Sterbe-Begleitung

Dieser Kurs lehrt nicht die Erste, sondern die Letzte Hilfe

Liebevolle Zuwendung kann den Abschied ein wenig leichter machen.

Liebevolle Zuwendung kann den Abschied ein wenig leichter machen.

Foto: Getty Images

Essen.   Der Tod kommt zu jedem, aber im Letzte-Hilfe-Kurs lernen Angehörige, wie sie Sterbenden beistehen – und was sie tun sollten oder besser lassen.

Die Menschen, verschieden, wie sie sind, reden über alles: über ihr Auto, ihre Krankheiten und ihre aktuelle Diät – nur über das einzige, das sie alle verbindet, reden sie nicht. „Wir sterben alle.“

Das sitzt.

Banal, was Jutta Förster da gerade gesagt hat, aber natürlich ziemlich wahr. Über den Tod spricht man nicht? An diesem Tag in Essen schon. Stundenlang reden sie hier über das Sterben, es ist ein Kurs in Letzter Hilfe, nicht in Erster. Es geht nicht mehr um Rettung, es geht um Begleitung: darum, was die Überlebenden tun können für einen, der schon bald nicht mehr bei ihnen sein wird. Darum, was sie sagen können und was sie besser lassen. Sie lernen hier, ja: fürs Leben.

Dass sie die Sonne ausgesperrt haben für dieses Seminar, hat bloß technische Gründe, aber so sieht man die Tränen nicht. Manchmal kann man sie hören, bei der Frau, die um ihre Mutter trauert, bei einer anderen, deren Schwiegermutter noch Infusionen bekam, als kaum noch Leben in ihr war und schon gar kein Wille. 25 Teilnehmer sind gekommen, sieben Männer unter ihnen, wie Heinz-Werner Proske, der sagt: „Ich brauche Handwerkszeug. Ich will wissen, was ich machen muss.“

„Meine Eltern werden älter, wir reden oft über Abschied“

Obwohl er erstmal schluckte, als er das hörte: „Letzte Hilfe“. Auch Maren Oesterle ist da, die sagt: „Meine Eltern werden älter, wir reden oft über Abschied.“ Die 44-Jährige ahnt, sie kann da gar nicht mit umgehen, „ich muss mich dringend auseinandersetzen.“ Oder Peter Nüßler, der vor wenigen Monaten seinen Vater verloren hat. „Alles, was da kam, war neu für uns. Wir waren null darauf vorbereitet.“

Das wollen sie heute ändern beim Ambulanten Palliativen Hospizdienst aus Essen-Steele. Sie werden das ändern: Jutta Förster und Martina Grün sind beide Krankenschwestern, die noch erlebt haben, wie man in den 80er-Jahren starb. „Sie wurden in ein Badezimmer abgeschoben, wo die Pfleger sich auch umziehen mussten.“ Bis heute sterben 80 Prozent der Menschen im Krankenhaus (dabei wollen genauso viele das lieber zuhause). Begleitet von den eigenen Geräuschen, denn, weiß Jutta Förster: „Das Gehör ist das letzte, was geht.“

Schlechte Nachrichten gehören nicht in rosa Papier

Es ist wichtig, das zu wissen. Der Kranke, der Sterbende hört noch, was die Leute an seinem Bett reden. Gut, wenn es liebe Worte sind, schlecht, wenn sie streiten, genervt vom „Füttern“ reden oder gar von „Pampers“. Gut zu wissen auch, wie es ist, wenn das Leben weicht. Dass die Menschen sich weniger bewegen, erklärt Jutta Förster, dass sie weniger Bedürfnis nach Gesellschaft haben und deshalb womöglich die Familie zurückweisen, dass sie unruhig werden, verwirrt vielleicht. Eine liebevoll gemeinte Berührung können sie manchmal nicht mehr ertragen, Gerüche nicht, und der Atem rasselt. „Das hört sich gruselig an“, gibt die 53-Jährige zu, aber „ich packe schlechte Nachrichten nie in rosa Papier“. Das macht sie bei den Sterbenden auch nicht. Und den Lebenden kann die Wahrheit helfen: „Es ist entspannend zu wissen, was passiert und warum.“

Schicke Frisur für eine Begegnung nach dem Tod

Förster arbeitet seit vielen Jahren im Hospiz, sie kann Geschichten erzählen, die zum Lachen bringen trotz des ernsten Themas. Von der alten Dame, die sich die Haare machen ließ, weil sie ihrem schon verstorbenen Mann „schön“ gegenüber treten wollte – und von der Tochter, die das

tröstlich fand. Von dem Mann, der noch in der letzten Lebensphase Schmerzmittel ablehnte, um ja nicht süchtig zu werden. Von einem anderen, der sich wünschte, noch einmal „bedudelt“ zu sein: Sie gaben ihm Schnaps über seine Sonde. Von jenem, der Currywurst liebte, aber nicht mehr schlucken konnte: Sie ließen ihn lutschen und ausspucken. „Was hat er das genossen!“

Es sind Momente der Entspannung in diesem Raum, in dem die Menschen sehr gerade sitzen, manche schreiben mit, weil sie nichts verpassen wollen und nichts vergessen. „Ich müsste noch ein paarmal kommen“, sagt Uta Beer, die als Arzthelferin mit ihrem Chef oft Hausbesuche macht, häufig unsicher war und vielleicht gar „zu aktiv“: Zum Essen und Trinken zum Beispiel, erklärt Jutta Förster, sollte man Sterbende nicht mehr nötigen. „Wir leben nicht länger, wenn wir zu Hühnersuppe gezwungen werden.“ Oder, schlimmer noch, zu Astronautenkost...

Kein Recht, schwache Sterbende zu mobilisieren

Überhaupt könne man sehen, was der Mensch an seinem Lebensende gern hätte, selbst wenn er es nicht mehr sagen kann: „Sie sprechen mit dem Gesicht.“ Eine Stirnfalte zum Beispiel mache deutlich: „Mir geht es hiermit nicht gut.“ Auch „mobilisieren“, wie Therapeuten es gelernt haben, müsse man einen Sterbenden nicht mehr. Wofür? „Wer hat das Recht zu entscheiden, dass wir aufstehen müssen?“ Nichts sollte ein Mensch noch müssen, der dem Tod schon näher ist als dem Leben. Er braucht auch nichts gut zu finden, was gut gemeint ist, findet Förster. Warum etwa sollte er es mögen, wenn jemand seine Hand hält und streichelt, der ein Fremder ist?

Vieles, werden Kurs-Teilnehmer später sagen, haben sie schon intuitiv richtig gemacht. Anderen steht die Erfahrung noch bevor, auch eine Antwort auf die Frage: Wie geht eigentlich Sterben? Der Körper kann das, ist die Botschaft, er würde es auch allein schaffen, aber natürlich können Angehörige, „Zugehörige“, wie die Krankenschwestern sagen, helfen: Leiden lindern, das ist die Idee. Angst nehmen, die alle haben, die sterben, ob sie nun 30 sind oder 90. „Sie wissen ja nicht, was passiert“, sagt Jutta Förster, „niemand weiß das.“ Wut aushalten.

Es braucht Mut, eine Überforderung auch zuzugeben

Aber nur soweit, wie die Familie das kann. „Ist es nötig, zuhause zu sterben, wenn die Kraft nicht reicht?“, fragt Jutta Förster. Im Kurs ist auch Raum für die Schwächen derer, die loslassen müssen. Man solle „offen kommunizieren, ich kann nicht mehr“, empfiehlt Förster, Überforderung zugeben. „Da zu sein, ist schrecklich anstrengend.“ Klar, dass sie auch darüber reden, was zu regeln ist. Vorsorge-Vollmacht, Patientenverfügung, „der Tod“, sagt Martina Grün, „kommt nur so, wie wir ihn medizinisch zulassen“.

Und, man kann das nur vermuten, er ist angenehmer, wenn diejenigen entspannt sind, die bleiben dürfen. Für die Sterbenden, glaubt Jutta Förster, sind die Stimmen seiner Liebsten „wie Musik“. Wie schwer aber, sie weinen zu hören! „Erzählen Sie vom letzten Urlaub“, rät Förster deshalb: „Lachen Sie!“

>>INFO: WEITERE SEMINARE IN DIESER REGION

Die vierstündigen Letzte Hilfe-Kurse nach dem Modell des dänischen Palliativ-Mediziners Dr. Georg Bollig gibt es seit 2015.

Auch in dieser Region finden regelmäßig kostenlose Seminare statt.

Termine gibt es etwa im April, August und November beim Netzwerk Palliativmedizin Essen, im September und November wieder beim Hospiz Essen-Steele und im Oktober beim Förderverein Cosmas und Damian, Essen.

Im Mai lädt das Lebensraum Hospiz nach Dortmund ein, im Juni und September der Hospizverein Niederberg nach Velbert.

Außerdem bieten das ASG-Bildungsforum, die Ev. Familienbildung sowie die Ökumenische Hospizgruppe Kaiserswerth, alle Düsseldorf, Kurse an, ebenfalls der Hospizdienst „Die Pusteblume“ sowie der Caritasverband Wuppertal und das Hospiz am Blumenplatz in Krefeld. Auch die Hospizbewegung Ratingen veranstaltet Seminare.

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