte in Hörde haben die Stadtwerke gemeinsam mit der Emschergenossenschaft einen künstlichen See erschaffen, an dessen Ufer heute nicht nur moderne Häuser stehen, sondern an dem sich wochenends und bei Sonnenschein auch die Dortmunder und andere Freizeitenthusiasten tummeln.

Helmut Herter kennt diesen See wie kaum ein anderer, er war Projektleiter für den Emscherumbau am Phoenixsee. „Wenn man sieht, wie das alles heute angenommen wird, dann geht einem auch durch den Kopf, was für ein Irrsinnsprojekt das damals war“, sagt Herter. Er war dabei, als der See entstand, von den ersten Baggerarbeiten bis zum Jahre dauernden Einlassen des Wassers. Und auch noch danach.

96 Rebstöcke stehen am Südhang

Heute, nach Abschluss der Arbeiten und im Ruhestand, geht er hier seinem Steckenpferd nach: Wein vom Ufer des Phoenixsees. 96 Rebstöcke stehen am Südhang, in diesem Jahr ist die Lese jedoch wetterbedingt etwas problematisch. „Wenn wir 40 Liter bekommen, dann ist es schon gut.“ Maximal wären 100 Liter des Tropfens erwartbar, aber so viel strebt er gar nicht an, weil er die Weinstöcke nicht bis an die Leistungsgrenze bringen will.

Und wer jetzt stutzt, ob so ein Wein von einem ehemaligen Stahlwerksboden denn wirklich empfehlenswert ist, den kann Herter beruhigen: „Die alte Stahlwerkserde wurde ja damals abgetragen. Wir haben, genau wie für die Anwohner, hier Tip-top-Erdreich bis in zwei Meter Tiefe.“ Der gebürtige Pfälzer hat seit seiner Kindheit eine Liebe zur Traube. Und das Projekt Weinbau ist nicht nur ein Hobby, sonst würde sich die Emschergenossenschaft hier nicht mit einbringen. Es geht auch darum, die Wasserqualität zu demonstrieren und den Klimawandel vor Ort vor Augen zu führen. Und da kommt ein Exot wie der Tropfen vom Phoenixsee gerade recht.

Wenn Herter fertig ist mit seiner Arbeit an den Rebstöcken, setzt er sich gern noch ans Ufer und schaut ein bisschen hinaus auf den See. Natürlich auch mit Stolz auf das, was er hier selbst geleistet hat.

Hat er wohl einmal überlegt, an den Phoenixsee zu ziehen? „Eigentlich nicht, denn ich wohne ja im Essener Süden. Da habe ich doch den Baldeneysee direkt vor der Haustüre.“ Es scheint eben doch so: Ein Leben ohne Wasser kann es nicht geben.

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