Erziehung

Dave Grohls Mutter berichtet, wie man Rockstars großzieht

Mutter und Sohl: Dave Grohl hat bis heute ein gutes Verhältnis zu seiner Mutter Virginia.

Foto: Coronet

Mutter und Sohl: Dave Grohl hat bis heute ein gutes Verhältnis zu seiner Mutter Virginia. Foto: Coronet

Essen.   Die Mutter des Foo-Fighters-Chefs Dave Grohl hat für ihr Buch 18 andere Rockstar-Mütter interviewt. Dabei hat sie ein paar Einsichten gewonnen.

Die Arbeit als Rockstar ist eine einsame Angelegenheit: Man ist endlos auf Tour und hat selten die Familie in der Nähe. Und schon gar nicht die Eltern. Denn was wäre für einen Rockstar uncooler, als etwa die Mama am Bühnenrand sitzen zu haben, wenn man selbst gerade die Rampensau heraushängen lässt? Diese Gesetzmäßigkeit gilt nur dann nicht, wenn man Dave Grohl heißt. Wer die Konzerte seiner Foo Fighters besucht oder ihn eventuell schon mit Nirvana erlebt hat, der könnte am Bühnenrand eine ältere Dame auf dem Klappstuhl entdeckt haben, die sich in Ruhe anschaut, was ihr Sohn da treibt.

Die Dame heißt Virginia Hanlon Grohl, ist deutlich über 70 Jahre alt und hat sich gefragt, was denn wohl die anderen Mütter der Rockstars so treiben. Aus der Frage wurde eine Idee: Virginia Hanlon Grohl besuchte 18 Mütter von 18 Rock- und Popstars, sie interviewte sie und erfuhr so nicht nur ihre Lebensgeschichten, sondern gewann eine ganze Reihe von Einsichten darüber, worin sich diese Mütter ähneln – und was sie vielleicht anders gemacht haben als andere Mütter. Das Buch heißt „From Cradle To Stage“ (Coronet, 240 S., 13,99 €, englisch), also in etwa: von der Wiege auf die Bühne.

Die Entdeckung des ersten Akkords

Eine Gemeinsamkeit eint die porträtierten Mütter und Virginia Hanlon Grohl muss sie für sich selbst nicht ausdrücklich formulieren, weil es aus den Erzählungen über die Kindheit von Dave deutlich wird: Alle Mütter sind starke Persönlichkeiten, die bereit sind, die kreativen Adern ihrer Kinder auf jede ihnen mögliche Art zu fördern. So schreibt Dave Grohl selbst im Vorwort über die endlosen Urlaubsfahrten seiner Kindheit. In einem Ford Maverick sangen sie laut zu Liedern aus dem Autoradio. Bei „You’re So Vain“ von Carly Simon hatte er dann ein Erweckungserlebnis: Als Mick Jaggers Hintergrundgesang einsetzte, folgten Virginia und Dave plötzlich den unterschiedlichen Stimmen – und sangen so Daves ersten Akkord. Was bewirkte, dass der Sechsjährige nun von Akkorden besessen war.

Aber auch in Familien mit wenig Musikbezug förderten die Mütter die Kreativität und das Selbstbewusstsein, so etwa in der Army-Familie, in der Michael Stipe aufwuchs und die stets von Ort zu Ort ziehen musste – vermutlich eine gute Vorbereitung auf das spätere Tourleben.

Wenn das Kind die Schule abbrechen will

Zu den Erfahrungen eines Rockmutter-Lebens gehört oft das, was Hanlon Grohl „die Konversation“ nennt: Jenes Gespräch, das die Kinder mit ihren Eltern führen, wenn sie die Schule abbrechen wollen. Michael Stipe sagt über seine Eltern: „Sie waren beinahe buddhistisch mit ihrer Reaktion. Sie sagten: ,Verfolge deinen Traum; schau, wo er dich hinführt. Wenn du wieder zurück zur Schule gehen willst, dann kannst Du immer noch zurück zur Schule.“ Auch Virginia reagierte ähnlich, als Dave ihr eröffnete, mit seiner damaligen Band Scream auf Europatour statt zur Schule gehen zu wollen.

Hier liegt ein Schwachpunkt in Rockmuttis Erzählungen: Hanlon Grohl geht darüber hinweg, dass eine solche Entscheidung meist nicht zu einer strahlenden Karriere führt. Aber sie hat ja auch nur die Fälle von Rockstars vor Augen, die Schulabbrecher waren – und eben nicht die Schulabbrecher, die mal Rockstars werden wollten und scheiterten. Und es gibt auch gebildete Rockstars: Tom Morello von Rage Against The Machine hat in Harvard seinen Bachelor gemacht, freut sich seine Mutter Mary.

Sozialer Hintergrund ist nicht entscheidend

Der soziale Hintergrund ist für den Musikerfolg nicht immer ausschlaggebend. So wuchs Mike D von den Beastie Boys als Sohn der intellektuellen Kunstsammlerin Hester Diamond auf. Hingegen wurde Andre Young alias Dr. Dre groß als Sohn der meist alleinerziehenden Mehrfachmutter Verna Griffin, die ihre Kinder im von Gangkämpfen erschütterten Compton aufwachsen ließ. Ein Bruder von Dre starb dabei.

Dass das Rockstar-Leben nicht immer in guten Bahnen verläuft, weiß auch Hanlon Grohl. Sie hat ja das Ende von Nirvana aus der Nähe selbst erlebt. Sie hat versucht, Wendy Cobain O’Connor für ihr Buch zu gewinnen. Doch die Mutter von Kurt Cobain, der sich 1994 erschoss, wollte sich nicht interviewen lassen.

Das Leben mit der widerspenstigen Amy Winehouse

Erstaunlich positiv hingegen geht Janis Winehouse, Mutter der 2011 am Alkohol zugrunde gegangenen Soulsängerin Amy Winehouse, mit dem Verlust um. Janis Winehouse selbst hat Multiple Sklerose – und ihre Tochter war ein schwieriges Kind, weil Amy in allen Belangen widerspenstig und eigensinnig war. Und sich natürlich auch den Vorschlägen verweigerte, eine Entziehungskur zu machen, was ja in den Welthit „Rehab“ mündete – und in bekanntem Ausgang. Doch auch Janis Winehouse ist eine starke Mutter, die sich in ihrer Trauer den Optimismus nicht hat nehmen lassen. Ihre Botschaft ist kurz, simpel und deutlich: „Das alles nennt sich Leben. Und es ist kurz. Lebt es!“

>>>Erziehungstipps aus der Rockmütter-Erfahrung

Aus ihren Begegnungen mit den Müttern von Rockstars hat Virginia Hanlon Grohl ein paar Faustregeln herausdestilliert, die im Umgang mit begabten Kindern helfen können und sie unter Umständen zu kreativeren Menschen machen können.

1. Überschwängliche Energie sollte in Bahnen geleitet werden. Viele erfolgreiche Musiker galten in der Schule als Musterbeispiele für Interesse­losigkeit und Konzentrationsmangel – außer, wenn es um jene Dinge ging, die sie wirklich interessierten. Pharrell Williams galt als nervöses Kind, das auf allem herumtrommeln musste. Deshalb bekam er eine Trommel geschenkt, die sein Interesse an Musik beförderte. Rocker Dave Matthews war unkonzentriert, bis sich seine Mutter mit ihm hinsetzte und malte. So wurden aus vermeintlichen Schwächen kreative Stärken.

2. Vertrauen ist grundlegend. Wer darüber nachdenkt, seinem Kind die Freiheiten einzuräumen, die es für eine freie Entwicklung braucht, sollte eine Atmosphäre des unbedingten gegenseitigen Vertrauens aufbauen. Das Kind sollte alles erzählen können, ohne dafür Sanktionen befürchten zu müssen. Dave Grohls Mutter erlaubte ihrem Sohn, mit anderen Musikern in nicht ganz sicheren Gegenden der Stadt zu üben, solange er sich bei jedem Ortswechsel bei ihr meldete.

3. Im Gespräch bleiben. Man sollte mit seinem Kind übers ganz normale Leben, über Pläne, Träume, Wünsche sprechen können – und Ansichten des Kindes möglichst ernst nehmen. Der regelmäßige, im Idealfall tägliche Austausch ist dabei wichtig. Dazu empfiehlt die Rock-Mutter noch immer das gute, alte Gespräch von Auge zu Auge statt gut gemeinter Textnachrichten.

4. Erweitere seinen Horizont. Im Fall eines musikalisch interessierten Kindes ist es gut, ihm die ganze Bandbreite der Geschmäcker zu eröffnen, von Pop bis zur Klassik, vom Jazz bis zum Metal. Das Kind muss dabei seine eigene Wahl treffen, die vielleicht nicht mit dem Geschmack der Eltern übereinstimmt, aber sicherlich dafür sorgt, dass es die Dinge findet, die es glücklich machen.

Virginia Hanlon Grohl schreibt abschließend noch: „Nichts davon garantiert, dass man ein Kind erzieht, das zum Rockstar wird. Aber es wird das Kind zu einem erfüllteren Leben bringen.“

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