Bahnfahren

Das Leben in vollen Zügen genießen: Ein Loblied auf die Bahn

Das Ideal: Eine Familie reist ganz entspannt mit der Bahn. Oft sieht die Realität ein wenig anders aus.

Das Ideal: Eine Familie reist ganz entspannt mit der Bahn. Oft sieht die Realität ein wenig anders aus.

Foto: Getty

Essen.   Bahn fahren könnte so schön sein. Doch Verspätungen, volle Waggons, hohe Preise können die Freude trüben. Dabei ist der Zug ein Ort des Sozialen.

Manche Superlative sind nur im Kontext ihrer Zeit zu verstehen. Als 1830 in England die erste Eisenbahn die Gleise zwischen Manchester und Liverpool mit etwa 30 Stundenkilometern für heutige Maßstäbe runtertuckerte, handelte es sich für die damaligen Passagiere um eine massive Beschleunigungserfahrung. „Vorher wurde Raumüberwindung immer an tierischer Bewegungsenergie gemessen“, erklärt Robin Kellermann, Projektleiter der Cluster Mobilitätsforschung an der Technischen Universität in Berlin. Für die 50 Kilometer Entfernung zwischen den beiden britischen Industriestädten hat man mit Postkutsche und somit Pferdestärke im schnellsten Fall vier Stunden gebraucht; mit der Eisenbahn wurde dies um anderthalb Stunden verkürzt. 1903 steigerte sich das Tempo bereits auf 137 Stundenkilometer und der Schienenzeppelin stellte 1929 mit 230,2 Stundenkilometern einen für 24 Jahre unangefochtenen Geschwindigkeitsweltrekord auf.

Mehr Gäste bei der Deutschen Bahn

Wer heute über das Bahnfahren spricht, spricht nicht mehr unbedingt über Geschwindigkeit. Stehen doch mit (Billig-)Flügen, Autos oder Fernbussen diverse Alternativtransportmittel zur Verfügung, die mal schneller, mal langsamer und bisweilen gleichlang für die Bewältigung der selben Strecke brauchen. Und dennoch verzeichnet das Bahnfahren mehr Fahrgäste. 2018 ist die Zahl der Reisenden laut der Deutschen Bahn zum vierten Mal in Folge auf rund 148 Millionen Fahrgäste gestiegen; das sind 5,7 Millionen oder vier Prozent mehr als 2017.

Das Unbehagen wegquatschen

Zu Anbeginn der Zugfahrt war das Bahnfahren eine eher elitäre Angelegenheit, doch wurden relativ schnell verschiedene Wagenklassen eingeführt. „Im Grunde konnte sich am Ende des 19. Jahrhunderts fast jeder ein Ticket für die vierte Klasse leisten“, so Kellermann. Diese Räume konnten dann aber auch mal fensterlos und ohne Heizung ausfallen.

Dennoch: Der Startschuss für die Demokratisierung des Fernverkehrs war gefallen – und zugleich auch für eine neue Ära der Umgangsformen. Denn mit zuvor fremden Menschen auf längere Zeit auf so engem Raum eingepfercht zu sein, das gab es zuvor kaum. Dem daraus entstehenden Unbehagen spielte noch in die Hände, dass es in den ersten Zügen keine verbindenden Gänge gab und so jedes Abteil am Bahnhof bei Abfahrt vom Schaffner abgeschlossen wurde. Und es im wahrsten Sinne des Wortes kein Entrinnen gab – und in den Abteilen Mord- und Totschlag.

„Am Anfang wurde ohne Ende gequatscht.“

„So ein Abteil war ein Schicksalsort“, erläutert Kellermann. „Man musste sich miteinander arrangieren und hatte tatsächlich eine ganze Spur Angst.“ Dagegen wusste man damals erst einmal nur ein Mittel: „Am Anfang wurde ohne Ende gequatscht, um den anderen abzuchecken und auch, um sich etwas zu beruhigen.“

Doch als dann Züge mit Durchgangskorridoren, sogenannte D-Züge, eingeführt wurden und dadurch mehr Bewegungsfreiheit und auch Fluchtwege entstanden, wich die Aufregung, bis das Zugfahren um die Jahrhundertwende zum Alltag gehörte. Heute kann man bei jedem Ticketkauf wählen: Großraum oder Abteil? Erste oder zweite Klasse? Mit oder ohne Tisch? Oder gar die Ruhezone, in der eigentlich nur geflüstert und nicht telefoniert werden darf? Laut Deutscher Bahn tendieren mittlerweile 80 Prozent der Fahrgäste zum anonymeren Großraum, in dem weder gegrüßt, noch kommuniziert werden muss. Schon Erich Kästner machte sich seinerzeit in „Emil und die Detektive“ darüber so seine Gedanken: „So ein Eisenbahnabteil ist eben doch eine seltsame Einrichtung. Wildfremde Leute sitzen hier auf einem Häufchen und werden miteinander in ein paar Stunden so vertraut, als kennten sie sich seit Jahren. Manchmal ist das ja ganz nett und angebracht. Manchmal aber auch nicht. Denn wer weiß, was es für Menschen sind?“

Räume der verschiedenen Möglichkeiten

Doch ist der Zug nicht nur ein sozialer Ort, sondern auch häufig ein Ort der Selbstvergessenheit. Hier wird gestrickt, dort Netflix geschaut oder gelesen. Telefonats-Gesprächsfetzen zwischen „Ich brauche die Powerpoint-Präsentation morgen“ und „Kannst Du noch Milch einkaufen?“ schwirren durch die Luft. Und immer wieder nickt jemand ein oder springt auf, um zur Toilette oder ins Bahnrestaurant zu laufen. Und spätestens, wenn Rucksacktouristen übermüdet in ihren Reiseführern rumblättern, wird das Fernweh groß. Mit dem Interrailticket mal eben knapp 48 Stunden von Lissabon mit einem Umweg über Brüssel nach Düsseldorf fahren? Was Ende der 1990er-Jahre noch als durchaus verlockende Möglichkeit galt, nimmt heute aufgrund der Billigairlines kaum noch jemand auf sich.

Umgang mit der Fahrzeit ist pragmatischer geworden

Doch während die Zeitersparnis zwischen Lissabon und Recklinghausen augenscheinlich ist, ist es auf anderen Strecken oft Ermessenssache, welches Verkehrsmittel praktischer ist. Ein ICE benötigt derzeit vier Stunden von Essen Hauptbahnhof nach Berlin Hauptbahnhof. Mit einem Billigflieger ist man im Idealfall in knapp drei Stunden angekommen. Und hat derweil diverse Umstiege, Schlangen, Boarding durchgestanden. Während der Bahnfahrer fünf Minuten vor Abfahrt im Zug Platz nimmt und dann die gesamte Fahrzeit zur freien Verfügung hat.

„Der Umgang mit der Fahrzeit heute ist viel pragmatischer geworden“, fügt Kellermann hinzu. Es handele sich beim Bahnfahren eben nicht mehr um tote Zeit. Und dank Wlan kann der Zug komplett zum mobilen Büro umgewandelt werden. Ob letzteres gut oder schlecht für die Seelenhygiene des Reisenden ist, das muss am Ende jeder selbst für sich entscheiden.

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