Das besondere Museum

Museum in Mettmann: In jedem von uns steckt ein Neandertaler

Im Museum zeigen teils sehr echt wirkende Figuren das Leben des Neandertalers. Mit Anzug und kurzem Haar würde er heute gar nicht auffallen.

Im Museum zeigen teils sehr echt wirkende Figuren das Leben des Neandertalers. Mit Anzug und kurzem Haar würde er heute gar nicht auffallen.

Foto: Michael Gottschalk

Mettmann.   2,8 Prozent unseres Genmaterials geht auf den Neandertaler zurück. Diabetes soll auf sein Konto gehen. Ein Besuch im Neanderthal-Museum.

Würde dieser Mensch an der Supermarktkasse stehen, würden Sie nicht stutzen: grauer Anzug, das Haar gescheitelt – wie ein Mann, der von der Arbeit kommt. Genau das wollen die Macher des Museums in Mettmann zeigen: Der Neandertaler ist kein Wilder. In jedem von uns steckt ein Neandertaler.

„Mr. 4 Prozent“, stellt Carina Bammesberger die Figur mit Anzug vor und räumt ein: „Er müsste nach neuen Erkenntnissen ,Mr. 2,8 Prozent’ heißen.“ So groß ist der genetische Neandertaler-Anteil in uns. Die Knochen dieser Menschenart wurde an einer 400 Meter vom Museum entfernten Stelle gefunden im Neandertal, das nach Joachim Neander (1650 - 1680) benannt wurde – Pastor und Verfasser von Kirchenliedern („Lobe den Herren“).

Die Entdeckung: ein neuer, alter Mensch

In diesem Tal entdeckten italienische Gastarbeiter 1856 beim Abbau des Kalksteins die Knochen. Erst der Naturforscher Johann Carl Fuhlrott erkannte, dass es sich nicht um Knochen eines Höhlenbären handelte, sondern um die einer menschlichen Spezies. „Fuhlrott wurde belächelt“, so die Archäologin Carina Bammesberger. Diese These passte nicht zur Schöpfungsgeschichte. Von Darwins Evolutionstheorie erfuhr die Welt erst drei Jahre später.

Das Neanderthalmuseum, das sich mit einem „h“ im Tal schreibt, um an die Schreibweise zur Zeit des Knochenfunds zu erinnern, zeigt keine rein archäologische Schau. Wobei auch in Schaukästen die heutige Arbeit von einem Knochenfund bis zur Untersuchung in mehreren Laboren veranschaulicht wird. Zum Beispiel stellen Forscher fest, wie viel Kohlenstoff, den wir zu Lebzeiten aufnehmen, ein Knochen enthält. So erfahren sie, wie alt der Fund ist. Auch verrät er, welche Augen und Haarfarbe der Besitzer hatte. Rotes Haar und dicke Haut, die bei Kälte schützt, gehen auf die Neandertaler-Gene zurück, so Bammesberger. Aber auch weniger Schönes wie Diabetes. „Genforscher können aus minimalen Knochenproben solche Sachen herausfinden. Das ist wirklich Wahnsinn.“

Die Menschenarten waren stark miteinander verwandt

Die Originalknochen des Neandertalers, die damals schon nach Bonn gegeben wurden, liegen heute im LVR-Landesmuseum. Das Neanderthalmuseum zeigt Abgüsse und Originalfragmente etwa eines Knies oder Schädels, die später gefunden wurden. Es sind auch Knochen von Frau und Kind dabei. „Es müssen sich hier mindestens drei Individuen aufgehalten haben.“

Woher kommen wir? Die Antwort vermittelt der Stammbusch – nicht der Stammbaum. Ein Busch sei verzweigter, auch lägen die Zweige dichter beieinander, so die 28-jährige Museumsmitarbeiterin. „Die Menschenarten waren viel stärker miteinander verwandt als man früher angenommen hat.“

Der Besucher kann sich beim Stammbusch einreihen. In der Nähe des Neandertalers, der vor 40.000 Jahren auf der Welt war – und des „Homo sapiens sapiens“. „Der erste Mensch in Afrika, in Marokko.“ Er hat schon vor 300.000 Jahren gelebt und ist dann nach Europa ausgewandert, wo er eine hellere Haut bekam, die ihm in sonnenärmeren Regionen die Aufnahme von Vitamin D erleichterte. „Wir wissen, dass sich Neandertaler und Homo sapiens sapiens getroffen haben und ein Genaustausch stattgefunden hat.“

Homo sapiens bedeutet „der Denkende“. „Der Neandertaler hat auch gedacht“, betont Carina Bammesberger. Und gesprochen hat er ebenfalls, wie ein Fund beweist: ein Zungenbein – ein kleiner Knochen unterhalb der Zunge. Aber nicht der „Homo sapiens neanderthalensis“, sondern sein Verwandter, der „Homo sapiens sapiens“, quasi „der doppelt gut Denkende“ hat überlebt. So gibt es heute nur eine einzige Menschenart auf der ganzen Welt.

Die lebensgroßen Figuren sind nach Skelettfunden geformt worden, lediglich der jeweilige Gesichtsausdruck entspringt der Fantasie der Franzosen Adrie und Alfons Kennis. Der Besucher mag dem „Homo sapiens sapiens“ nicht allzu lange ins Gesicht schauen – schließlich starrt man Menschen nicht an. Und diese Figur wirkt unfassbar echt.

Der Stammbusch im Museum führt zurück über den „Homo erectus“ bis zu „Lucy“, die zur Gruppe der „Menschenähnlichen“ zählt. Forscher entdeckten den 3.200.000 Jahre alten „Australopithecus afarensis“ 1974 in Äthiopien. Während der Ausgrabungen hörten sie „Lucy In The Sky With Diamonds“ von den Beatles – daher der Name. Auch Lucy konnte zumindest zeitweise aufrecht gehen. Aber warum entwickelte sich überhaupt der aufrechte Gang?

Zunächst dachte man, dass er beim Durchqueren der Wüste praktischer sei. Aber Forscher konnten belegen, dass er vor allem in Wäldern und in der Nähe von Wasser vorkam. Neben Klettern auf Bäumen ermöglichte der aufrechte Gang eine weitere Möglichkeit, Wege zu nehmen. Zudem geht man davon aus, dass er eine neue Nahrungsquelle ermöglichte: „Es macht einen Unterschied, wie man auf das Wasser schaut. Steht man aufrecht, kann man besser die Fische sehen.“

Die Neandertaler zogen in der Eiszeit mit Zelten umher, sammelten Früchte und jagten Mammuts. Aber auch Wisente, Auerochsen oder Wildpferde – wie sie in einem Gehege in der Nähe noch heute zu sehen sind. Wobei auch Frauen jagten. Carina Bammesberger: „Es gab keine Arbeitsaufteilung.“

>> DAS LIEBSTE AUSSTELLUNGSSTÜCK

Morgens schaut Carina Bammesberger stets bei Kina vorbei. Das Mädchen sitzt beinebaumelnd im Museum und lächelt sie an. Die Kennis-Brüder haben auch dieses Menschlein nach einem Fund aus Frankreich rekonstruiert. Ob die Siebenjährige vor 65.000 Jahren wirklich in solch einer Lederkleidung herumgelaufen ist, kann man nur vermuten. „Aber ganz sicher war sie warm bekleidet, weil es so kalt war.“

Auch Kina wird mit ihrer Familie zusammengelebt haben, die aber größer war als die bürgerliche. Meist zog eine Gruppe von etwa 25 Personen den Tieren hinterher. „Der Neandertaler war gedrungener, aber auch stärker“, so die Museumsmitarbeiterin. Er verfügte über dicke Knochen, einen ausgeprägten Überaugenbogen.

Zudem hatte er eine nach hinten fliehende Stirn und einen großen Kiefer sowie ein starkes Gebiss. Schließlich musste der Neandertaler anders zubeißen. Er konnte nicht wie wir Fleisch zart braten und weiches gekochtes Getreide essen, erklärt Carina Bammesberger ein paar der wenigen Unterschiede, während sie neben Kina Platz nimmt.

>> DIE SONDERSCHAU

Der Neandertaler hat nie einen Dino gesehen, dafür ein Mammut. In der neuen Schau „Einfach tierisch – Fotospaß mit Dino, Mammut und Co.“ werden teils ausgestorbene Tiere vorgestellt. Besucher können mit ihnen bis zum 3. November lustige Smartphone-Fotos machen.

Anfahrt: Talstr. 300, Mettmann. Barrierefrei. Fußweg führt zur Fundstelle. Ticket mit Sonderschau, Audioguide: 11 €, Kinder bis 16: 6,50 €, 4- bis 5-Jährige: 5 €. Eingeschränkte Parkmöglichkeiten.Tel: 02104 /97970, neanderthal.de

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