Prävention

Pädophiler redet Klartext: Wie er kein Täter werden will

Sinnbild zum Thema: Pädophilie. Eine Neigung, die sich Betroffene nicht aussuchen.

Sinnbild zum Thema: Pädophilie. Eine Neigung, die sich Betroffene nicht aussuchen.

Foto: imago/Montage: A. Nix

Düsseldorf.   Daniel ist pädophil. Offen spricht er über seine ungewollte Neigung. Hilfe bekommt er durch eine Therapie, die Kindesmissbrauch verhindern soll.

Einer von 100 Männern gelte in Deutschland als pädophil. Daniel* ist einer von ihnen. Sein großes Ziel ist es, kein Täter zu werden. Kein „Monster“, wie er sagt. Jahrelang hat er es im Spiegelbild gesehen, angetrieben von ungeheuerlichen Fantasien. Von Sex mit Mädchen, vielleicht 12 oder 13 Jahre alt. Offen möchte er über seine Neigung sprechen. Eine Neigung, die sich niemand aussucht und die er mit Hilfe einer Therapie zu akzeptieren gelernt hat.

Schon ab der Pubertät sind Mädchen für ihn anziehend. „Mich reizte der Körper.“ Streng genommen spricht man in solchen Fällen nicht von Pädophilie, sondern von Hebephilie – die Liebe zu Mädchen auf dem Weg zum Frausein.

Fotos von Mädchen im Internet

In seiner Fantasie überschritt Daniel Grenzen – aber auch im Internet. Er schaute sich etwa Fotos von nackten Mädchen an, konsumierte kinderpornografische Inhalte – aufgezeichneter Missbrauch, wie es eigentlich heißen müsste. Doch Fotos sind schließlich Momentaufnahmen, ein Leid der Kinder und erzwungene Handlungen werden nicht sichtbar.

„Ich wusste, was ich tue, ist falsch.“ Er konnte aber nicht gegen seine Neigung ankämpfen. „Wenn ich wüsste, wo es in meinem Kopf ist – ich würde es rausschneiden.“ Dass er sich von jungen Mädchen angezogen fühlt, ist nicht seine bewusste Entscheidung. Deshalb ist es schwierig, diese Neigung moralisch zu bewerten.

Angefangen hat es mit 15 Jahren

Solange keine Grenzen überschritten werden, so wie bei den Bildern im Internet, an denen er sich regelmäßig berauscht hat. Angefangen hat es mit 15 Jahren. „Da macht man sich noch keine Gedanken darüber“, sagt Daniel. Schließlich sind die Mädchen in seinem Alter. Mit 20 aber merkt er, dass die Objekte seines Begehrens nicht mitwachsen. Die „Phase“ eines „Spätzünders“, so redet er es sich schön.

Mit der Zeit begreift er, dass etwas mit seiner sexuellen Neigung nicht stimmt. Er schottet sich ab, denn er will für niemanden eine Gefahr darstellen. „Ich habe mich im Spiegel angeguckt und nur das Monster gesehen.“ Getrieben vom Selbsthass denkt er an Selbstmord.

Bei „Kein Täter werden“ bekommt Daniel Hilfe

Aufgewachsen ist Daniel, der heute Ende 20 ist, in einer Großstadt im Ruhrgebiet. „Ich bin Pottkind.“ Er macht Abitur und studiert. Über seine Neigung schweigt er bis zu seinem 23. Lebensjahr. Mit niemandem spricht er über die Fantasien, die ihn innerlich zerreißen. Bis er sich einer Freundin anvertraut. Sie macht ihn auf die Therapie am Düsseldorfer Klinikum aufmerksam – nimmt er an dem Präventionsprojekt teil. Das war vor zwei Jahren.

„Kein Täter werden“ heißt das Netzwerk, und das ist auch das Ziel der Therapie: Kindesmissbrauch und der Konsum von Missbrauchsabbildungen sollen verhindert werden. Nur Pädophile mit Leidensdruck und eigener Motivation werden aufgenommen – Daniel erfüllt die Kriterien, er möchte Hilfe bekommen. „Ich war am Boden. Die Therapie war meine letzte Option.“

„Ich habe mich das erste Mal verstanden gefühlt“

Einmal die Woche nimmt Daniel an anonymen Gruppengesprächen teil. „Ich habe mich das erste Mal verstanden gefühlt.“ Er schaut in sieben andere Gesichter, die seinen Leidensdruck verstehen. Denn sie alle sind freiwillig hier und wollen für ihr Verhalten verantwortlich sein. Sie wollen kein Täter werden.

Sie wissen, Pädophilie kann nicht geheilt werden, und es gibt noch keine eindeutig kausale Erklärung dafür, wie die Neigung entsteht. Durch die Therapie erlernen die Teilnehmer, ihre Neigung aber zu akzeptieren und zu kontrollieren.

Nach zwei Jahren Therapie sagt er überzeugt: „Ich würde niemals ein Kind anfassen.“ Im Gespräch schaut er selten weg, sein Blick ist direkt. Er wirkt nicht nervös. Auch wenn Daniel anonym bleiben möchte, geht er in seinem Umfeld mit dem Thema offen um. Selbst eine zukünftige Freundin soll die Wahrheit erfahren. Doch das ist Zukunftsmusik. Er ist noch Jungfrau.

Viele Angehörige wenden sich ab

Gegenüber Freunden und der Familie hat er sich schon offenbart. „Du bist mehr als nur die Neigung“, so die verständnisvolle Reaktion. Soviel Glück haben nicht alle Teilnehmer der Therapie, viele Angehörige und Freunde wenden sich ab.

Das hat auch mit der gesellschaftlichen Wahrnehmung zu tun. Bei dem Gedanken an Pädophilie gelangen Menschen schnell zum Thema Kindesmissbrauch. „Übergriffe werden aber oft von Menschen begangen, die keine pädophile Neigung haben“, sagt Daniel. Den Tätern gehe es um Macht, Kinder seien da ein leichtes Opfer.

Keine Berichte über Kindesmissbrauch

Es gibt Studien, die Daniels These stützen: Das Netzwerk "Kein Täter werden" teilt mit, das etwa 60 Prozent der sexuellen Übergriffe sogenannte Ersatzhandlungen seien. Das heißt, die Täter sind eigentlich auf erwachsene Sexualpartner ausgerichtet, begehen aber Kindesmissbrauch. Nur etwa jeder dritte Täter erfülle die diagnostischen Kriterien der Pädophile. Pädophilie per se als Missbrauchs-Täter zu führen, ist also nicht richtig. Trotzdem passiert es. Angst vor Übergriffen, etwa bei den eigenen Kindern, spielt eine Rolle.

Angst, die Daniel nach wie vor auch hat. Er liest keine Berichte über Kindesmissbrauch – sie machen ihn wütend, weil Menschen Grenzen überschreiten. Aber er hat auch Angst, dass die Beschreibungen in ihm Verlangen auslösen könnten. Gedanken, die er durch die Therapie weit weg geschoben hat. Oft fragt er sich: „Warum ich? Was habe ich getan?“ – Antwort wird er nie bekommen. „Ich kann es nicht ändern, aber ich kann Verantwortung übernehmen.“ Nur so werden Menschen wie Daniel nicht zum Täter.

>>> Hier bekommen Betroffene Hilfe:

Seit fünf Jahren gibt es das Präventionsprojekt „Kein Täter werden“ am Uniklinikum Düsseldorf (elf Standorte bundesweit): für Menschen, deren Begehren auf Kinder und Jugendliche ausgerichtet ist.

Die Betroffenen sollen in Gruppen- und Einzeltherapien lernen, ihre Neigung zu kontrollieren, ohne Grenzen zu überschreiten. Freiwilligkeit ist Voraussetzung. Männer, gegen die ein Verfahren läuft, sind ausgeschlossen.

Zur Klärung der Diagnose erfolgt ein intensives Interview etwa über sexuelle Vorlieben. Den Therapeuten geht es darum herauszufinden, ob ein Teilnehmer wirklich pädophil ist.

Aktuell befinden sich 82 Teilnehmer in therapeutischer Behandlung. Davon 25 in der Nachsorgegruppe – so wie Daniel. Die Therapie ist kostenlos, ambulant und anonym (keine Krankenkassenkarte erforderlich).

Kontakt: praevention@med.uni-duesseldorf.de oder 0211-81-19303. Info: kein-taeter-werden.de

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