Familie

Im Alter die Welt entdecken als Leih-Oma unter Palmen

Bonny Lechner zusammen mit ihren „Enkelkindern“ in Bangkok.

Bonny Lechner zusammen mit ihren „Enkelkindern“ in Bangkok.

Rheda-Wiedenbrück.  Bobby Lechner betreut Kinder in Gastfamilien und fährt dafür rund um die Welt. Wir sprachen mit der 72-Jährigen kurz vorm Abflug – nach Ruanda.

Einmal die Welt sehen, andere Länder und Kulturen, das ist für viele Menschen ein Traum. Haben sie das Rentenalter erreicht, besteigen daher viele ein Kreuzfahrtschiff. Wäre das nicht auch eine Möglichkeit für Bobby Lechner gewesen? „Jein, nein“, sagt die 72-Jährige. „Dann sieht man ja nur die Leute auf dem Schiff.“ Seit acht Jahren ist Bobby Lechner als Granny Au-pair unterwegs, betreut als Leih-Oma Kinder von Familien, die in Thailand, Dubai oder Kuwait leben. Wir haben mit ihr kurz vor dem nächsten Abflug gesprochen. Das neue Ziel: eine Familie in Ruanda.

Schon als Jugendliche wollte Bobby Lechner als Au-pair nach Amerika gehen. Sie hatte alles organisiert, aber dann gab es ein gesundheitliches Problem in ihrer eigenen Familie – und sie konnte nicht fahren. Sie begann eine Ausbildung, arbeitete als Kauffrau. Aber sie vergaß nie ihren Traum: „Als ich älter wurde, habe ich immer gesagt: ,Sollte ich im Alter alleine sein, dann würde ich gerne als Au-pair in eine Familie gehen und Kinder betreuen, wie es sonst ein junges Mädchen macht.’“

Im selben Jahr landete ihr Flieger in Bangkok

Es sollte genau so kommen: Im Ruhestand in Rheda-Wiedenbrück hatte sie keinen Partner, keine Kinder und somit auch keine Enkelkinder. Aber eine Familie im Ausland fand sie zunächst nicht. Bis im Frühjahr 2011 eine Freundin anrief und ihr von einem Zeitungsartikel über eine Agentur für Leih-Omas im Ausland erzählte. „Ich habe da sofort angerufen.“ Sie füllte einen Fragebogen aus, erstellte ein Profil und telefonierte schon bald mit einer Familie in Thailand. Im August des selben Jahres landete ihr Flieger in Bangkok.

Leih-Oma im Ausland zu sein, sei nicht wie ein langer Urlaub, betont Bobby Lechner. „Ich habe eine Aufgabe.“ Sie betreut die Kinder, kocht für sie. Und schon nach kurzer Zeit wurde sie in Thailand auf die Probe gestellt: Marco (11), der Jüngste der beiden Söhne, testete seine Grenzen aus, weigerte sich, auf Bobby zu hören und seine Hausaufgaben zu machen. Da stellte sie ihn vor die Wahl: „Soll ich bleiben oder soll ich gehen?“ – „Da hat er gesagt: ,Bitte bleib.’“ Und das Eis war gebrochen.

„Ich habe mich nie einsam gefühlt“, sagt Bobby Lechner. Sie war ein Teil der Familie, selbstverständlich beim Essen im Restaurant dabei oder im Flieger in den Urlaub. Außerdem: „Ich kann mich alleine gut beschäftigen.“ Sie hat sich nach anderen deutschen Familien in der Umgebung erkundigt. „Es dauerte keine 14 Tage, da bin ich dahin gegangen und habe mich vorgestellt.“

Oft ist sie auf eigene Faust losgezogen. „Ich bin viel mit dem Bus gefahren.“ Dort sei sie schnell ins Gespräch gekommen. „Mein Englisch ist nicht sehr gut. Aber die meisten Thai sprechen gar kein Englisch. Dann wurde gefragt: ,Wer spricht Englisch?’“ Und schon erklärte ihr ein Mitfahrer den gewünschten Weg. So wurden aus den geplanten wenigen Monaten in Thailand drei Jahre. Auch heute besucht sie regelmäßig ihre mittlerweile großen „Enkel“ in Bangkok.

Enkelkind in Paris oder Dubai

Aber ihre Reiselust ist seitdem nicht gestillt: In Paris betreute sie 2015 zwei Mädchen, bevor es 2016 das erste Mal nach Dubai ging, wo sie den fünfjährigen Noah ins Herz schloss. Dessen Mutter wechselte schließlich den Arbeitsplatz, zog von Dubai nach Kuwait. Und so machte sich Bobby Lechner 2018 auch dorthin auf den Weg.

Mit den Kindern spricht sie Deutsch, damit sie die Sprache lernen. Genau das wünschen sich ihre Familien, in denen ein Elternteil deutsche Wurzeln hat. Trotzdem hat sie in den Ländern kulturelle Unterschiede bemerkt. In Thailand staunte sie über die vielen buddhistischen Feste, bei denen die Menschen in die Tempel gehen. „Das ist schon sehr bewegend.“ Überhaupt die vielen Feiertage. „Der König hat Geburtstag, die Königin hat Geburtstag und jetzt kommt der neue König, der hat auch Geburtstag“, zählt sie lachend die freien Tage auf. Und natürlich das Neujahrsfest. „Das wird acht Tage lang gefeiert.“

Ganz anders: Kuwait, wo der Freitag frei ist und der Sonntag ein normaler Arbeitstag. Einmal war sie im Fastenmonat Ramadan da. „Das war für mich schlimm, man durfte draußen wirklich keinen Schluck trinken.“ Alle Cafés hatten tagsüber geschlossen. Sie habe dann zu Hause gegessen und getrunken. Trotzdem möchte sie die Zeit nicht missen: „So etwas würde ich ja nie erleben, wenn ich da nicht gelebt hätte.“

Die Zeit als Au-pair-Oma habe sie verändert. „Ich bin viel gelassener geworden. Mich regt so schnell nichts auf.“ Dankbar ist sie, dass sie ein Au-pair sein kann. „Dass ich körperlich so fit bin. Ich bin ja nicht mehr die Jüngste.“ Nun ist sie also in Ruanda gelandet, um dort einen fünfjährigen Jungen zu betreuen. „Ich bin ganz gespannt. Afrika war schon immer mein Traumkontinent.“ Hat sie denn ein weiteres Ziel, das sie unbedingt noch ansteuern möchte? „Rom“, fällt ihr sofort ein. Neuseeland würde sie auch reizen. „Es gibt noch ein paar Ziele.“

>> SO FINDEN LEIH-OMAS FAMILIEN IM AUSLAND

Bobby Lechner hat ihre Familien über „Granny Aupair“ gefunden – eine Internet-Vermittlung. Dort melden sich Leih-Omas sowie Familien, die im Ausland leben, gegen eine Gebühr an, z.B. für 59,90 € pro Monat bei einer Laufzeit von drei Monaten. Die Frauen erstellen ein Profil und können die der Familien einsehen und Kontakt aufnehmen. Nach eigenen Angaben sind seit 2010 Tausende von Frauen in rund 50 Länder vermittelt worden. Je nach Vereinbarung wird ein Taschengeld gezahlt. (Tel: 040 / 87976140, granny-aupair.com)

Weitere Vermittlungen mit anderen Preis-Modellen und teils auch für Opas: aupair50plus.com; au-pair-job.eu/nanny-granny oder madame-grand-mere.de

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