Das besondere Museum

Paare schmieden im Kettenschmiedemuseum den Bund fürs Leben

Keine menschliche Hand kann sie trennen: Jochen Hänel (64), Vorsitzender des Fördervereins, zeigt unterschiedliche Ketten.

Keine menschliche Hand kann sie trennen: Jochen Hänel (64), Vorsitzender des Fördervereins, zeigt unterschiedliche Ketten.

Foto: Olaf Fuhrmann

Fröndenberg.  Vor 20 Jahren bekam Fröndenberg ein Kettenschmiedemuseum. Hochzeitspaare gehen hier heute durchs Feuer – und das nicht nur im Wonnemonat Mai.

Wer möchte schon gerne an die Kette gelegt werden? So mag es vielleicht verwundern, dass gerade das Westfälische Kettenschmiedemuseum in Fröndenberg ein beliebter Ort für das Ja-Wort ist. Nicht nur im Wonnemonat Mai schmieden hier Paare ein Bund fürs Leben. Und das ist wörtlich zu nehmen, denn bei der Trauung stehen Braut und Bräutigam vor dem Schmiedefeuer und fügen zwei große Kettenglieder für immer zusammen.

„Möge Eure Ehe so sein wie diese Kettenglieder: Keine menschliche Hand kann sie trennen, kein Sturm verwehen“, zitiert Jochen Hänel den Spruch der Standesbeamtin. Der 64-Jährige ist Vorsitzender des Fördervereins und sieht, wie facettenreich so eine Kette ist. Sie steht eben nicht nur für Freiheitsberaubung bei Gefangenen und Sklaven. Sie ist mehr als nur für Hunde und Ochsen. Sie wirkt auch stark, beständig, nahezu unzerstörbar.

Und was wäre ohne sie alles nicht möglich gewesen: der Bergbau zum Beispiel – angefangen bei den Loren. „Die waren mit Kettenkupplungen aneinandergehängt.“ Bis hin zu der Kleidung, die die Bergleute mit einer Kette an die Decke der Waschkaue zogen. Und das Fahrrad mit seiner Kette – „Das Transportmittel des kleinen Mannes.“ Und nicht zuletzt: die Klospülung. Einmal an der Kette gezogen, rauschte das Wasser.

Finanzspritze dank Industriekultur

Mitten im Museum kommt man somit ins Philosophieren und taucht – mit dem Geruch nach altem Öl und dem Abbrand des 1500 Grad heißen Schmiedefeuers in der Nase – tief in die Geschichte der Kette ein. Doch selbst, wer nur eines im Sinn hat: Technik. Der kommt hier trotzdem auf seine Kosten – genau wie Scrabble-Spieler und Liebhaber langer Wörter: In der einen Ecke steht eine Handkettenverdrehmaschine, in der anderen eine Einzelgliederbiegemaschine und dort ein Kettenschweißautomat. Viele Geräte sind in den 1920er oder 30er Jahren gebaut worden und die meisten sind noch heute voll funktionstüchtig.

Hänel schiebt einen Stab in eine Maschine, drückt einen Hebel und heraus kommt genau die richtige Länge des Stangenstahls, um daraus in einem späteren Schritt in einer Biegemaschine ein U zu formen. Hänel: „Aus dem U wird im Schmiedefeuer die Kette gemacht.“ So romantisch wie das klingt, war das Handwerk natürlich nicht: „180 Glieder am Tag, sechs Tage die Woche, da warst du Mitte 30 durch.“

Eigentlich wollten die Museums-Macher, allen voran der mittlerweile verstorbene Adolf Ulmke und sein lustiges Fröndenberger Katastrophenorchester, lediglich eine Schützenhalle bauen. Aber dafür fehlte vor rund 20 Jahren das Geld. So fragten sie sich: Für was bekommt man denn heutzutage eine Finanzspritze? Die Antwort: Industriekultur!

Die Stadt der Ketten mit 4000 Arbeitsplätzen

„Wir waren die Stadt der Ketten“, so Hänel. 4000 Arbeitsplätze zählte Fröndenberg in diesem Handwerk in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Und einmal von der Kette gelassen, ließen sich Ulmke und das Katastrophenorchester nicht mehr lange bitten. Marita Pfeiffer von der Industriedenkmal-Stiftung beriet sie, Firmen spendeten alte Maschinen. Das Museum eröffnete schließlich im Mai 1999 in der ehemaligen Papierfabrik Himmelmann. „Hier wurde früher nie eine Kette geschmiedet“, gibt Hänel zu. Heute werden dafür in einem Raum nebenan zum Beispiel Konzerte gegeben, in der „Kulturschmiede“. Dort können auch Braut und Bräutigam mit den Gästen anstoßen, auf eine Ehe, in der sie fortan ihres eigenen Glückes Schmied sind.

>> DAS LIEBSTE AUSSTELLUNGSSTÜCK

Eine der vielen Maschinen sticht für Jochen Hänel besonders hervor: eine Elektrohandschweißmaschine von 1920. Sie markiert den Übergang von der handwerklichen zur industriellen Fertigung: „Von dem Augenblick an, wo es funktionierte, war sein Job weg“, sagt Hänel und zeigt dabei in Richtung der Feueranlage, vor der sonst der Schmied arbeitet.

Erstmals habe man mit dieser Apparatur ausprobiert, wie man mit Strom eine Kette schmiede

n kann. „Ihre ganzen Geschwisterchen wurden natürlich weggeschmissen, weil sie weiterentwickelt wurden. Es ist ein reines Glück, dass wir die Maschine funktionsfähig hier haben.“

Gesagt und angestellt: „Jetzt lasse ich Funken fliegen.“ Schon beginnt der gebogene Stab zu glühen, die losen Enden verschmelzen zu einem Kettenglied. Wie das genau funktioniert, hat sich Jochen Hänel von einem Fachmann erklären lassen. So werde mit Hilfe eines Kupferplattentransformators Starkstrom umgewandelt in Strom mit niedriger Spannung, etwa 5 bis 7 Volt, aber mit hoher Stromstärke von etwa 15.000 Ampere. Durch die Kupferelektroden gelange der Strom in die noch offenen Enden des gebogenen Stabs, die sich so erhitzen und dann zusammengepresst werden. „Das ist das Phänomen des Elektroschweißens.“

>> DER WEG INS MUSEUM

Westfälisches Kettenschmiedemuseum, Ruhrstraße 12, Fröndenberg.
April-Oktober: Samstag, Sonntag und an Feiertagen 10 - 16 Uhr; Schmiedezeiten: (am 1. Sonntag im Monat) stündlich 10.30 - 14:30 Uhr. Freier Eintritt. Führungen: 02303/82004.

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