Typisch deutsch

Deutscher Durchschnitt: Mit den Mustermanns im Mustermarkt

NRW Erika Mustermann

NRW Erika Mustermann

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Essen.   Was ist normal, was ist Durchschnitt und was nur Mittelmaß? Wir haben uns auf die Spur von Lieschen Müller und Otto Normalverbraucher gemacht.

Das Bundesgesetzblatt ist nicht gerade bekannt für eine opulente Bebilderung des darin enthaltenen Behördendeutschs. Als bislang einzige Personen wurden in dem Verkündungsblatt allerdings einige Mitarbeiterinnen der Bundesdruckerei abgebildet. Der Grund: Die Frauen doubelten Erika Mustermann, die ikonische Blondine, die seit 1982 die Beispielmuster von Ausweisen und Dokumenten ziert. Erika und ihr möglicher Ex-Mann Max (dazu später mehr) dürften somit ganz offiziell als Inbegriff des Durchschnittsdeutschen gelten.

Wie Lieschen Müller

Und der hat eine lange Tradition. Die frühesten Jedermänner in der deutschen Geschichte waren wohl Hinz und Kunz. Bereits im Spätmittelalter kam diese Kurzform von Heinrich und Konrad auf und nahm Bezug auf häufige Herrschernamen der Zeit. In der Renaissance gesellte sich dann der deutsche Michel hinzu, spätestens Anfang des 20. Jahrhunderts auch das Lieschen Müller. Und auf die 1948 im Kino gezeigte Nachkriegssatire „Berliner Ballade“ geht die von der Marktforschung aufgegriffene Bezeichnung Otto Normalverbraucher für einen Durchschnittsmann zurück, im Film verkörpert durch Gert Fröbe. In den ­1970ern versuchte die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) ihren Normalverbraucher durch Markus Möglich, einen weniger berechenbaren Konsumententypus, zu ersetzen. Ins kollektive Bewusstsein hat er es allerdings bis heute nicht geschafft.

Die mustergültige Erika

Ganz anders unsere Erika Mustermann, die sich bei genauerer Betrachtung als durchaus geheimnisvolle Persönlichkeit präsentiert. So wurde bei ihrem Debüt noch 1945 als Geburtsjahr angegeben, doch ab 1997 war es 1957, aktuell wurde sie erst 1964 geboren. Ihre Wandelbarkeit zeigte Erika auch andernorts: Ursprünglich kam sie in München zur Welt, hatte blaue Augen und war 1,76 Meter groß. Heute misst sie nur noch 1,60 Meter und wurde mit grünen Augen in Berlin geboren.

Anlass zu Spekulationen gibt darüber hinaus die vermutete Ehe mit Max. Erikas Geburtsname lautet Gabler. Der Verdacht, dass sie ihren Nachnamen durch eine Heirat mit Max erhalten hat, liegt also nahe. Im behördlichen Kontext ist der Gatte aber lediglich auf einer Muster-EG-Fahrerkarte aus dem Jahr 2006 vertreten – und daher öffentlich deutlich weniger präsent als seine Frau. Beziehungsweise Ex-Frau. Denn nach Angaben von 2010 ist Erika unverheiratet, trägt aber noch den Nachnamen Mustermann, und hat nach Angaben von 2007 einen in Köln geborenen, vierjährigen Sohn, Leon Mustermann. Und das ist längst nicht alles: Zwischendurch war in ihrem Ausweis der Ordensname „Schwester Agnes“ vermerkt. Daneben war Erika auch als Soldatin im Verteidigungsministerium tätig, floh aus Syrien nach Deutschland. Wer alle sein will, muss flexibel bleiben.

Perfektes Mittelmaß

Schaut man sich die aktuellen Durchschnittswerte des Statistischen Bundesamts an, dann wurde die Ehe von Erika und Max geschlossen, als Erika 31,7 Jahre und Max 34,2 Jahre alt war. Nach 15 Ehejahren erfolgte die Scheidung. Die neue Freiheit können die Musterleute unterschiedlich lang genießen: Statistisch wird Erika 81,83 Jahre alt, Max hingegen nur 75,68 Jahre. Laut der letzten Zeitverwendungserhebung des Bundesamts aus dem Jahr 2012/13 würden die Durchschnittspersonen täglich rund 23 Minuten mit ihrem Computer und Smartphone verbringen – mehr als doppelt so lang wie 2001/02.

Für die nächste Erhebung zur Zeitverwendung, die etwa alle zehn Jahre stattfindet, ist ein weiterer Anstieg zu erwarten. Die Daten werden durch eine schriftliche Befragung mit freiwilliger Auskunftserteilung ermittelt. „Alle Personen ab zehn Jahren füllen zudem einen Personenfragebogen aus und dokumentieren an insgesamt drei Tagen – zwei Tage zwischen Montag und Freitag sowie ein Tag am Wochenende – ihren Tagesablauf in Zehn-Minuten-Intervallen,“ erklärt Anja Hardel vom Statistischen Bundesamt. Mit dieser Methode werden rund 5000 Haushalte befragt.

Mustermarkt in der Pfalz

Dass wiederum Erika Mustermann ihren Haushalt bislang in München, Köln beziehungsweise Berlin führte, ist indes ein wenig verwunderlich. Schließlich gibt es in Deutschland seit über drei Jahrzehnten einen viel naheliegenderen Wohnort: die rheinland-pfälzische Gemeinde Haßloch nämlich, staatlich anerkannter Fremdenverkehrsort zwischen Neustadt an der Weinstraße und Speyer mit eigener Anbindung an die A65.

Die rund 20.000 Haßlocher und Haßlocherinnen weisen nämlich eine Bevölkerungsstruktur auf, die ziemlich exakt dem bundesdeutschen Durchschnitt entspricht. Deswegen nutzt die Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) den Ort seit 1985 als Testmarkt für neue Produkte. In der Praxis stellt die GfK nirgendwo sonst erhältliche Artikel in die Supermarktregale, speist die zugehörigen Werbespots ins örtliche Kabelnetz und verteilt Zeitschriften mit fingierten Anzeigen. Mittels einer Strichcodekarte wird dann das Kaufverhalten von rund 3500 Haushalten ausgewertet. Erst wenn die Zahlen aus Haßloch überzeugen, wandern die Produkte deutschlandweit in den Handel. Bekannte Marken wie die Pringles-Chips haben ihre pfälzische Feuertaufe überstanden.

Aufgewachsen in Haßloch

Silke Müller, Jahrgang 1983, wuchs bis zu ihrem 19. Lebensjahr in Haßloch auf. „Als Kind fiel mir der kleine Kasten an unserem Fernsehgerät auf, der jeweils gegen Mitternacht brummte und Daten an die GfK übermittelte“, erklärt sie. „Wirklich verstanden hab ich aber erst mal nicht, was es mit dem Testmarkt auf sich hat.“ Obwohl ihre Mutter zeitweise in der Werbeeinspeisung der GfK jobbte, hatte Müller nie bestimmte Produkte im Verdacht, ein Teil der Marktforschung zu sein. „Die Testartikel gehen im Sortiment unter. Erst nach meinem Wegzug aus Haßloch fielen mir bei Besuchen mögliche Tests auf, darunter viele von Ferrero.“ In ihrer Jugend habe sie es durchaus „interessant“ gefunden, neue Produkte vorab kennenzulernen. Eins weist Silke Müller aber von sich: „Nur weil ich in Haßloch aufgewachsen bin, empfinde ich mich nicht als besonders durchschnittlich.“

Ist Haßloch bei genauerem Hinsehen also doch nicht der ideale Wohnort für die Mustermanns? Dann eben Quakenbrück! In dem Städtchen rund 50 Kilometer nördlich von Osnabrück leben schließlich die meisten der etwa 100 realen Menschen mit dem mustergültigen Nachnamen. Und im März 2003 tauften zwei Eltern dort ihren Sohn tatsächlich auf den Namen Max Mustermann – angeblich ohne vom berühmten Namensvetter gewusst zu haben. Mutter Jessica nahm’s damals mit Humor: „Um Führerschein, Kreditkarte und Personalausweis braucht Max sich nie Sorgen zu machen“, sagte sie, „die Sachen hat er ja jetzt schon.“

>>>Max Mustermann im internationalen Vergleich

Großbritannien: Fred Bloggs, Joe & Jane Public, John Smith.

Schweiz: Herr und Frau Schweizer, Hans Meier.

Russland: Ivanov, Petrov und Sidorov, Vasya Pupkin.

USA: John Doe, Joe & Sally Sixpack, Average Joe.

Spanien: Pepe Pérez, Perico de los Palotes, Perengano.

Belgien: Jan Janssen, Piet Pietersen, Jos Joskens.

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