Kino & Stadtgeschichte

„Der dritte Mann“: Ein Wiener Film und sein wahres Zuhause

| Lesedauer: 8 Minuten
Orson Welles spielt in „Der dritte Mann“ die Rolle des Harry Lime. Im „3rd Man Museum“ in Wien wird der Schauspiel-Titan mit einem eigenen Raum geehrt.

Orson Welles spielt in „Der dritte Mann“ die Rolle des Harry Lime. Im „3rd Man Museum“ in Wien wird der Schauspiel-Titan mit einem eigenen Raum geehrt.

Foto: United Archives / kpa Publicity / Picture Alliance

Wien.  In Wien lässt sich perfekt auf den Spuren des Filmklassikers „Der dritte Mann“ wandeln. Auch das „3rd Man Museum“ verneigt sich vor Orson Welles.

Es gibt in den nahenden Sommerferien mindestens 1000 gute Gründe, um mal wieder nach Wien zu reisen. Zu den besten gehört – ganz gewiss nicht nur für Cineasten – der Besuch des „3rd Man Museums“. Dieses beherbergt rund 3000 von insgesamt 22.000 Gegenständen, die sich alle um den Filmklassiker „Der dritte Mann“ drehen. Zusammengetragen hat sie Museumsgründer Gerhard Strassgschwandtner seit Mitte der 90er Jahre. Es ist mit deutlichem Abstand die weltweit größte Sammlung zu diesem Thema. Und sie wächst beständig weiter.

Sein Museum betreibt der Fremdenführer quasi nebenher

„Den Film habe ich als Schüler zum ersten Mal gesehen – und ich fand ihn damals gar nicht so fesselnd“, erzählt Strassgschwandtner mit einem Schmunzeln. Der 59-Jährige ist in seinem beruflichen Alltag als Fremdenführer in der österreichischen Hauptstadt unterwegs. Sein Museum betreibt er als Herzblutprojekt praktisch nebenher. Daher ist der einzige ständige Öffnungstag der Samstag. Besichtigungstermine können nach vorheriger Absprache aber jederzeit vereinbart werden.

Das Museum ist ein Zwei-Personen-Projekt: Strassgschwandtners Ehefrau Karin Höfler hat sich nach anfänglicher Skepsis mit Haut und Haaren in die Sache hineingestürzt: Die 53-Jährige entwarf das gesamte Design für das Haus und gestaltete den Internetauftritt. Ihr unfreiwillig erworbener, aber nun offizieller Titel lautet: Museumsdirektorin.

Das „3rd Man Museum“ in Wien kommt ohne Subventionen und Sponsoren aus

„Als mir mein Mann von seiner Ausstellungsidee erzählte, war meine erste Reaktion ehrliches und blankes Entsetzen“, erzählt Höfler und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: „Andere Ehemänner organisieren für ihre Frauen Wochenendausflüge und Städtereisen – meiner wollte mit mir lieber jeden Samstag im eigenen Museum arbeiten.“

Wichtig ist es beiden zu betonen, dass sie ohne städtische oder staatliche Subventionen auskommen, zudem auf die Unterstützung von Sponsoren verzichten. „Wir wollten die absolute Unabhängigkeit behalten. Niemand sollte uns bei der Planung, Umsetzung und Gestaltung der Ausstellung hereinreden können“, begründet Strassgschwandtner den ebenso mutigen wie ungewöhnlichen Schritt. Statt Förderungen zu beantragen, stemmen beide viel lieber die große Herausforderung „mit 100 Prozent Idealismus“.

Und was war nun die Motivation zu diesem riskanten Manöver? „Mit unserer Sammlung und dem Museum wollten wir eine Tür in die Wiener Nachkriegszeit aufstoßen, in der der Film ja spielt. Und das alles sollte für die Öffentlichkeit zugänglich sein“, erklären beide.

Die Keimzelle seiner Sammlung hat er in New York aufgestöbert

Die große Bedeutung von „Der dritte Mann“ für die Stadt Wien hatte Strassgschwandtner in seiner Rolle als Fremdenführer schnell erkannt. Immer wieder sprachen ihn ausländische Touristen auf diesen Klassiker der Kinogeschichte an. Und so begann er nicht nur damit, sich alles Wissenswerte zum Film bis ins kleinste Detail anzueignen, sondern auch, sämtliche Requisiten und Gegenstände, die er in die Finger bekam, zu sammeln.

Die eigentliche Initialzündung erfolgte aber bei einer Reise nach New York: Dort besuchte das Paar eine Freundin. „Sie hat uns in Brooklyn einen Laden gezeigt, der vollgestopft mit Filmdevotionalien aller Art war“, erzählt das Duo. Auf die Frage, ob er auch etwas zum britschen Film „The Third Man“ besäße, antwortete der Ladenbesitzer, dass das Paar bitte später noch mal zurückkommen solle. „Und als wir wieder auftauchten, lagen da drei Original-Kinoplakate aus den 50er Jahren – eines aus Argentinien, zwei aus den USA“, erzählt der Museumsgründer. „Sie sind die Keimzelle meiner Sammlung.“ Kein Wunder, dass für dieses Trio ein besonders prominenter Platz in der Ausstellung reserviert ist.

Das Museum liegt in der Nähe des berühmten Wiener Naschmarkts

Diese verteilt sich mittlerweile auf drei Häuser, die allesamt nebeneinander in der Pressgasse im vierten Wiener Bezirk liegen. Nach der offiziellen Eröffnung des Hauses am 15. September 2005, bei der auch die Tochter des 1991 verstorbenen „Dritten Mann“-Drehbuchautoren Graham Greene anwesend war, benötigte der ständig weiter wachsende Bestand an Exponaten immer mehr an Raum und Platz.

Unter den rund 22.000 Sammlerstücken befinden sich allein über 2000 Filmplakate. Hinzu kommen 500 Filmprogramme sowie unfassbare Mengen an Büchern, Flyern, Pressemappen und Aushangfotos, mit denen die Kinos früher in ihren Schaufenstern für Filme warben.

Beim Museumsrundgang wir ein zweiminütiger Filmausschnitt gezeigt

„Ich habe zudem rund 100 verschiedene Versionen des Films auf Videokassetten und mindestens noch einmal so viele auf DVD“, erzählt der Sammler. Und natürlich nennt er auch Filmkopien sein Eigen – manche im 8-, andere im 16- und eine einzelne sogar im 35-Millimeter-Format.

Nach einer Klärung mit dem Rechteinhaber darf das Duo sogar einen zweiminütigen Ausschnitt des Films im Museum zeigen. Dafür nehmen die Besucher auf einem der schwarzen Klappkinostühle Platz. Eine Leinwand wird per Handkurbel von der Decke heruntergedreht. Und schon diese kurze Sequenz reicht aus, um auch Nicht-Kennern die ungebrochene Faszination des Films sofort anschaulich zu machen.

Das Drehbuch des Schauspielers Trevor Howard erworben

Inzwischen hat sich weltweit herumgesprochen, dass dort mitten in Wien das Mekka für alle „Dritter Mann“-Fans liegt. Und so bekommen die beiden Macher bis heute weitere Raritäten angeboten.

So war das auch 2013: Da meldete sich der Bruder des britischen Schauspielers Martin Lev. Dieser war der Ziehsohn von Trevor Howard, der ihm kurz vor seinem Tod im Jahr 1988 seinen gesamten Nachlass geschenkt hatte. Darunter war auch ein Drehbuch von „Der dritte Mann“, in dem Howard eine der Hauptrollen spielte.

Ein besonders wertvolles Drehbuch aus dem Nachlass von Trevor Howard

Sein persönliches Exemplar hatte Trevor Howard mit zahlreichen handschriftlichen Bemerkungen am Rand bestückt. „Und gerade deshalb war es für uns von besonderem Wert“, sagt Strassgschwandtner. So kaufte er dem Bruder von Lev besagtes Unikat ab. Der überließ ihm daraufhin kostenlos zahlreiche Fotos, Briefe und Zeitungsausschnitte über „Der dritte Mann“, die ebenfalls zum Nachlass von Howard gehörten.

Solche Raritäten sind es, die auf zahlreiche Fans des Films eine geradezu magische Anziehungskraft ausüben. „Wir haben gleich mehrere Stammgäste, die mindestens einmal im Jahr nach Wien kommen, nur um unser Museum zu besuchen“, erzählt Karin Höfler.

Auch die Original-Zither von Anton Karas wartet im „3rd Man Museum“

Diese Enthusiasten können dort etwa auch die Original-Zither bewundern, auf der Anton Karas die weltbekannte „Dritter Mann“-Melodie komponiert und eingespielt hatte. Der Musiker war dank des großen Erfolgs des Films über Nacht nicht nur weltberühmt, sondern auch reich geworden. Von den sprudelnden Tantiemen aus den Plattenverkäufen kaufte sich Karas eine Weinschenke. Diese dekorierte er mit zahlreichen Fotos, Instrumenten, Schallplatten, Noten und weiteren Erinnerungsstücken aus „Der dritte Mann“. Und auch dieser „Schatz“ wanderte mit Glück aus einer Gartenlaube ins Museum.

Im Jahr 2013 folgte dann die bislang letzte Vergrößerung um einen weiteren Ausstellungsteil. Dieser hat zumindest indirekt mit dem Film zu tun und heißt „Wien in der Nachkriegszeit“ – also jener Phase, in der auch der Film spielt. Diesen Part haben die beiden Macher in einem Kellergewölbe angelegt. Insgesamt umfasst die Ausstellungsfläche damit nun 380 Quadratmeter in drei Häusern und 16 Räumen.

Ein Schicksal teilen Karin Höfler und Gerhard Strassgschwandtner mit nahezu allen Raritäten-Jägern auf diesem Planeten: Ihre Sammlung wird wohl niemals komplett sein. „Nicht schlimm“, sagt der Inhaber und lächelt. „Wichtig ist nur, dass die Leute wissen, dass es irgendwo einen Verrückten gibt, der alles zu diesem Film sammelt. Und dieser Verrückte bin ich.“

Alle Termine und Infos zum Museum: www.3mpc.net.

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