Smartphones

„Man merkt, wie nackt man im Netz ist“

Der Soziologe Harald Welzer von der Stiftung „Futurzwei“.

Der Soziologe Harald Welzer von der Stiftung „Futurzwei“.

Foto: imago/Gerhard Leber

Der Soziologe Harald Welzer warnt vor der „smarten Diktatur“ durch moderne Kommunikation und will eine Debatte um die Macht im Internet anstoßen.

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Das Smartphone ist für die meisten ein fantastisches Spielzeug und Kommunikationsmittel, doch seine Benutzung birgt nicht wenige Gefahren, gerade für die Gesellschaft. Der Soziologe Harald Welzer hat sie in seinem Buch „Die smarte Revolution. Der Angriff auf unsere Freiheit“ aufgezeigt. Wir sprachen mit dem Direktor der Stiftung „Futurzwei“ und ehemaligen Vorstand des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen über Überwachung und die Durchschaubarkeit des Menschen.

Herr Welzer, warum überlassen die Menschen heute freudig ihre Daten den Konzernen?

Weil jeder Konsumakt im Netz mit einem Akt der Weitergabe von Daten zusammenfällt. Und da wir eine Gesellschaft sind, die extrem stark um den Konsum zentriert ist, ist das natürlich das Einfallstor schlechthin. Das wird ja noch nicht einmal als Abgabe von Informationen interpretiert, sondern als Inanspruchnahme einer bequemen Dienstleistung, für die man dann erfreulicherweise nichts bezahlt.

Sie sehen darin auch eine Umverteilung von Macht in unserer Gesellschaft, schreiben Sie im Buch...

Bislang ist es eigentlich so gewesen, dass es nur sehr wenige Personen gab, die mehr über einen wussten als man selber. Vielleicht die Mutter, der Vater, ganz enge Freunde – und vielleicht wissen die im Austausch mit anderen Freunden etwas, was ich nicht weiß. Das ist aber ein sehr überblickbares Feld und es sind sehr enge soziale Beziehungen. Heute gibt es vollkommen anonyme Institutionen und Personen, die erheblich mehr über einen selbst wissen, als man über sich selber weiß. Da wird ganz klar die Veränderung von Machtverhältnissen deutlich. Wenn man sich das klarmacht, dann merkt man, dass man im Netz ziemlich nackt ist.

Im Prinzip ein Paradies für Geheimdienste, oder?

Wir wissen ja im Alltag überhaupt nicht, wie oft man etwas anklickt, mit wem eine Person kommuniziert, und zu welchen Personen die dann wieder Kontakt hat. Und das sind ja genau die Profile, die heute im Netz angelegt werden, die Metadaten, um die es geht. Es ist ein extremes Machtungleichgewicht, das da entstanden ist. Übrigens ein verheerendes Ungleichgewicht, wenn man sich jetzt mal böswillige Geheimdienste vorstellt, die gerne in Erfahrung bringen möchten: Mit wem spricht denn Herr Welzer seit fünf Jahren am meisten?

Das klingt ein wenig, als müssten wir uns vor der Zukunft fürchten...

Ich finde, Pessimismus ist in einer freien Gesellschaft nie angebracht, weil man gegen Dinge ja etwas tun kann. Aber um etwas zu tun, muss ja überhaupt erstmal verstanden werden, was da passiert. Und ich meine, die Fragen, die wir jetzt diskutiert haben, gehen ja weit über Fragen des Datenschutzes hinaus. Das geht ja ganz tief in Grundsätzliches, in unsere Form von Sozialität, von Gesellschaftlichkeit hinein. Es geht um die Abschaffung des Privaten, es geht um veränderte Machtbalancen.

Brauchen wir um diese Fragen eine neue Debatte?

Die Debatte darum wird ja bisher so gut wie überhaupt nicht geführt. Und insofern glaube ich: Wenn man sie führen und versuchen würde, die Entwicklung politisch zu steuern, dann hätte man Grund, optimistisch zu sein. Im Moment ist das aber alles eine Lawine, gegen die kaum etwas gemacht wird.

  • Harald Welzer: Die smarte Diktatur - Der Angriff auf unsere Freiheit. S. Fischer, 320 Seiten, 19,99 €
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