Resozialisierung

Häftlinge auf Kuschelkurs mit Katzen im Bochumer Gefängnis

Katzen in der JVA Bochum unterstützen Häftlinge

In der JVA Bochum leben Katzen, die die sozialen Fähigkeiten der Insassen fördern sollen.

In der JVA Bochum leben Katzen, die die sozialen Fähigkeiten der Insassen fördern sollen.

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Bochum.  Die Katzen Suse und Mogli sind in der JVA Bochum zuhause. Im Umgang mit den Tieren sollen die Insassen lernen, Verantwortung zu übernehmen.

Die JVA Bochum. Hinter Gittern, umgeben von Betonmauern und Stacheldraht, sitzen Verbrecher ein. Harte Jungs. Auf Station 24 teilt sich Danny eine Zelle. Seinen Zimmergenossen nennen alle bloß Mogli. Ein echter Draufgänger. Verbrochen hat er nichts. Trotzdem ist er im Knast, seitdem er acht Wochen alt war. Mogli ist ein Kater.

Er ist eine von zwei Katzen, die in diesem Trakt mit 22 Häftlingen leben. Alle Insassen haben eine Drogenvergangenheit. „Ihr Tag kannte oft nur ein Ziel: Wo kommt der nächste Stoff her“, sagt Agnes Maslanek, die als Sozialarbeiterin die Station leitet. Wer süchtig ist, rutscht schnell in die Kriminalität ab, eine Binse. Der Weg ins Gefängnis ist dann nicht mehr weit. Die Knackis auf den richtigen Weg bringen, sollen in der JVA Bochum ausgerechnet: die Katzen. „Tiere helfen bei der Resozialisierung, auch wenn sie nicht zaubern können.“ So haben Süchtige oftmals massive Beziehungsprobleme. „Mit den Katzen lernen sie, Nähe zuzulassen.“

Füttern, Schmusen und Katzenklo reinigen

Verantwortung übernehmen die Häftlinge in kleinen Schritten. Sie versorgen die Tiere, müssen sie füttern und das Katzenklo reinigen. „Die machen das vorbildlich.“ Achten, dass niemand die Katzen mit Nudeln und Soße vom Tisch füttert. Pingeliger als die Polizei erlaubt.

Katzen in der JVA Bochum unterstützen Häftlinge

In der JVA Bochum leben Katzen, die die sozialen Fähigkeiten der Insassen fördern sollen.
Katzen in der JVA Bochum unterstützen Häftlinge

Neben Mogli lebt auch Suse hinter vergitterten Fernstern im Bochumer Gefängnis. Und das seit fast 16 Jahren. Mit ihrem stolzen Alter schleicht sie nur langsam über den Stationsflur. Mogli ist da anders. Agnes Maslanek: „In den Büros legt er sich auf die Akten, läuft über die Tastatur.“ Der vier Monate alte Kater ist eben noch völlig verspielt und verschmust. „So viel Aufmerksamkeit bekommen Katzen sonst nirgendwo. Es ist immer jemand da.“

Häftlinge zeigen im Umgang mit den Tieren Menschlichkeit

Auch wenn massive Gewaltstraftäter hier einsitzen: „Ich habe mir noch nie Sorgen um die Tiere gemacht.“ Im Gegenteil – die Sozialtherapeutin stellt Veränderungen fest: „Im Umgang mit den Katzen überlegen die Häftlinge nicht, wie sie wirken. Bin ich jetzt cool oder hart – sie zeigen Menschlichkeit.“

So wie Danny. Der 27-Jährige ist Katzenbeauftragter auf der Station, kümmert sich um Moglis Wohl. An diesem Tag prangt auf der Brust seines Pullovers der Schriftzug „Boss“. Um den Hals trägt er dicke Silberketten. Verurteilt wurde er zu drei Jahren und sieben Monaten Haft. Warum er hier ist? Darüber möchte Danny nicht sprechen.

Ein Einblick in die Zelle der JVA Bochum

Eine Vergangenheit, die Mogli ohnehin nicht kennt. Er scheint Danny zu akzeptieren, wie er ist. Danny hält den Kater in der Hand. „Er schnurrt.“ Jeden Abend schläft Mogli mit in seiner Zelle. Es gibt ein Bett, einen Tisch, einen Schrank sowie eine kleine Ecke mit Toilette und Waschbecken. Alles eher spartanisch eingerichtet. Über das Fenster fällt Helligkeit in den kleinen Raum, auch wenn die Gitter einen Teil des Lichtes schlucken. Auf einem Regalboden stehen ordentlich sortiert Duschgel, Fläschchen an Fläschchen, Deos, Parfüm.

Einen großen Teil der Zelle widmet der 27-Jährige aber seinem Zimmergenossen. Für Kater Mogli gibt es massig Spielzeug: Am Tisch hängt an einem Gummiband eine Spielmaus, am Schrank befestigt sind mehrere Katzenangeln, in der Ecke steht ein Kratzbaum. „Der ist bald zu klein. In der Holzwerkstatt wird ein neuer gebaut“, sagt Danny. Mogli soll es an nichts fehlen, denn er klettert nun mal gern.

Selbst vor den Gardinen macht er nicht Halt. „Da sind überall Löcher drin.“ Schon wird auch Danny zum Gerüst. Das Leckerli in seiner Hand – zu verlockend. Wie ein Eichhörnchen klettert Mogli schnell das Hosenbein hoch. Getreu dem Motto: ‚Nimmst du mich nicht rauf, nehme ich das selbst in die Pfote.’ Danny lacht nur. „Bei mir darf er alles.“ Im Umgang mit der Katze bröckelt die Fassade.

Zeit im Überfluss – Freigang für die Katzen

Für die Insassen beschränkt sich das Leben auf das, was sich innerhalb der dicken Mauern abspielt. Der einzige Überfluss hier drin ist Zeit. Endlose Zeit. Die Katzen bringen Ablenkung in den Alltag, in dieser reizarmen Umgebung, getaktet durch Therapiestunden, Mahlzeiten, Auf- und Einschluss.

Spätestens um halb neun abends fallen die schweren Türen ins Schloss. Erst eine, dann zwei, irgendwann die 22. Bis zum nächsten Morgen um sechs Uhr bleiben Danny und Mogli gemeinsam auf der Zelle. Die restliche Zeit sind die Zellentüren meist offen. Die Tiere können die gesamten zwei Etagen der Station durchstreunen, durch die Flure jagen oder mit ihren Pfoten so lautlos schleichen, dass sie niemand hört. Durch ein Fenster im Keller kommen die Katzen auf den Hof. Sie haben Freigang, so lang sie mögen. Ihre menschlichen Begleiter müssen sich mit einer Stunde Hofgang am Tag begnügen. Kontakt zu anderen Stationen gibt es aufgrund der Drogenvergangenheit nicht.

Harter Abschied für Danny

„Mogli ist sehr neugierig, muss alles entdecken“, sagt Danny. Gerade ausgesprochen, huscht der Kater aus der Zelle, rennt über den Stationsflur, auf dem auch ein Katzenklo steht. Dort begegnet er Suse, der 16-jährigen Katzendame mit großen Augen und getigertem Fell. Bei ihrem Anblick wird Mogli ganz ruhig – hat sie ihm doch eine Ohrfeige verpasst, als er ihr am Anfang zu nahegekommen ist. Der Knast ist ein Ort, wo Respekt auf vielen Ebenen eine Rolle spielt.

„Ich habe immer mit Tieren gelebt“, verrät Danny doch noch etwas über sein Leben draußen. Während seiner Haftzeit hat er sich auch um Tommi gekümmert. Fast 16 Jahre lebte der Kater auf Station 24 in Bochum. Im Februar ist das Tier gestorben. „Ich habe geweint.“

Ein Schrein für Kater Tommi

Für den Kater hat Danny einen Altar anfertigen lassen. Geburt- und Sterbedatum sind in Holz geschnitzt. Das Lieblingsspielzeug, ein Engel und der Impfpass dazu. Unter seinem Bett kramt Danny einen Wäschekorb hervor. Aus einer Plastiktüte zieht er mehrere Fotos. Viele sind verknickt, wirken verblasst und wurden mit der Zeit hinter Gittern in Mitleidenschaft gezogen. Nicht so das Bild von Tommi. Das wurde extra laminiert.

In einer Woche verlässt Danny Station 24, er wird verlegt. Und eines Tages ganz entlassen. „Die Trennung von Mogli wird traurig.“ Auf ein Wiedersehen mit seinem tierischen Gefährten könnte Danny in diesem speziellen Fall wohl trotzdem verzichten.

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