Das besondere Museum

Keramikmuseum in Düsseldorf zeigt Kunst, Kitsch und Kopien

Polterabend: Beate Höing hat bei „Let’s Play“ zerschlagenes Porzellan neu drapiert.

Polterabend: Beate Höing hat bei „Let’s Play“ zerschlagenes Porzellan neu drapiert.

Foto: Lukas Schulze

Düsseldorf.   Hetjens Deutsches Keramikmuseum präsentiert Gefäße aus 8000 Jahren. Die Chinesen erfanden das Porzellan und liebten das Geheimdekor.

Dieses Figürchen sieht aus wie das auf Tante Ernas Anrichte. Dort liegt ein abgeschlagener Hasenkopf und hier ist der Griff einer alten Kaffeetasse. „Die ganzen Teile hatte mal jemand lieb“, sagt Künstlerin Beate Höing. Die 53-Jährige aus Coesfeld hat acht Jahre lang zerbrochenen Nippes gesammelt. Ihr Werk „Let’s play“ erinnert an das zusammengekehrte Ergebnis eines Polterabends, bei dem Fragen aufkommen: Was ist spießig? Aber auch: Weißt du noch? Es ist ein Haufen Kitsch voller schöner Erinnerungen, mit dem sich der Besucher im ehemaligen Festsaal eines Düsseldorfer Palais’ auf das Thema des Museums einstimmt: Keramik.

Die Chinesen erfanden das Porzellan

Die ältesten Stücke in der Ausstellung stammen aus Anatolien, in der heutigen Türkei, und wurden im sechsten Jahrtausend v. Chr. bereits bemalt oder mit einem eingeritzten Dekor versehen, darunter ein Hakenkreuz. Erst später missbrauchten die Nazis das ursprünglich positive Sonnensymbol für ihre Ideologie.

Die Keramik wurde um 600 in Asien verfeinert. „Die Chinesen haben das Porzellan erfunden“, sagt die Museumsleiterin Daniela Antonin. Die Japaner machten es den Chinesen nach, Europa blickte nach Asien – und Asien schaute wieder zurück. Die Keramik ist eine Geschichte der Kopie.

Das Delfter Blau zum Beispiel, das in den Niederlanden im 17. und 18. Jahrhundert sehr gefragt war, wurde von den Japanern und Chinesen nachgeahmt. An den europäischen Adelshöfen hingegen ließ man die Fantasie bei den Motiven spielen. Fremdwirkende Landschaften sollten Tellern und Kannen asiatische Exotik verleihen.

August der Starke war Porzellan-süchtig

August der Starke besaß Schalen mit einem Löwen- oder Drachen-Dekor. „Er war Porzellan-süchtig“, sagt Antonin. Der Kurfürst von Sachsen gründete 1710 die Meissener Manufaktur. Dabei habe er nur privat, niemals öffentlich, von seinem Porzellan gegessen, so die 47-Jährige. „Er hätte damit dem Kaiser vor den Kopf gestoßen.“ Denn das Kaiserliche Hofzeremoniell erlaubte nur Geschirr aus Gold und Silber.

Ludwig XIV. habe dagegen eine Lösung gefunden, das Porzellan in Frankreich auf den Tisch zu bringen. „Er hat das Dessert eingeführt.“ Das war beim Zeremoniell nicht vorgesehen, so die Kunsthistorikerin.

Gleichgültig, ob eine Hochzeit gefeiert wurde oder der Frieden zwischen Völkern, „es gab danach immer ein Bankett.“ Die Gefäße für Getränke und Speisen waren daher auch stets Mittel der Präsentation. Ein Beispiel: die farbenfrohe Terrine in Form eines Truthahns, in dem im 18. Jahrhundert die Suppe serviert wurde.

Die Farbsymbole in China

In Asien sollten die Schalen nicht nur schön aussehen. Ihre Farben symbolisierten bei besonderen Festen auch den Rang desjenigen, der aus dem Gefäß aß. Der chinesische Kaiser speiste eigentlich alleine, aber etwa zu Neujahr oder an Geburtstagen nahm er das Mahl zusammen mit der Kaiserin, seiner Mutter und all seinen weiteren Gemahlinnen ein. Er selbst hatte eine Schale, die außen und innen in der Farbe Gelb erstrahlte. Das Gefäß der ersten Konkubine war ebenfalls gelb, aber innen weiß. Und bei den Frauen in der Hierarchie unter ihr schimmerte das Gelb nur noch als Hintergrund durch – das Dekor zeigte grüne Drachen.

Grün ist auch eine Kumme, die aus China der Kangxi-Ära (1661 - 1722) stammt. Antonin: „Chinesische Kaiser liebten das Geheimdekor.“ Erst bei gutem Licht zeigt die Schale den Besuchern des Museums – es sind 25.000 im Jahr – ihr wahres Aussehen. Dann kommt unter der Farbe ein Drache zum Vorschein, der in die Keramik vor der Glasur eingeritzt wurde.

Solche Geschichten faszinierten auch Laurenz Heinrich Hetjens. Nach dem Sammler ist das Deutsche Keramikmuseum benannt, das heute in einem Haus von 1685 in der Düsseldorfer Altstadt beheimatet ist. In einem Raum liegen Paletten, wie vom Gabelstapler gefallen. Auch die Obstkiste darauf wirkt echt. Aber sie ist nicht aus Holz, sondern wieder aus Keramik. Es ist ein Werk des Koreaners Jonghyun Park von 2008 – eine perfekte Kopie.

>> DAS LIEBSTE AUSSTELLUNGSSTÜCK

„Keramik konnte schon im 18. Jahrhundert 3D“, schwärmt Museumsleiterin Daniela Antonin und zeigt auf eine knubbelige Kindergestalt mit Flügeln. Der weiß-goldene „Putto“ sei das einzige lebensgroße Stück der Straßburger Manufaktur.

„Es ist superschwierig, so etwas zu brennen“, so die 47-Jährige. „Je größer, desto schwieriger.“ Zunächst benötige man für den Kerl einen sehr großen Ofen, in dem man ihn stabil platzieren kann. Allein das war damals eine Herausforderung.

Doch selbst wenn das gelang, war die Arbeit knifflig: Denn zu viel Wasser in der Keramik lässt sie beim Brennen reißen. Im 18. Jahrhundert hatte man aber noch keinen praktischen Drehknopf, der die Hitze im Ofen konstant hielt. Am Ende wurde die Flügelfigur bei 1000 bis 1100 Grad perfekt glasiert. Einfach erstaunlich, so Antonin.

Aber nicht nur das Handwerk lässt das Herz der Kunsthistorikerin höher schlagen: „Wie der lächelt, er ist so lieb.“

Hetjens Deutsches Keramikmuseum, Schulstr. 4, bis 27. Oktober: Schau zu fränkischem Barock, ab 20. September: Rokoko-Ausstellung. duesseldorf.de/hetjens

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