Mobiltelefone

Handysucht - wie das Smartphone uns dressiert hat

Massenphänomen „Pokémon Go“: In Düsseldorf wurde die Girardet-Brücke für die Spieler gesperrt.

Massenphänomen „Pokémon Go“: In Düsseldorf wurde die Girardet-Brücke für die Spieler gesperrt.

Foto: action press

Alle paar Minuten greifen die Benutzer heute zu ihrem Handy - und lassen sich von wichtigen Dingen ablenken. Wie ein kleiner Kasten unser Verhalten verändert.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Sie stehen nachts in kleinen Grüppchen in ansonsten fast menschenleeren Parks, ihre Gesichter werden kalt beschienen vom Licht des Smartphone-Displays. Sie stehen beieinander, aber sie sprechen nicht miteinander, sondern streichen über die Displays ihrer Mobiltelefone.

Andere hocken tags auf einer Brücke in Düsseldorf, die extra für sie gesperrt werden musste, treffen sich rund ums Schloss Oberhausen, belagern den Schlosspark Moers – und nehmen doch so wenig von ihrer Umwelt wahr. Das Handy-Spiel „Pokémon Go“ hat in den vergangenen Wochen nicht nur unser Stadtbild massiv verändert – es macht zum ersten Mal flächendeckend deutlich, wie abhängig sehr viele, besonders die jungen Menschen in den vergangenen Jahren von ihren ach so smarten Telefonen geworden sind. Während 2015 das Jugendwort des Jahres „Smombie“, eine Kombination aus „Smartphone“ und „Zombie“, noch wie eine ironische Überzeichnung des exzessiven Nutzerverhaltens wirkte, meint man angesichts des neuen Rudelverhaltens, dass die Realität die Wortschöpfung eingeholt hat.

Wir sind ein Volk der Handysüchtigen geworden: Alle zwölf bis 18 Minuten Minuten greift ein durchschnittlicher Nutzer zu seinem Smartphone, also gut 88 Mal am Tag, ob es nun einen Anruf, eine SMS, eine andere Nachricht gegeben hat oder nicht, so der Informatik-Professor Alexander Markowetz. Der instinktive Griff unterbricht auf diese Weise unsere Aufmerksamkeit – und längst haben wir vergessen, dass wir eigentlich ein Telefon in Händen halten. Denn für Gespräche übers Handy verwenden wir nur noch etwa sieben Minuten täglich. Der Rest wird von den unerbittlichen Aufmerksamkeitskillern beansprucht: Facebook, What’sApp, Instagram – und von Spielen. Wobei „Pokémon Go“ die Statistik des Jahres 2016 wahrscheinlich zugunsten von Spielen verzerren wird. Wir haben uns an gesunkene Aufmerksamkeitsspannen gewöhnt, an die ständigen Unterbrechungen – so sehr, dass sie unser Verhalten merklich verändert haben.

„Dagegen ist der Buchdruck ein Waisenknabe“

„Eine kommunikative Revolution mit der Geschwindigkeit und in der Durchdringung, hat es historisch überhaupt noch nicht gegeben. Dagegen ist der Buchdruck ein Waisenknabe“, sagt der Soziologe Harald Welzer, der in seinem Buch „Die smarte Revolution“ vor den gesellschaftlichen Veränderungen und Verschiebungen der Machtverhältnisse durch unser digitales Verhalten warnt.

Es ist noch keine zehn Jahre her, dass Apple das erste iPhone der Welt vorstellte, im Juni 2007. In den ersten Jahren noch als Spielzeug für Technikverliebte milde belächelt und teils für überflüssig gehalten. Dass aus einem Gerät, das öfter mal abstürzte und als nützlichste Anwendungen anfangs Dinge wie eine Taschenlampenfunktion, Taschenrechner und eine Prozentanzeige der eigenen Batterieladung aufzuweisen hatte, mal ein universeller Begleiter und hosentaschenkleiner Computerersatz werden könnte, hat man damals nur geahnt.

Menschen sind vom eigenen Handyverhalten angenervt

Es ersetzt heute unzählige nützliche Gegenstände, die wir früher mit uns rumschleppten. Oder wann haben Sie zuletzt einen Faltplan genutzt? Oder ein Diktiergerät? Würden Sie heute noch gern mit einem klobigen Walkman herumlaufen, dessen Batterien nach sechs Kassettenseiten schlapp machen? Auch Schnappschuss-Kamera, Wecker, Kalender, Kompass, alles drin in der Kiste. Aber macht uns das schon süchtig? Lässt uns das stundenlang vor der Hosentaschenglotze hängen?

Der Informatik-Professor Alexander Markowetz von der Universität Bonn hat sich damit beschäftigt. Anfang 2014 brachte er gemeinsam mit dem Psychologen Christian Montag die App „Menthal“ heraus, die nichts anderes tut, als das Verhalten des Nutzers zu messen und aufzusummieren. Als die ersten Medien darüber berichteten, wurde das Programm zu einer Art Selbstläufer: Über 300.000 Mal wurde sie heruntergeladen – was vor Augen führte, dass hier ein blank liegender Nerv getroffen wurde. Die Menschen waren von ihrem eigenen Nutzungsverhalten längst gehörig angenervt – und wollten wissen, warum eigentlich.

Eine der Erkenntnisse: Die meisten Nutzer unterschätzten ihr eigenes Nutzungsverhalten deutlich. Sie verbrachten also weit mehr Zeit mit dem kleinen Gerät, als sie sich eingestehen wollten. In der Selbstwahrnehmung schrumpften die Zeiträume. Die Ergebnisse boten aber weitere Überraschungen: „Wir wussten bis dahin nicht, wie sehr Smartphones unseren Alltag fragmentieren“, sagt Markowetz. Die ständigen Unterbrechungen durch den Griff zum Mini-Computer reißen die Nutzer aus ihren Tätigkeiten – und sorgen dafür, dass die Produktivität im Alltag sinkt.

Störfaktor soziale Medien

„Die andere zentrale Botschaft unserer Analyse ist, dass die Unterbrechungen fast nur durch What’sApp und Facebook verursacht werden, also durch soziale Medien. Online-Banking oder Fahrschein-Kauf sind zwar auch gute Anwendungsmöglichkeiten, nur können die keine zweieinalb Stunden Nutzung pro Tag erklären.“ Selbst Spiele nehmen bei weitem keinen so großen Anteil im Nutzungsverhalten ein.

Markowetz kam zu der Einsicht, dass der Griff zum Smartphone oft gar nicht mal bewusst, sondern meist instinktiv geschieht, auch weil es die Möglichkeit bietet, kleine Glückserlebnisse zu vermitteln. „Wir schauen regelmäßig in unseren E-Mail-Account, nicht weil dort tatsächlich immer eine wichtige Nachricht ist, sondern weil sie dort sein könnte“, schreibt Markowetz im Buch „Digitaler Burnout“ (Droemer, 224 S., 19,99€). Diese schnellen Reize bezahlen wir mit der Unterbrechung der Tätigkeiten, die wichtig sind.

Warum weniger Handykonsum mehr Glück bringen kann... 

Und das macht auf Dauer eher unzufrieden und unglücklich: „Wenn ich mich nacheinander über 150 Katzenvideos freue, die ich mir im Minutentakt anschaue, dann müsste ich ja ganz viel Glück akkumuliert haben. Wahrscheinlich wird man aber merken, dass diese Rechnung so nicht aufgeht. Sondern dass mit einem einzigen, größeren Glückserlebnis viel mehr erreicht ist.“

Manche Glückserlebnisse versagen sich die Menschen auch gleich durch das Zücken des Smartphones, am augenfälligsten wird das bei Popkonzerten, wenn ein Menschenmeer mit gezückten Handykameras vor der Bühne steht. Viele Stars sind deswegen wütend, erst in der letzten Woche machte Rihanna ihrem Ärger bei einem Konzert in Lille Luft: „Ich will nicht sehen, dass ihr euren Freunden textet! Ich will nicht sehen, dass ihr Pokémons fangt!“ So schimpfte sie ins Publikum. Nicht wenige Musiker stimmen in den Chor mit ein: Beyoncé, Neil Young, Jack White, allen fehlt das Verständnis dafür, dass die Menschen ein Ereignis, das direkt vor ihrer Nase stattfindet, lieber auf einem kleinen Pixeldisplay wahrnehmen – und andere damit auch noch stören.

Auch im Urlaub noch schnell Mails checken

Viele lassen sich aber allzu gern und freiwillig stören: Erst kürzlich fragte das Meinungsforschungsinstitut YouGov im Auftrag der Nachrichtenagentur dpa, wie die Deutschen es mit Dienstmails und -telefonaten nach Feierabend halten. Dabei kam etwas heraus, das alarmieren sollte: 45 Prozent der Befragten schauen ein- oder mehrmals nach Dienstende in ihren Posteingang. Ein Fünftel wird mindestens einmal pro Woche außerhalb der Dienstzeiten beruflich angerufen.

Das belastet natürlich nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch ihre Familien. Selbst im Urlaub schaut noch jeder Dritte mindestens einmal in seine Mails, woran sich nicht selten die Urlaubsbegleitung stört.

Einige große Konzerne wie Evonik oder Daimler haben mittlerweile Regeln dafür aufgestellt, wie man mit E-Mails umgehen muss – und bei ein paar gibt es nach Feierabend und am Wochenende einfach keine Mails und Anrufe mehr. Aber das sind die Ausnahmen.

Die Störung durch den Chef im Hinterkopf

Dass ständig die Möglichkeit besteht, dass jemand etwas von uns will, macht es einerseits vielen Menschen schwer, zu entspannen und Pausen auch wirklich zur Erholung zu nutzen. Andererseits wird es auch schwierig, sich auf eine einzige Sache zu konzentrieren. Wer ständig im Hinterkopf hat, dass im nächsten Moment eine Unterbrechung drohen könnte, ist automatisch zerstreuter und lässt sich leichter von seiner aktuellen Tätigkeit ablenken.

Die meisten Menschen wollen dennoch nicht auf soziale Medien verzichten – und können es sich nicht leisten, im Job so unflexibel zu sein, dass sie nur gelegentlich erreichbar sind.

Für sie hat Alexander Markowetz dennoch eine guten Rat, denn da die meisten Ablenkungen durch entgrenzte Kommunikation entstehen, lassen sich hier ohne großen Aufwand ein paar Weichen stellen.

Wie man effektiv die Kommunikation reduziert

„Wahrscheinlich hat man 500 Kontakte im Handy abgespeichert – aber der Großteil der Kommunikation entfällt meist nur auf ein paar Leute. Zu denen gehören Partner, Chef, Eltern, Kinder oder die zwei besten Freunde. Und wenn ich mit denen Absprachen treffe und Regeln aufstelle, dann sollte sich das Kommunikationsaufkommen um 30 bis 50 Prozent senken lassen.“

Damit ist natürlich noch keine Lösung gefunden für jene grob geschätzt 100 Millionen Spieler, die sich mittlerweile von „Pokémon Go“ durch die Straßen treiben lassen und im Angesicht von Monstern namens Rattfratz und Pikachu vergessen, wo sie stehen. Die Verknüpfung von digitaler und realer Welt, die Augmented Reality, mit der das Spiel derzeit bei so vielen punktet, muss nicht unbedingt einen Suchtfaktor haben. Es ist eher so, dass diese Erfahrung derzeit für die meisten neu ist – und in ein paar Wochen oder Monaten die Begeisterung dafür schon wieder abgeflaut sein könnte. Und dann, davon kann man ausgehen, werden die Spieler sich wieder mehr mit sozialen Netzwerken beschäftigen.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (7) Kommentar schreiben