Geschenkt

Jenseits von Mordor

So sah sich die Hausfrau in den 50er Jahren: glücklich umzingelt von zaubernden Küchengeräten. Heute erliegen eher Männer diesem Irrglauben.

So sah sich die Hausfrau in den 50er Jahren: glücklich umzingelt von zaubernden Küchengeräten. Heute erliegen eher Männer diesem Irrglauben.

Foto: Corbis

Eine komfortable Küche enthält viele Haushaltsgeräte. So viele, dass kein Platz mehr zum Kochen bleibt und man das Pizza-Taxi bestellen kann.

Als ich neulich durchs Haus lief, machte ich eine erstaunliche Entdeckung: Meine Küche war weg!

Der Raum ist noch da. Schlauchartige zehn Quadratmeter, ein Hohn auf die Wohnküchen im Ikea-Prospekt. Beim Einzug ertrotzte ich drei Meter Arbeitsfläche. Genug für eine dürftige Köchin wie mich. Zu wenig für meinen Gourmet-Gatten, der über die Realität hinaus brutzelt, mehlschwitzt und paniert, als hätte er zwei Küchen. Die mit allen Zauber-Geräten (in magischem Schwarz) und gusseisernem Firlefanz ausgestattet werden müssen.

Seit zwölf Jahren führen wir Gebietskämpfe, ich verteidige jeden Millimeter Arbeitsplatte gegen Fleischwölfe, Waffeleisen, Entsafter... und fühle mich wie der kleine Hobbit, der vor immer neuen, finsteren Orks zurückweicht. Schließlich blieb mir nur ein Arbeits-Eckchen rechts vom Herd, eingekesselt wie Nord-Irland. Diese „Kücheninsel“ hat bei uns nichts mit Luxus zu tun. Ich schneide Gemüse im Exil, am Esstisch nebenan, und wähle ansonsten schmale Speisen wie Spaghetti und Spargel.

2018 spitzte sich die Situation zu. Unsere vegane Tochter nutzt für ihre sanfte Ernährung schweres Gerät: einen Mörser aus Granit, der meine freie Ecke auffraß und nur mit einem Kran bewegt werden kann. Alle Regale sind übersät mit Obst und Gemüse in verschiedenen Verwesungszuständen. Mein Mann reitet auf der veganen Welle („Das Kind braucht Mineralstoffe!“), um endlich den XL-Mixer anzuschaffen. Der einen halben Quadratmeter Standfläche verlangt, die vier Quadratmeter übergeschwappte Obstpampe als Kollateralschaden nicht mitgerechnet.

Kurz nach Weihnachten war Schicht. Vom Schrank tropfte wieder Avocado-Dip, meine zarte Teetasse schlug sich eine Macke am Mörser, Mann und Tochter diskutierten erbittert, ob die Rinderbrühe den veganen Mixer entweiht hatte und wir nun einen zweiten bräuchten – da gab ich meinen Austritt aus dieser Küche bekannt, Maike geht: Mexit!

Die Besatzer feierten den Sieg mit einer Trophäe: einer neuen Heißluft-Fritteuse. Sie steht dick, schwarz, dampfend auf der letzten Freifläche in einem Feucht- und Abstellraum, der mal meine Küche war.

Und? Ich war nie die Küchen-Fee, eher ein Küchen-Fake. Nun lungere ich im Ohren-Sessel, neben den langweiligen Kochbüchern und den schönen Fantasy-Romanen, lausche dem Brodeln und Zischen aus diesem Bereich, den ich insgeheim „Mordor“ oder „die Hexenküche“ nenne, beobachte Schwaden in allen Schattierungen. Ja, ich bin angekommen, wie der Hobbit in seiner Höhle. Ab und zu plöppt jemand ins Wohnzimmer und reicht mir Nahrung, vegan, frittiert, fleischig, egal, es schmeckt. Ich glaube, 2019 wird ein gutes Jahr.

Heißluftfritteuse, Otto, ca. 80 €

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