Industriekultur

Gasometer Oberhausen zeigt neue Ausstellung „Der Berg ruft“

Eröffnung Ausstellung Gasometer Oberhausen der Berg ruft

Gerd Wallhorn
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Oberhausen.   Ein Stück Schweiz im Ruhrgebiet: Im Gasometer am Centro schwebt ein Modell des Matterhorns. Am 16. März öffnet die Ausstellung "Der Berg ruft".

Wenn der Besucher nicht zum Berg kommt, kommt der Berg halt zum Besucher. Dabei ist es nicht so, dass das Ruhrgebiet nicht hoch hinaus wollte. Da gibt es am flachen Niederrhein einen Ort namens Alpen (13 000 Einwohner) und mit dem Wengeberg (442 Meter) die größte Erhebung ausgerechnet in der kleinsten Gemeinde Breckerfeld.

Und Oberhausen hat jetzt die Attraktion mit dem wahrscheinlich längsten Untertitel der Welt: „Berge. Heimstätten der Götter. Lebensraum der Extreme. Ultimative Herausforderung für Abenteurer und Eroberer. Zufluchtsorte der Mystiker und Mönche. Sehnsuchtsorte für Romantiker, Wanderer und Bewunderer der Natur.“

Am Freitag, 16. März, eröffnet im Gasometer „Der Berg ruft“. Der Achttausender der Industriekultur wird mit seinen 118 Metern ja als höchste Ausstellungshalle Europas geführt.

Eine Schau der Extreme

Wir haben es also mit Extremen zu tun. Und weil zuletzt schon die „Wunder der Natur“ extrem erfolgreich waren mit 1.350.000 Gästen, was in beinahe zweieinhalb Jahrzehnten der Tonne als Show-Room einen neuen Rekord bedeutet, ist in dem ehemaligen Scheibengasbehälter erneut mit einer drangvollen Enge zu rechnen wie bei Luis Trenker im Rucksack.

Faszination Ferne: Auch der Flachlandtiroler hat die erste Millionenfrage bei Günther Jauchs Rateshow von anno 2000 nicht vergessen – Tenzing Norgay war der Sherpa, der 1953 mit Edmund Hillary auf dem Gipfel des Mount Everest stand. In Oberhausen ist zu erfahren, dass so ein Träger beim Aufstieg über Stunden das Anderthalbfache seines eigenen Körpergewichts zu schleppen vermag. Und Sir Hillary erklärt auch gleich auf die Frage, warum der Mensch wohl auf die Berge steigt: „Weil sie da sind.“

Anden, Alpen, Rockys – die eindrucksvollsten Gebirgsketten der Welt werden in gewohnt großen Bildtafeln in Szene gesetzt, einige mit sechs Meter breiten Panoramen augschweifend wie nie.

Das erscheint teils so unwirklich wie die Kletterer in der Steilwand der Drei Zinnen. Wer in Zeiten von Fake-News und Bildbearbeitung an der Echtheit zweifelt, bekommt die tollkühne Tour direkt daneben in brillanter 4K-Auflösung auf einem Monitor in bewegten Aufnahmen präsentiert.

La Montanara von oben: Ein begehbares Feld lädt Schwindelfreie ein, sich dank hochauflösender Projektionen in die Perspektive eines Satelliten zu begeben und die gigantischen Gipfel zu beschweben.

Über alle Berge gewissermaßen.

Mensch und Tier

Ein ausgestopfter Jung-Adler kündet vom Kapitel Mensch und Tier. Nicht eben in almwiesiger Heidi-Idylle, eher unter arg unwirtlichen Bedingungen – Yaks statt Yetis: oder ein Schäfer mit seiner Herde im Schneesturm (4500 Meter), die Jungfern-Kraniche auf ihrem Nonstop-Flug zu ihren Quartieren von Indien bis Asien über alle Höhen-Hindernisse hinweg (9000 Meter), auf den Spuren des äußerst selten gesichteten Schneeleopard in Himalaya-Gefilden (6000 Meter), Panda-Pärchen in West-China auf Futtersuche nach Bambusarten, wie es sie nur in dieser gefühlt lebensfernen Umgebung gibt (2500 bis 4000 Meter).

Eine Studie der University of California in Berkeley sagt aus, dass Natur-Dokus wie „Planet Earth“ das menschliche Gemüt glücklich und gelassen machen. Wer diese Sendungen im Fernsehen liebt und die heimelige Couch in alpiner Absicht verlässt, wird nicht vereinsamen – originaler Müll aus einem pickepackevollen Basislager zeugt von Matterhorn-Massentourismus. Der Schicksalberg der Deutschen forderte im Übrigen doppelt so viele Leben wie der Mount Everest, der höchste Berg der Erde immerhin (Klugscheißer-Wissen: was vom Fuß aus gemessen korrekterweise der Mauna Kea auf Hawaii ist, der teils im Wasser liegt).

Mythos und Magie

Dank der Vermessung unserer Welt gibt es keine weißen Flecken mehr. Wohl aber, obwohl dem Homo instagram doch sonst nichts heilig ist, unbefleckte Berge. Milarepa, Dichter und Buddha, soll der Erzählung nach als bislang einziger Mensch den Kailash in Tibet bestiegen haben – auf einem Sonnenstrahl geradewegs bis auf die Spitze! Das kommt doch dem Bergsteiger-Mythos von der Luft unter den Sohlen schon recht nahe. Wie gesagt, eine Erzählung. Aber den Bewohnern in diesem Hochland ist dieser Gipfel nun mal das Höchste. Sogar Kult-Kletterer Reinhold Messner verzichtete aus Respekt vor diesem religiösen Tabu auf eine Expedition, obwohl er eine Genehmigung hatte... Helm ab!

Steiler noch dies: Wer den Kailash, diesen eisigen Dom in der braunen Hochebene, auf dem erlösenden Pilgerpfad nach heiliger Art der Buddhisten exakt 108 Mal umrundet (macht 5724 Kilometer), hat zwar nicht den Thron der Götter bestiegen, aber einen Freifahrtschein ins Nirwana gelöst.

Normalsterbliche mit rechtskräftiger Lebensversicherung können es natürlich bei ihrer persönlichen Himmelsfahrt auch erstmal mit Paragliden versuchen oder einer Slackline zwischen zwei Massiven. Dieses Seilspannen heißt dann Highlining – oder freier übersetzt: Herzschlag für Hartgesottene.

Von eher poetischer Sehnsucht nach dem inneren Einklang malen gerahmte Sonnenuntergänge in den Dolomiten oder Caspar David Friedrichs „Wanderer über dem Nebelmeer“ – das verbindende Motiv ist das gleiche: eins sein mit der Natur.

Freiheit ist die einzige, die zählt.

Alt wie ein Stein

Gleich am Eingang der Brocken auf dem Sockel: eine Koralle. Das Ding aus dem Meer, wovon noch Riefen zeugen, kam durch die Kollision der Erdplatten bis ganz an die Spitze. Auch den Kreislauf des Gesteins, im Jahrmilliarden-Zeitraffer, veranschaulicht ein Film: Gebirge, entstehen durch Vulkane, vergehen durch Gletscher, dazwischen: wir. „In ein paar Millionen Jahren wird es die Alpen wahrscheinlich auch nicht mehr geben“, sagt Jeanette Schmitz, die Gasometer-Geschäftsführerin.

Das spektakulärste Modell indes ist aus Stahl: Eingedost kopfüber hängt die Nachbildung des majestätischen Matterhorns unter der Decke. Wer in den Spiegel unterhalb schaut, bekommt eine vage Vorstellung von den Dimensionen. Wirkmächtig zu bestaunen aus dem gläsernen Aufzug. Tipp der Chefin: „Aus der Dunkelheit kommend, erwacht die Skulptur zwischen vierter und fünfter Etage zum Leben.“ Ruhrpott, deine Welt sind die Berge!

Öffnungszeiten: jeweils dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr sowie an Feiertagen. Zu sehen sein wird die Ausstellung bis mindestens 30. Dezember 2018.

Eintritt: 10 Euro (ermäßigt 7 Euro), Familienkarte (bis 5 Kinder) 23 Euro. Weitere Infos unter www.gasometer.de

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