Geschenkt

Hoch lebe die Kneipe! Hä?

Wie bitte? Auch der junge Joschka war nicht immer ganz Ohr.

Wie bitte? Auch der junge Joschka war nicht immer ganz Ohr.

Foto: Georg Gidal

Ach was, wir sind doch in unserem Alter noch nicht schwerhörig! Die anderen Leute nuscheln. Und die Musik in der Kneipe ist wieder viel zu laut.

Prost Mahlzeit, die Kneipen werden immer freudloser. Keine rauchblauen Schwaden mehr, die sich galant über unsere Falten legen. Überm Tresen blenden LED-Birnen. Die Speisekarten enthalten kaum noch Kalorien. Aber das Schlimmste: Die Leute sprechen alle so undeutlich. Wie bitte?

Inzwischen ist es ein seltenes Highlight, wenn ich mich mit Freundinnen in der Kneipe treffe. Neben Job und großen Kindern und alternden Eltern bleibt nur noch Zeit für WhatsApp. Umso wichtiger sind die Stunden, in denen man sich live gegenübersitzt und die vergangenen Monate durchhechelt. Hä?

Seit ein, zwei Jahren stimmt was nicht. Die Lautsprecherbox hängt zu tief überm Tisch und plärrt dazwischen, wie früher die Blagen, maulte Freundin D.. Überhaupt sind diese Designer-Tische viel zu groß und man sitzt arg weit voneinander. Und irgendwas ist verkehrt mit der Raum-Akustik, meinte B.. Ich wollte es jetzt mal genau wissen: „Mädels, geht es euch auch so, dass ihr in der Kneipe nicht richtig mitbekommt, was die anderen sagen?“ Einen Moment war es still in der Runde, man verstand sogar die Kellnerin („kommthiernowashn?“), dann nickten alle geradezu ohrenbetäubend: Jau! Das Trommelfell ist nicht mehr kneipentauglich.

Und schon beichteten wir durcheinander. Wie wir oft mit diesem neutralen Lächeln da sitzen und „mhmm!“ murmeln, in der Hoffnung, dass es zum Gespräch passt. Man will ja nicht immer viermal nachfragen wie früher die Omma. Blöd nur, wenn es eine Frage war, die man verpasst hat. Meine Kinder kennen da keine Gnade: Mama, du hast wieder nix gehört, gib es zu! Würden wir ja gerne, war ich mir mit meinen Freundinnen einig. Aber wir können doch unmöglich mit Mitte Fünfzig halb taub sein?

Einst waren das uralte Leute, die mit Hörgeräten, ach was, Hörrrohren, rumliefen. Die hatten auch keine wummernden Discos besucht, sagte D. . Ich dachte an den besten Kerl meiner Jugend. Den Sony-Walkman, der quasi in meinem Ohr gewohnt hat, mit 95 Dezibel. Und die Konzerte. AC/DC direkt vor der Box, ergänzten die Freundinnen. „Nonwunsch?“, flüsterte die Kellnerin.

Die Jüngeren sprechen undeutlich, belehrte uns B.. Hat meine Omma mit 80 auch immer gesagt, warf ich ein. Neulich kam ein TV-Krimi, erfuhr ich, danach hätte sich halb Deutschland über das Genuschel beschwert! Na also.

Wir treffen uns in letzter Zeit öfter zum Frühstück in Cafés. Da läuft keine Musik und die Tische sind klein, man sitzt nah beieinander. Wir verstehen uns prächtig. Und wenn nicht, kann man bei Tageslicht viel besser Lippen lesen.

Hörgerät, Fachgeschäft, ab 800 €

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