Kolumne: Geschenkt

Die Mafia im Mutterboden: Sag mir, wo die Geranien sind...

 

 

Foto: Funkemedien

Dominosteine im Supermarkt waren harmlos: Im Gewächshaus lauern schon die Christsterne. Grill wegpacken, im Garten herrscht ab sofort Advent!

Alles klar. Kürbisse kaufen. Und Listen anlegen für Weihnachtsgeschenke. Der Sommer ist gelaufen. Haben die Pflanzengroßhändler beschlossen. Als ich bei 27 Grad die Pötte auf meiner Terrasse auffrischen wollte, blühte mir eine böse Erkenntnis: Blumen sind auch nur noch kleine bunte Mastviecher.

Wie naiv... Da saß ich also im August im Garten und trauerte um die Hitzetoten in meinen Terrakottatöpfen. Nicht alle Blumen sind den Klimawandel-Sommern gewachsen. Andere werden immer zäher. Diese schlaffen Petunien blühen wie blöd... bis im Dezember die Lichterketten die Deko übernehmen. So fleißig ist das beste Lieschen nicht. Kann bitte irgendwer die Gentechnik-Mafia in Floristik-Gewächshäusern unter die Lupe nehmen? Nur weil wir keine Blumen essen, darf ja da nicht alles erlaubt sein. Und irgendwo in diesem Doping-Dünger-Sumpf müsste doch noch etwas Buntes überleben...

Blumen sind poetischer als Schnitzel

Die Dame im Pflanzencenter sah mich an, als hätte ich nach „altem Kompost, ordentlich mit Maden durchzogen“ gefragt. „Sommerblumen?“, wiederholte sie: „Jetzt? Hier?“ Ja, wann denn sonst? Im Dezember? Bei bofrost? Die Verkäuferin erklärte mir, dass ich „saisonal total daneben“ lag. Sie zeigte auf das riesige Gewächshaus, in dem es wild knospte: Christsterne! Ich war deplatziert wie alle Jahre wieder im Kaufhaus. Wo ich sturheil im Sommer nach Sommerkleidung suche. Und bei 36 Grad nur die neuen Schurwolle-Herbstjacken in Aubergine vorfinde. Die kluge Frau plant ihre August-Garderobe im Februar. So hätten es die Händler gerne.

Logisch, dass Blumen bloß noch eine Form von Wirtschafts-Wachstum sind. Moderne Gartencenter kopieren die Massen-Viehhaltung. Tausende Pflanzen stehen dicht gedrängt, gemästet mit Turbo-Dünger. Zack, zack, nicht trödeln bei der Photosynthese, Ostern, Muttertag, Pfingsten... raus mit den Geranien, die Blumenerde muss Nachwuchs für die zweite Hochsaison gebären: Advent! Wieso empört man sich hier besonders über die kapitalistischen Wurzeln unserer Zivilisation? Vielleicht weil Blumen poetischer sind als Schnitzel, man möchte so gern glauben, dass in Gärtnereien das Gute keimt...

Zwischen Halloween-Masken und Erntedank-Kitsch

Nein. Kürbisse. Die nächste Großgärtnerei erstrahlte in Orangegelbgrün, überall kullerten lustig diese warzigen Modefrüchtchen. Dahinter hektarweise Heidekraut. Zwischen Halloween-Masken und Erntedank-Kitsch fand ich mich damit ab, dass der Markt die Jahreszeiten regelt und deutscher Sommer im Mai endet. Plötzlich entdeckte ich etwas Lilagelbes: Ein Gewächshaus voller Stiefmütterchen! Danke! Das System hat sich selbst überholt. Begeistert kaufte ich zehn Pötte, meine Terrasse ist wie neu. Ich sitze selig in der Sonne und genieße den Frühling 2020.

Stiefmütterchen, Gartencenter, 2 €

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