Gefühle

Küssen kann man nicht alleine

Nur noch ein Kuss: Die Berührung der Lippen zählt zu den schönsten zwischenmenschlichen Tätigkeiten.

Nur noch ein Kuss: Die Berührung der Lippen zählt zu den schönsten zwischenmenschlichen Tätigkeiten.

Foto: dpa

Essen.   Wild geküsst wird oft und gern, nicht nur im Karneval: Was Sie schon immer übers Küssen wissen wollten, finden Sie am besten mit eigenen Lippen heraus. Denn die Wissenschaft wird’s Ihnen nicht verraten, immer wieder scheitern die Experimente - oder liefern keine eindeutigen Ergebnisse.

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Endlich ist es wieder so weit, auf den Straßen von Köln, Kleve, Castrop: Wildgewordene Narren, singen, tanzen und trinken nicht nur, nein, sie nehmen ab und an sogar einen Polizisten in den Arm, wahlweise seine uniformierte Kollegin, und drücken ihnen ein Bützchen auf. Auch untereinander finden sich die Lippen, ganz ungeniert, ist ja schließlich Karneval. Und verschmierte Schminke fällt auf dem quietschbunten Kostüm ja nicht auf, wenn man erstmal wieder zu Hause ist.

„Wir sind zwar keine Menschenfresser,/ doch wir küssen umso besser.“ Karl Berbuer: „Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien“ (1948)

Nirgendwo anders wird öffentlich so sorglos gebützt, geküsst, gezüngelt wie im Karneval. Dabei ist Küssen doch der reine Wahnsinn: Wir tauschen mit der Berührung unserer Lippen und Zungen auf einen Schlag Hunderte Bakterienarten und zehntausende Viren aus. Zeitgleich feuern heftig die Synapsen: Ein Kuss lässt nicht nur die Sinne explodieren, sondern stimuliert ganz nebenbei auch die Immunabwehr. Er ist also zugleich das Unvernünftigste und das Vernünftigste, was wir tun können. Vielleicht ist das der Grund, warum Forscher regelmäßig an den Lippenbekenntnissen scheitern.

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Kuss? Was ist das überhaupt für eine Frage! Jeder erinnert sich noch an seinen ersten Kuss, an die zärtliche Berührung der Lippen, an die sinnliche Annäherung an den Mund des Gegenübers, seinen Atem auf der eigenen Haut. Ein erster Kuss ist eine beinahe unbegreiflich große Sache, eine Sensation, egal ob er nun gelungen war oder daneben ging. Es kommt auch nicht darauf an, ob es der erste Kuss im Leben überhaupt oder der erste Kuss mit einer neuen Liebe ist, allein das Sinnenspiel, diese erste Erfahrung von Intimität, dem anderen so nahe zu sein, dass nicht mal mehr ein Luftzug dazwischen passt, das sind Momente, die man nie vergisst. Was haben wir da mitten im Gesicht aber auch für ein Wunderwerk? In den menschlichen Lippen stecken viel mehr Nervenenden als in den meisten anderen Körperteilen, sie würden sich also besser als Tastorgan eignen als die Finger – wenn sie dafür nur nicht an einer so unpraktischen Stelle gewachsen wären.

Was tun die Wissenschaftler nicht alles, um das Phänomen zu erforschen? Der Vermessung der Kusswelt hat sich ein ganzer Forschungszweig gewidmet, der sich Philematologie nennt. Sie haben feststellt, dass bei einem Kuss über 250 verschiedene Bakterienarten und mehrere zehntausend Viren übertragen werden. Der Puls schnellt auf deutlich über 100 Schläge pro Minute. Der Hormonspiegel wird angekurbelt. Ebenso der gesamte Kreislauf. Es regnet praktisch Adrenalin und Glückshormone, das Cholesterin sinkt.

Die drei Hauptgründe fürs Küssen 

Und noch mehr bringen die Kussforscher in Erfahrung. An der Universität Oxford hat der Psychologie-Doktorand Rafael Wlodarski jüngst herausgefunden, dass das Küssen ungemein hilfreich bei der Auswahl des richtigen Partners ist. Nun, wenn wir kurz nachdenken, würden wir vermutlich zu einem ähnlichen Ergebnis kommen, ganz ohne Wissenschaft. Doch Wlodarski kennt sich dennoch sehr gut aus in der Materie: „Es gibt drei große Theorien über die Rolle, die das Küssen in einer sexuellen Beziehung spielt“, erklärt er auf der Uni-Website. „Um die genetische Qualität des potenziellen Partners zu beurteilen; um die sexuelle Erregung zu steigern; und es dient dazu, die Beziehung zusammenzuhalten.“ Wlodarski wollte nun wissen, welche Theorie am ehesten zutraf – und führte eine Online-Befragung durch, an der sich 900 Personen aus 20 Ländern beteiligten. Eines der Ergebnisse: Personen, die bei der Suche eines Partners wählerischer sind, legen auch mehr Wert aufs Küssen. Das gilt für beiderlei Geschlechter. Allerdings: Grundsätzlich sind Frauen wählerischer bei der Partnerwahl, wohl auch wegen der potenziellen Möglichkeit, dass man gemeinsam Kinder großziehen muss.

„I kissed a girl and I liked it.” Katy Perry (2008)

Weitere Erkenntnis, die ebenfalls wenig überrascht: Je öfter sich die Partner küssen, desto zufriedener sind sie mit der gemeinsamen Beziehung. Das Überraschende jedoch ist, dass die Häufigkeit von Sex in keinem Zusammenhang mit der Zufriedenheit der Partner steht. Woraus man ableiten könnte, dass Küssen noch einen höheren Stellenwert als der Sex genießt.

„Es gibt kein besseres Barometer für den Zustand des Paares als den Kuss“, schreibt auch der französische Philosoph Alexandre Lacroix in seinem äußerst empfehlenswerten Essay „Kleiner Versuch über das Küssen“ (Matthes & Seitz, 175 Seiten, 16,99 Euro). Um die Kraft einer gefühlsmäßigen Bindung zu messen, rät er Regelmäßigkeit, Dauer und Intensität der Küsse zu beobachten. Beim Geschlechtsverkehr könne man mit Übung, Technik und passablem Rhythmus über Defizite hinwegtäuschen. Beim Kuss ginge das nicht. Der Philosoph geht noch weiter: „Nichts ist auf Dauer destruktiver als das Vergessen des Küssens“, schreibt er. Was ja auch den Schluss zulässt: Wird nicht mehr geküsst, taugt auch die Beziehung nichts mehr. Was nun der Psychologe Wlodarski dazu sagen würde, wissen wir nicht.

Anderswo machen Forscher die verrücktesten Dinge: Sie stecken etwa Paare in Magnetresonanztomografen, um ihre Gehirnaktivitäten beim Küssen zu vermessen. Dass in einer solchen Situation vielleicht der panische Gedanke „Mein Gott, jetzt stecken wir in einer engen Röhre und sie jagen Strahlen durch unsere Körper“ die Kussechtheit ein wenig ins Hysterische verzerren könnte, darauf kommen die Kittelträger meist nicht. Oder wenn sie darauf kommen, versuchen sie’s aus ihren Ergebnissen herauszurechnen. Was bei den merkwürdigen Röhrenversuchen herauskam? Wer frisch verliebt ist, aktiviert beim Küssen andere Hirnareale als jemand, der schon lange in einer Beziehung steckt. Auch das hätte man sich denken können, Stichwort: Schmetterlinge im Bauch.

„Mädchen wollen küssen! Mädchen wollen küssen! Mädchen wollen küssen! Jungens aber auch!“ Helge Schneider (1991)

Recht handfest und wenig romantisch nahm auch die Psychologin Wendy Hill vom Lafayette College in Chicago die Sache in Angriff. Sie ging, wie viele andere Forscher, davon aus, dass die Wirkung des Kusses im Speichel ablesbar ist. Beziehungsweise anhand der darin enthaltenen Botenstoffe.Um das herauszubekommen, mussten 15 Paare zunächst in Behälter spucken und sich Blut abzapfen lassen. Gemessen wurde, wie viel vom Stresshormon Cortisol und vom so genannten Kuschelhormon Oxytocin in den Körperflüssigkeiten steckte. Anschließend durfte sich eine Gruppe eine Viertelstunde lang küssen, die andere durfte in derselben Zeit nur beieinandersitzen und Händchenhalten. Im Anschluss wieder: Spucken, Blutabnahme.

Was der Kuss bei Mann und Frau mit den Hormonen macht 

Man stellte fest: Bei den Küssern war, egal ob Mann oder Frau, der Cortisolspiegel deutlich gesunken, es wurde also deutlich Stress abgebaut. Was das Oxytocin angeht, reagierten Mann und Frau allerdings unterschiedlich: Bei den Männern war der Pegel des Kuschelhormons gestiegen, bei den Frauen hingegen war er sogar gesunken. Bei den Händchenhaltern sah es übrigens ähnlich aus, nur waren da die Hormonschwankungen nicht so stark ausgeprägt.

Wieso es so ist und was das nun bedeutet? Das wiederum konnten die Psychologen auch noch nicht erklären. Weshalb sie lediglich einen recht belanglosen Schluss ziehen konnten: Bei Männern und Frauen lösen Küsse unterschiedliche Reaktionen aus. Das Mysterium bleibt also gewahrt.

Und vielleicht liegt es ja an diesen Hormonspielen, dass Männer nach dem Gutemorgenkuss deutlich weniger Unfälle bei der Fahrt zur Arbeit bauen . . .

Die Forscher versuchen sich ja immer wieder darin, die Küsse weitgehend auf Psychologie und Biochemie zu reduzieren. Diese beiden Disziplinen mögen ja auch wichtig sein. Doch verrät die Art der Berührung, die Bewegung der Lippen, der Zunge, der Austausch des Atems, das Ineinander-Versinken doch viel mehr darüber, wie der andere uns gegenüber empfindet. Das nehmen wir sogar ganz bewusst physisch wahr. Ein lustloser, hektischer oder sogar gewaltsam fordernder Kuss kann schnell zum Liebestöter werden.

Und auch daran hat sich die Wissenschaft schon versucht. Denn der Mensch macht instinktiv so vieles richtig, gerade bei der Partnerwahl. In einem Experiment, das 2007 an der Universität von Albany durchgeführt wurde, ließ man Männer und Frauen auf die Person los, an der sie nach eigenem Bekunden ein romantisches Interesse hatten. Nach dem ersten Kuss sah die Welt für sie anders aus: 66 Prozent der Frauen und 59 Prozent der Männer hatten das Interesse an der begehrten Person verloren.

„Küssen kann ich nicht alleine, und ich sag dir auch den Grund. Küssen geht auf keinen Fall alleine, denn dazu brauch ich einen andern Mund.“ Max Raabe (2011)

Andere versuchen sich heute schon fleißig auf dem Gebiet der Kuss-Simulation, ein potenzieller Milliardenmarkt, wenn er denn eines Tages in Schwung kommen sollte. Die Japaner, technische Vorreiter auf so ziemlich jedem Gebiet, sind gerade dabei, einen Knutschkasten zu entwickeln, der Küsse übers Internet übertragen soll. Selbstverständlich mit Zunge. Wie das geht? Zwei Menschen sitzen an ihren Computern, haben so eine Knutschkiste angeschlossen. Dann führen sie zart ihre Lippen heran, öffnen die Münder und… Nun, im Moment sieht das Ganze noch so aus, als würde der Fernküsser einen Strohhalm in den Mund nehmen. Und wenn nun einer mit seiner Zunge den Strohhalm dreht, rotiert das Plastikstäbchen im Mund des anderen. Diese Entwicklung aus den Kajomoto-Forschungslabors in Tokio hat mit Küssen, Genuss und Sinnlichkeit in etwa so viel zu tun wie ein eisig kalter Mac-Burger mit einem dampfenden Vier-Sterne-Michelin-Menü. Andererseits verwundert es kaum, dass ausgerechnet die Japaner auf so eine Idee gekommen sind. Sie haben nämlich recht wenig Ahnung vom Küssen, bei ihnen fällt die Lippengymnastik fast ausschließlich in den Bereich des sexuellen Vorspiels (sieht Text unten auf dieser Seite). Und wer die Sache lediglich unter diesem besonderen Aspekt in Angriff nimmt, will ja ohnehin möglichst schnell übers Stadium des bloßen Küssens hinauskommen.

Warum bützen wir im Karneval so ungeniert? 

In der Fernsehserie „The Big Bang Theorie“ wurde ein ähnlicher Apparat vorgeführt, allerdings mit unappetitlichen Lippen und Zungen aus Softgummi. Der Kuss über die Distanz war, wie man sich unschwer vorstellen kann, zumindest ein Lacherfolg.

„You must remember this/ A kiss is just a kiss, a sigh is just a sigh./ The fundamental things apply/ As time goes by.” Dooley Wilson (1942)

Überhaupt diese Medien: Ohne sie wären wir wahrscheinlich gar nicht so vernarrt ins Küssen. Die Bilder großer Küsse haben uns verführt und geprägt. Clark Gable und Vivien Leigh in „Vom Winde verweht“ 1939 („Ich denke nicht daran, Sie zu küssen“ – hach!). Oder Humphrey Bogart in „Casablanca“ (1942), in seinen Armen Ingrid Bergman, die leidenschaftlich wispert „Küss mich, küss mich, als wäre es das letzte Mal.“ Bei solchen Bildern kann man doch nicht kalt bleiben. Und das sind wir auch nicht geblieben.

„Der Erfolg dieser Filme hat global auf eine Weise gewirkt, die man nicht erwartet hätte: Tatsächlich ist Hollywood verantwortlich für die weltweite Verbreitung des Kusses, die längst nicht so weit zurückliegt, wie man leicht annehmen könnte. Bevor diese Szenen auf die Sitten und Bräuche der fünf Kontinente abfärbten, war der Kuss aus Liebe eine Praktik, die in Afrika südlich der Sahara, in Asien, aber auch in Australien oder bei den Indianern mehr oder weniger unüblich war“, stellt Alexandre Lacroix fest und vergleicht den globalen Siegeszug des Kusses etwas prosaisch mit dem der Pizza. Wobei man wohl etwas länger nach berühmten Pizza-Filmen fahnden müsste.

Die berühmten Menschen machen es uns ohnehin vor. Manchmal sogar die Päpste. In früheren Zeiten war der Kuss auch für Geistliche ein Muss. „Grüßt alle Brüder mit dem heiligen Kuss“, so steht es in den Thessalonicherbriefen (5, 26). Und bis zu Papst Innozenz III. zu Beginn des 13. Jahrhunderts war der Kuss unter Christen beiderlei Geschlechts üblich. Es dauerte ein bisschen, bis ein anderer Papst fürs Küssen bekannt wurde: Johannes Paul II. küsste nach der Landung seines Flugzeugs stets das Rollfeld. Böse Zungen kolportierten, weil er mit Alitalia geflogen sei.

Der Kuss unter Staatsmännern (und -frauen) besiegelt Völkerfreundschaften: Im Ostblock schmatzten sich einst Breschnew und Honecker. Aber auch heute geht es zur Sache. So drückte Angela Merkel erst dem französischen Präsidenten Sarkozy einen Kuss auf die Lippen, später seinem Nachfolger Hollande – Hauptsache „French Kissing“ mit Angie.

Doch nicht jeder Kuss ist ein freundschaftlicher. Judas verriet im Garten Gethsemane den armen Jesus an die Römer. Und auch Cäsars Verschwörer im alten Rom nutzten die Geste heimtückisch: Erst küssten, dann erdolchten sie den Kaiser. Ein Kuss kann eben trügerisch sein, ganz abhängig vom Zusammenhang.

Womit wir wieder bei den tollen Tagen wären und der Frage: Warum nun wird im Karneval so viel geküsst? Weil der Kuss für eine kurze Zeit im Jahr von der Tiefe seiner Bedeutung befreit ist. Alles, was mit Tabu, was mit dauerhafter Bindung, was mit ehrlichem Gefühl verbunden ist, muss der Euphorie des rauschenden Festes weichen. Was nicht heißt, dass ein solcher Kuss weniger sinnlich sein muss. Doch im Karneval ist klar: Jeder Jeck darf Grenzen überschreiten, die er sonst beachtet. Und es ist ja auch nicht für allzu lange. Denn:

„Am Aschermittwoch ist alles vorbei,/ die Schwüre von Treue, sie brechen entzwei,/ von all deinen Küssen/ darf ich nichts mehr wissen/ wie schön es auch sei, dann ist alles vorbei.“ Jupp Schmitz (1953)

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